Das Augmented-Reality-Jahr 2018 verlief unspektakulär. Einen Aufmerksamkeitshubbel gab es im Sommer rund um Magic Leap – leider anders, als erhofft.

Vor einem Jahr beim Rückblick auf das AR-Jahr 2017 schrieb ich: “Die große Vision einer allgegenwärtigen, visuell erweiterten Realität mit SciFi-Brille statt Smartphone ist noch viele Jahre entfernt. […] Außerdem sucht die Branche nach Anwendungsszenarien, die über visuelle Gimmicks hinausgehen.”

Ich zitiere diese Bestandsaufnahme an dieser Stelle, da sie Ende 2018 unverändert gilt. Sieht man mal von der pragmatischen Datenbrillen-Nutzung in der Industrie ab, die mit der SciFi-Vorstellung einer fortschrittlichen Augmented Reality wenig gemein hat, wartet die Branche sowohl auf durchschlagende Soft- als auch Hardware.

Der Marktstart von Magic Leap One konnte daran wenig ändern – im Gegenteil. Mit Meta steht außerdem ein wichtiger AR-Brillenhersteller vor größeren Veränderungen.

Unsere Top-3-Ereignisse für Augmented Reality in 2018:

Platz 1: Magic Leap One kommt auf den Markt

Eigentlich hätte Magic Leap One der große – oder wenigstens kleine – Durchbruch für Brillen-AR werden sollen. Zumindest, wenn man Magic Leaps Werbeabteilung glauben schenkte, die über Jahre hinweg mehr versprach, als die Ingenieure im Unternehmen letztlich halten konnten.

Dass Magic Leap nach Milliarden-Investitionen, viel Geheimniskrämerei und Hype nur eine AR-Brille auf Hololens-Niveau auf den Markt bringen konnte – zum Teil besser, zum Teil schlechter – sagt viel darüber aus, wie schwierig es ist, bei AR signifikante technische Fortschritte zu erzielen: Hololens erschien 2016, Magic Leap One im August 2018.

Besonders schwer wiegt, dass Magic Leap One nicht den angekündigten Durchbruch bei der Displaytechnologie brachte. Das enge Sichtfeld behindert den Praxisnutzen der Brille. Stellt euch vor, ihr arbeitet 1995 an einem schnellen Rechner mit Highspeed-Internet – angeschlossen an einen Miniaturmonitor im 4:3-Format. Das taugt vielleicht für eine Demo, aber für ernsthaftes Arbeiten ist es nicht geeignet. Diese knifflige Situation müssen die Hersteller überwinden.

Mit einigen Tausend verkauften Entwicklerbrillen und Hololens 2 vor der Nase wird Magic Leap im kommenden Jahr beweisen müssen, dass der eigene Geschäftsplan gut kalkuliert ist. Immerhin beschäftigt das Unternehmen mehr als 1.600 Mitarbeiter, die am Monatsende ihren Lohn erwarten.

Platz 2: Augmented-Reality-Unternehmen Blippar geht Pleite

Das britische AR-Unternehmen Blippar sammelte seit der Gründung 2011 rund 130 Millionen US-Dollar Investorengelder ein. Für was eigentlich? Denn ein Geschäftsmodell konnte Blippar nicht finden: AR-Werbung, Objekterkennung, Navigation, AR-Dateiformate samt Plattform – alles ausprobiert, nichts wirkte.

Letztlich fand das Unternehmen keinen ausreichend lukrativen Umsatzstrom und musste Ende 2018 in die Insolvenz. Laut Blippar hat ein einzelner Aktionär eine weitere Finanzierungsrunde und damit die Rettung des Unternehmens verhindert. 75 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verlieren ihren Job.

Die Pleite Blippars ist symptomatisch für den aktuellen Zustand der AR-Branche: Es gibt viele spannende Ideen, Konzepte, Versuche. Aber sehr wenige sind technisch so ausgereift und nutzerorientiert, dass sie am Markt als Produkt bestehen können.

Platz 3: AR-Brillenhersteller Meta steht womöglich vor dem Aus

Im September gab der AR-Brillenhersteller Meta eine noch nicht näher definierte Neuausrichtung bekannt. Laut Gründer Meron Gribetz ist Trumps Handelskrieg gegen China Verursacher einer Unternehmenskrise.

“Die chinesische Regierung bat unseren Hauptinvestor, den Vertrag im Hinblick auf die jüngsten Schritte der Trump-Administration neu zu bewerten”, sagt Gribetz gegenüber Bloomberg. “Das war ein großer Schock für uns.”

Zwei Drittel der Mitarbeiter wurden vorübergehend beurlaubt. Die Zukunft des Unternehmens ist unklar.

Meta ist seit 2012 am Start, die AR-Brille Meta 2 (Test) wird seit März 2016 an Entwickler und Unternehmen verkauft. Das Gerät war bis zum Start von Magic Leap One stärkster – und einziger – Hololens-Konkurrent.

Metas Vision: Die Brille soll im Büro der Zukunft sämtliche Monitore ersetzen und neue 360-Grad-Arbeitsplätze ermöglichen, die 2D- und 3D-Inhalte nahtlos miteinander vermischen und bei denen digitale Screens frei im Raum platziert werden können. Gesteuert wird der Arbeitsplatz mit den Händen und via Stimme. Das klappt technisch allerdings nicht mal im eigenen Büro besonders gut.

Ausblick 2019: Die AR-Branche schaut auf Microsoft

Im kommenden Jahr steht Microsoft mit Hololens 2 im Fokus. Magic Leap hat den Redmondern den Ball auf den Elfmeterpunkt gelegt, jetzt müssen sie nur noch einschieben, um auf längere Sicht zum unangefochtenen AR-Marktführer zu werden.

Dafür braucht es allerdings eine technisch signifikant verbesserte Hololens-Brille, die sich über Demos und Konzeptstudien hinaus als nützlicher Computer im Arbeitsalltag erweist. Prototypen gibt es schon genug. Wenn Microsoft dieses Kunststück gelingt, sieht die AR-Zukunft wieder etwas rosiger aus.

Weitergehen wird es bei Augmented Reality mit dem Smartphone, allerdings sollte man keine technische oder inhaltliche Revolution erwarten. Dafür sind die Einsatzszenarien von Smartphone-AR zu begrenzt. Ein Erfolg wäre es, wenn Niantics eigener Pokémon-Go-Klon mit Harry-Potter-Thema erneut zum Hit werden könnte. Das wäre der Beweis, dass der AR-Spielehit keine Eintagsfliege war.

Womöglich ergeben sich neue App-Ideen, wenn 3D-Scanner standardmäßig in Smartphones verbaut werden. Angeblich sollen Apples und Samsungs nächste Smartphone-Generation entsprechende Hardware bieten.

Weitere spannende AR-Meldungen aus 2018:

Titelbild: Leap Motion, Project North Star


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