In diesem Artikel lest ihr, welchen Eindruck Hololens 2 beim ersten Ausprobieren hinterlassen hat. Was hat sich im Vergleich zur Hololens 1 geändert?

Auf der Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) demonstrierte Microsoft die neue Augmented-Reality-Brille Hololens 2. Rund eine halbe Stunde konnte ich mir das Gerät aufsetzen und in Ruhe eine Trainingsanwendung von Bosch sowie Entwickler-Demonstrationen testen.

Schon unmittelbar nach dem Einschalten der Brille – der Augenabstand wird kurz automatisch per Eye-Tracking ausgemessen und eingestellt – steht für mich fest: Hololens 2 ist deutlich besser als die Vorgängerbrille.

Die AR-Brille sitzt bequem auf dem Kopf, ist schnell justiert, die Projektionen sind hell, klar und liegen stabil sowie zitterfrei und exakt auf dem realen Trainingsobjekt.

Mit Augmented-Reality-Training hat's der Ingenieur weniger schwör: Zum Beispiel lernt er visuell direkt an einem technischen Gerät dessen Aufbau. Bild: Bosch

Mit Augmented-Reality-Training hat’s der Ingenieur weniger schwör: Zum Beispiel lernt er visuell direkt an einem technischen Gerät dessen Aufbau. Bild: Bosch

Die AR-Projektionen der Demo passen im Vergleich zum Vorgänger jetzt etwas besser ins Sichtfeld. Das ist mit rund 50 Grad diagonal zwar noch immer schmal – tritt man zu nahe an ein digitales Objekt heran, dann verschwindet es an den Rändern aus dem Blickfeld – aber im Vergleich zur Briefmarkenoptik bei Hololens 1 ist der Fortschritt signifikant.

Hololens 2 im Ausprobiert-Test: Endlich echte Handinteraktion

Wer die erste Hololens-Brille mal auf dem Kopf hatte, erinnert sich wahrscheinlich ungern an die umständliche und unzuverlässige Gestensteuerung.

Hololens 2 ist in dieser Hinsicht deutlich verbessert: Digitale Objekte lassen sich jetzt mit einer Hand oder mit zwei Händen greifen und intuitiv größer oder kleiner ziehen. Mit dem Zeigefinger kann man auf Objekte zeigen, sie an sich heranziehen oder Schaltflächen auf Distanz aktivieren.

Die Handinteraktion mit Hololens 2 funktioniert gut: Digitale Objekte lassen sich greifen, vergrößern und verkleinern. Etwas ungewohnt ist es dennoch, nur in die Luft zu fassen. Bild: Bosch

Die Handinteraktion mit Hololens 2 funktioniert gut: Digitale Objekte lassen sich greifen, vergrößern und verkleinern. Etwas ungewohnt ist es dennoch, nur in die Luft zu fassen. Bild: Bosch

Sogar einzelne Finger werden erkannt. Das Fingertracking ist zwar präzise, aber nicht frei von Latenz, wie man es zum Beispiel gefühlt von VR-Controllern kennt. Eine geringe Verzögerung ist spürbar. Virtuos ein digitales Klavier spielen wird man nicht können, aber es dürfte für die meisten Business-Szenarien reichen. Ergänzend unterstützt Hololens 2 Sprachsteuerung.

Vom Prototyp zum Produktivgerät

Hololens 2 hat einen technischen Reifegrad erlangt, ab dem ich mir vorstellen kann, dass die AR-Brille in ausgewählten Szenarien sinnvoll als Arbeitsgerät eingesetzt werden kann. Hololens 1 hat diesen Punkt aufgrund des viel zu engen Sichtfelds aus meiner Sicht nie erreicht.

Für einen detaillierteren Test bot meine Demo freilich nicht genug Zeit und Abwechslung. Ob das Display bei allen Inhalten ein gutes Bild liefert und das Tracking auch bei widrigen Bedingungen so stabil ist, wird sich im Alltag zeigen. Wir werden unseren Ausprobiert-Test mit mehr Details aktualisieren, sobald wir mehr Zeit mit der AR-Brille verbringen konnten.

Mit Hololens 2 funktioniert endlich die Handinteraktion. Bild: MIXED

Mit Hololens 2 funktioniert endlich die Handinteraktion. Bild: MIXED

Microsoft: AR-Brille “Hololens 2 ist Business ready”

Ein Microsoft-Sprecher teilt meine Einschätzung, dass Hololens 1 in erster Linie für Entwickler und für Experimente interessant war, um sich mit AR-Technologie vertraut zu machen.

Hololens 2 hingegen werde intern als “Business ready” betrachtet, sei also für den Produktiveinsatz in Unternehmen vorgesehen. Training steht als Anwendungsszenario ganz oben auf der Liste.

Vernetztes Arbeiten mit mehreren Hololens-Brillen ist möglich. Bild: MIXED

Vernetztes Arbeiten mit mehreren Hololens-Brillen ist möglich. Bild: MIXED

In der von mir betrachteten Bosch-Demo lerne ich digital über das Innenleben einer Spule eines Hybridantriebs. Bosch benutzt diese Anwendung intern fürs Training und entwickelt mit Partnern ähnliche Angebote für andere Unternehmen.

Ein Bosch-Mitarbeiter begleitet mich per Hololens-1-Brille durch die Demonstration und erzählt mir, dass das visuelle Training direkt am Gerät viel Zeit einsparen kann. Je nach Anwendungsszenario könnten Trainingszeiten von zwei Stunden – klassisch per Video und Handbuch – auf 15 Minuten verkürzt werden.

Bei früheren Versuchen wurden bis zu zehn Hololens-Brillen miteinander vernetzt für kollaboratives Arbeiten. Außenstehende ohne AR-Brille oder Trainer können eine Trainingseinheit auch per Tablet fernsteuern. Das folgende Video von Bosch zeigt ab 00:36 kurz die Demo, die ich mir ansehen durfte.

Hololens 2: Keine Konkurrenz in Sicht

Microsofts AR-Brille ist sicher nicht konkurrenzlos gut. Aber Konkurrenz gibt es dennoch nicht. Am Rande der Demonstration sprach ich mit dem Inhaber einer deutschen Augmented-Reality-Agentur, die Anwendungen für die Industrie umsetzt.

Die Agentur ist neben Mobile-AR mittlerweile voll auf Hololens 2 eingestellt. Konkurrenzbrillen wie Magic Leap One spielen keine Rolle – obwohl Magic Leap häufig an die Tür klopfe und Kooperationsangebote unterbreite. Microsoft sei mit Hololens sowohl bei Hard- als auch bei Software weit voraus.

Abseits von Magic Leap gibt es ohnehin kaum konkurrierende Unternehmen, mit Daqri ging gerade ein möglicher Kandidat Pleite: Der Markt für Business-AR-Brillen könnte über Jahre fest in Microsofts Hand sein. Zum Veröffentlichungszeitpunkt für Hololens 2 wollten sich die Microsoft-Vertreter partout nicht äußern. Auch das September-Gerücht kommentierten sie nicht.

Für Endanwender noch lange nicht interessant

Für Endanwender ist Hololens 2 noch lange nicht interessant. Nicht nur wegen des hohen Preises oder fehlender Apps, sondern weil die Technik außerhalb von ganz spezifischen B2B-Szenarien noch nicht ausgereift ist. Hololens-Erfinder Alex Kipman sieht das ebenso.

Das wiederum liegt hauptsächlich am optischen System und hier speziell an der Sichtfeldweite. Eine Hololens 2 mit 100-Grad-Sichtfeld oder mehr wäre schon jetzt eine spannende Monitoralternative am Schreibtisch und ein Portal zum 3D-Web, das einen im Gegensatz zur VR-Brille nicht von der Außenwelt abschirmt. Ob so ein Gerät mal gebaut werden kann, muss sich erst noch zeigen – nicht jeder glaubt daran, zumindest nicht zeitnah.

Weiterlesen über Hololens 2:


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