Das Augmented-Reality-Jahr 2019 im Schnelldurchlauf: AR-Gesichtsfilter, namhafte Pleiten, Hololens 2 … und dann lange nichts.

Kabetec VR-Brille

Von Pleiten und Neustarts

Das Augmented-Reality-Jahr 2019 startete mit Pleiten: Mit Meta, das fast keine AR-Brillen verkaufte, und ODG, das zuvor Übernahmeangebote ausschlug, erwischte es Anfang des Jahres gleich zwei etablierte AR-Brillenhersteller.

Im September 2019 musste überraschend der auf Industrie-AR-Brillen spezialisierte Hersteller Daqri aufgeben – trotz einer Finanzierung über rund 275 Millionen US-Dollar.

Das mit 275 Millionen US-Dollar finanzierte AR-Unternehmen Daqri hat einem Bericht zufolge den Betrieb eingestellt.

Die AR-Helme von Daqri waren für die Industrie optimiert. Bild: Daqri

Immerhin: Im letzten Moment wurde das schon im Insolvenzverfahren befindliche AR-Startup Blippar von einem Investor gerettet. Und die Technologie von Meta lebt im neuen Unternehmen Meta View weiter.

Apropos Pleiten: Die finanzielle Lage beim hochgehandelten AR-Brillenhersteller Magic Leap scheint alles andere als rosig zu sein. Angeblich wurden seit Sommer 2018 nur rund 6.000 AR-Brillen verkauft und es kommt zu Entlassungen.

Das Unternehmen will zeitnah eine neue Investitionsrunde verkünden. Und Magic-Leap-Chef Rony Abovitz verspricht, dass sein Unternehmen noch für viele weitere Jahre AR-Brillen entwickelt. Die nächste Generation AR-Brille mit Magic Leap Two soll ab 2020 als Prototyp gebaut werden.

Augmented Reality goes Mainstream als AR-Filter

2019 nutzten Milliarden Menschen Augmented Reality – ohne es zu wissen. Gesichtsfilter bei Snap, mit denen man sich digital verjüngen oder eine Geschlechtsumwandlung vornehmen kann, gingen in Social Media viral.

Auch Facebook setzt im Messenger und neuerdings bei Instagram umfassend auf AR-Filter, die sowohl von Unternehmen zu Werbezwecken als auch von Nutzern hochgeladen werden.

Mittlerweile ist die Technologie so weit fortgeschritten, dass die Digitalchirurgie visuell erstaunlich glaubhafte Ergebnisse produziert.


Es muss nicht immer gleich die komplette Verwandlung sein: Apple zum Beispiel justiert die Pupillen bei Facetime-Anrufen digital nach, sodass beim Telefonat der Eindruck eines Blickkontakts entsteht – obwohl man ja eigentlich nur in die Smartphone-Kamera schaut. Auch das ist Augmented Reality.

Volle Lippen, große Augen, hohe Wangenknochen: Für die gerade heranwachsende Generation Mixed Reality dürfte es selbstverständlich sein, dass das digitale Selbst mit AR-Technik im Smartphone beliebig formbar wird – dafür muss sie das Wort Augmented Reality (alle News) gar nicht kennen.

Der Instagram-AR-Filter “Fix Me” sorgte in diesem Kontext für eine Kontroverse: Er legt digital Notizen auf das Gesicht, wie sie ein Chirurg vor einer Operation einzeichnen würde. Facebook löschte den Fix-Me- und weitere AR-Filter zur digitalen Schönheitschirurgie und versprach neue Rahmenbedingungen für “positive AR-Filter”.

AR-Filter für Schönheitschirurgie sorgt für Instagram-Kontroverse

Immer realistischere Augmented-Reality-Filter im Smartphone, und irgendwann vielleicht mal mit der AR-Brille, verändern, wie wir die Welt sehen – und uns selbst. Bild: Screenshot / Daniel Mooney

Eine weitere bedeutende Entwicklung für die AR-Branche: Google integriert seit Mai digitale 3D-Modelle von Objekten, Produkten oder Tieren in die eigene Suche.

Diese 3D-Modelle können dann mit AR-Technik in Originalgröße in den Raum projiziert werden. Unternehmen stellt das vor die Herausforderung, ihre Design-, Service- und Werbeprozesse zu synchronisieren – sofern sie in Googles 3D-Suche eine gute Rolle spielen wollen. Die 3D-Modelle erscheinen seit Dezember auch in der deutschen Google Suche.

Was nicht passierte: Kein AR-Spaziergangspiel reicht auch nur ansatzweise an den Erfolg von Pokémon Go heran, obwohl mit Harry Potter AR und Minecraft AR (lest dazu auch unseren Minecraft AR – Guide) bekannte Marken an den Start gingen.

Pokémon Go und dann lange nichts: Bislang gelang es keinem AR-Spiel, auch nur ansatzweise an den Erfolg des Vorbilds heranzureichen. Bild: Sensortower

Pokémon Go und dann lange nichts: Bislang reicht kein AR-Spiel an den Erfolg des Vorbilds heran. Einzig in Japan ist Dragon Quest AR finanziell erfolgreich. Bild: Sensortower

Die AR-Spiele sind deshalb nicht zwingend Flops: Microsoft, Niantic und Co. haben mehr Interesse an den Nutzerdaten als am unmittelbaren App-Umsatz. Die Daten sollen helfen, die Augmented-Reality-Cloud Realität werden zu lassen.

Hololens 2 ist der neue AR-Brillenstandard

In Sachen Hardware spielte Microsoft im Februar den großen Trumpf: Die AR-Brille Hololens 2 (alle Infos) soll verändern, wie in Unternehmen gelernt, designt und über Distanz digital kommuniziert wird.

AR-Brillen 2019: Bis auf Hololens 2 und Nreal war nicht viel los. Bild: MIXED

AR-Brillen 2019: Bis auf Hololens 2 war nicht viel los. Bild: MIXED

In der Tat: Im Vergleich zum Vorgängermodell ist Hololens 2 viel bequemer und das zwar noch immer schmale, aber immerhin etwas breitere Sichtfeld mit circa 50 Grad diagonal erweitert die Anwendungsszenarien.

Das Fazit unseres Hololens 2 Vorabtests: Während Hololens 1 in erster Linie für Experimente und Tech-Demos interessant war, könnte Hololens 2 gut genug sein für den Produktiveinsatz in Unternehmen.

Microsoft selbst bezeichnet die AR-Brille als “Business-ready”. Eine detaillierte Einschätzung gibt’s in unserem wöchentlichen XR-Podcast Folge #161.

Enttäuschend ist, dass Microsoft bei der Auslieferung von Hololens 2 schwächelt. Nur ausgewählte Partner erhielten die Brille bislang. Angeblich gibt es Probleme bei der Produktion des komplexen optischen Systems. Versprochene Lieferungen sollen sich bis weit in 2020 verzögern.

AR-Brille für jedermann dauert noch

Für Endanwender hingegen haben Hololens 2 und andere Highend-AR-Brillen noch keine Relevanz, dafür ist die Technik zu teuer und noch lange nicht ausgereift genug.

Daran wird sich wohl so schnell nichts ändern: Microsofts Optik-Architekt Bernard Kress bestätigte uns, dass selbst Hololens 3 nur für die Industrie geplant ist. Weder sei die Technik reif, noch existierten spannende Anwendungsszenarien, die so gut sind, dass Menschen für sie freiwillig eine Brille aufsetzen.

“Meta ist gescheitert, ODG ist gescheitert, Daqri ist gescheitert, Castar ist gescheitert, die erste Version von Google Glass ist gescheitert, Vaunt ist gescheitert und North musste die Preise für die eigene Brille um 60 Prozent senken und kann sie noch immer nicht verkaufen”, sagt mir Kress.

North kündigt Focals 2.0 an. Sie soll leichter und leistungsfähiger sein.

Die schlanke Smartphone-Datenbrille Focals 2.0 soll 2020 erscheinen. Sie soll leichter und leistungsfähiger sein, bietet aber nicht den Funktionsumfang von Highend-AR-Brillen wie Hololens oder Magic Leap. Sie ist eher ein Smartphone-Display für die Nase, kein Smartphone-Ersatz. Bild: North

Das ist also eine wesentliche Erkenntnis aus 2019: Wenn eine alltagstaugliche AR-Brille überhaupt gebaut werden kann, dann wird es nicht zeitnah passieren. Smartphone-Datenbrillen wie Focals oder Nreal könnten ab 2020 die Vorhut bilden für einen echten Smartphone-Ersatz in Brillenform.

Die Gerüchte um eine Apple AR-Brille reißen zwar nicht ab, auch Facebook arbeitet ganz offiziell an einem potenziellen Smartphone-Ersatz für die Nase. Samsung forscht an einer Augmented-Reality-Brille und Sonys AR-Prototyp ist sogar schon im Einsatz. Aber vor 2021 – frühestens – ist wohl nicht mit marktreifen Produkten zu rechnen.

Die Branche hofft, dass schnelle 5G-Netze schlankere AR-Brillen ermöglichen: Inhalte könnten gestreamt, statt lokal berechnet werden. Dann müsste weniger Hardware in die Brille verbaut werden, was das Gewicht reduzieren und einen komfortableren Formfaktor ermöglichen würde.

Aber wie schnell 5G zum flächendeckenden Standard wird und ob die versprochenen technischen Spezifikationen gehalten werden können, ist noch völlig unklar.

Es bleibt also bis auf weiteres dabei: Die AR-Zukunft wird am sichersten noch immer in Jahren und im Konjunktiv prognostiziert.

Virtual Reality 2019 und was 2020 passiert: Lest jetzt den großen VR-Jahresrückblick.

Titelbild: Leap Motion / Ultraleap

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