5 VR-Produkte, die (noch) ziemlich schlechte Ideen sind

5 VR-Produkte, die (noch) ziemlich schlechte Ideen sind

Die jüngere VR-Geschichte ist voll von Fehltritten und Ideen, deren Zeit noch nicht gekommen ist. Wir präsentieren euch fünf Produkte und Geräteklassen, die in der aktuellen Form kein VR-Nutzer braucht.

Bei welchen VR-Produkten habt ihr selbst schon den Kopf geschüttelt oder sie für komplett überflüssig gehalten? Schreibt sie in die Kommentare!

Google Cardboard

Es ist kompliziert mit Google und XR. Mit der Datenbrille Google Glass marschierte das Unternehmen beispielhaft früh voran und erlebte einen empfindlichen Dämpfer, die eigene Smartphone-AR-Initiative Tango scheiterte am fehlenden Nutzen für alle Beteiligten und in das Flop-Start-up Magic Leap versenkte Google mehr als eine halbe Milliarde US-Dollar, ohne dass bislang viel dabei herauskam.

Auch an VR verbrannte sich Google die Finger: Keines von Googles halbgaren und schnell wieder abgebrochenen VR-Projekten (Google Daydream, Lenovo Mirage Solo) hat heute noch Relevanz und mit Google Cardboard hat das Unternehmen der VR-Industrie im Rückblick eher geschadet als geholfen.

Die VR-Brille aus Pappe, in die man sein Smartphone steckt, sollte Virtual Reality den Massen schmackhaft machen, aber erreichte wohl eher das Gegenteil. Kein anderes VR-Produkt dürfte der breiten Bevölkerung mit seiner Steinzeit-Technik und der statischen 3DoF-Perspektive so stark den VR-Appetit – und Magen! – verdorben und davon überzeugt haben, dass Virtual Reality ein Gimmick ist.

Ende 2019 wurde das Projekt Open Source und wanderte auf Googles geräumigen XR-Friedhof. Die Trauer hält sich in Grenzen.

Google Cardboard

Ein Pappkarton, zwei Plastiklinsen und ein Smartphone. Fertig ist die Virtual-Reality-Brille – nicht. | Bild: Google

Feelreal-Riechmaske

Der Begriff der Virtual Reality impliziert es schon: In der höchsten Ausbaustufe müsste die Technologie alle Sinne ansprechen, sodass man digitale Welten sehen, hören, fühlen und sogar riechen und schmecken kann.

Das Start-up Feelreal versuchte sich gleich zweimal an einem Modul, das den Geruchssinn anspricht. Die erste Kickstarter-Kampagne von 2015 scheiterte, bei der zweiten im Jahr 2019 kam immerhin genug Geld zusammen, um das Projekt ernsthaft anzugehen. Die Riechmaske sollte an der Unterseite von VR-Brillen befestigt werden und Gerüche, Wärme, Feuchtigkeit und Vibrationen absondern.

Feelreal versprach breite Kompatibilität mit VR-Brillen verschiedener Hersteller. | Bild: Feelreal

Wer sich mit olfaktorischer Wahrnehmung beschäftigt hat, weiß, dass sich Geruchsnoten nicht aus elementaren Komponenten zusammensetzen lassen, wie etwa ein Bildschirm das Bild aus den Grundfarben Rot, Blau und Grün generiert. Das macht es schwierig, auch nur eine geringe Bandbreite von Gerüchen zu simulieren. Ganz zu schweigen davon, dass es eine kostspielige Angelegenheit wäre, regelmäßig Aroma-Kapseln auszutauschen.

Wie gut oder schlecht das Feelreal-Riechmodul ist, werden wir nie herausfinden. Ende 2020 blockierte die US-Lebensmittelbehörde FDA die Zulassung des Geräts, weil es sich um ein Vaping-Produkt handelt und diese damals ins Kreuzfeuer der Prüfer gerieten.

Das Feelreal-Team wollte eine Modifikation an der Riechmaske vornehmen, um doch noch eine Zulassung zu erwirken. Seit dem Update von Ende 2020 hörte man jedoch nichts mehr vom Start-up. Böse Zungen behaupten, dass die Blockade dem Hersteller gerade recht kam und mich interessiert, ob die Kickstarter-Unterstützer jemals ihr Geld wiedersahen.

Immerhin: VR-Guru und Facebook-Berater John Carmack kann sich vorstellen, dass Riechmodule in Zukunft Relevanz haben könnten. Sie wären jedoch sehr eingeschränkt in ihrer Simulationsfähigkeit und man müsse zuerst ein System erfinden, das nicht auf abgesonderten Flüssigkeiten oder Dampf basiere, schreibt Carmack.

Vresh

Der VR-Hype trieb anfangs seltsame Blüten. Eine davon ist die VR-Plattform Vresh des Hollywood-Regisseurs Roland Emmerich. Nach einer Reihe erfolgreicher Katastrophenfilme sehnte sich der Regisseur wohl nach einer realen Katastrophe – und führte sie mit seinem VR-Produkt selbst herbei.

Vresh sollte eine Videoplattform für 360-Grad-Inhalte werden, die sich an junge Social-Media-Nutzer richtet. Weil VR-Brillen (Vergleich) klobig und uncool sind, entwarf sein Start-up eine angeblich sozialverträgliche Smartphone-Halterung, die lediglich aus einem Brillengestell und Linsen besteht und die es erlauben sollte, überall und jederzeit immersive Filme anzuschauen.

Das Problem abseits von Smartphone-VR: Die Vresh-Brille sieht eher wie ein medizinisches Instrument aus, mit dem man sich sicher nicht in der Öffentlichkeit blicken lassen will. Dagegen ist Googles Cardboard eine Schönheit.

Vresh

Keine VR-Parodie: Die „hippe“ Smartphone-Halterung Vresh. | Bild: Vresh

Noch peinlicher ist das von Emmerich gedrehte Werbefilmchen, das sich zuerst schlimmster VR- und Gamer-Stereotypen bedient und sich anschließend selbst als Rettung anpreist. Zum Schaudern und Fremdschämen, wirklich.

Erstaunlicherweise hielt Vresh bis Ende 2019 durch, die Webseite ist noch immer im Netz. Vielleicht plant Emmerich ja eine Fortsetzung.

VR-Handschuhe

Versteht mich nicht falsch: Die haptischen Handschuhe des US-Herstellers HaptX sind die beeindruckendsten und fortschrittlichsten Geräte ihrer Art.

Aber für sie gilt das Gleiche wie für viele weitere VR-Handschuhe, Riechmodule und Laufmaschinen: Es ist aufwendiges, sündhaft teures Zubehör, das viel mehr verspricht, als es hält, und das angesichts des enormen technischen Aufwands und der hohen Kosten einen geringen immersiven Mehrwert bietet.

Wenn überhaupt, stiften VR-Handschuhe in Nischenanwendungen der Industrie Nutzen. Fürs eigene Zuhause oder VR-Arcades stimmt Preis-Leistung nicht. Und selbst wenn das Zubehör günstig wäre: Wie viele Endanwender wollen sich wohl wie im Robocop-Kindergeburtstag-Kostüm fühlen, nur um acht Prozent mehr Realismus aus der VR-Simulation zu kitzeln?

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Die neuesten HaptX-Handschuhe sind deutlich schlanker als frühere Modelle. Ja, das ist das schlanke Modell. | Bild: HaptX

Möglicherweise kommt die Zeit der haptischen Handschuhe noch. Irgendwann. Doch in der Gegenwart sind sie nur ein technisches Kuriosum und der ganz eigene Versuch der VR-Industrie, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.

VR-Laufmaschinen und -schuhe

Das alte Problem mit der Fortbewegung in VR. In diesem Bereich wurde schon viel versucht, wie unser Artikel zu den ausgefallensten Geräte für VR-Fortbewegung beweist: von rotierenden Nussschalen über Rollschuhe bis hin zu den guten alten Laufmaschinen, die wir aus Science-Fiction-Filmen wie Ready Player One kennen. Es gibt nichts, was es nicht gibt.

Meinem achtjährigen Ich hätte es bei diesem Konzept die Schuhe ausgezogen - vor Begeisterung. Bild: Hyneman

Nein, der VR-Laufschuh „Vortex“ war leider kein Aprilscherz. | Bild: Hyneman

So naheliegend und einfach die Idee einer VR-Tretmühle auch zu sein scheint, so komplex und kostspielig ist deren Umsetzung. Die Laufmaschine fürs eigene Zuhause muss platzsparend, leicht, mobil, günstig und sicher sein, um am Markt zu bestehen. Schauen wir uns die Produkte an, die es so weit geschafft haben, so erfüllen sie ein, höchstens zwei dieser Kriterien.

Das wohl größte Problem ist die Sicherheit. Kein Hersteller ist auf Massenklagen wegen Prellungen und gebrochener Knochen vorbereitet und sperrt die VR-Nutzer deshalb lieber in einen Laufstall oder kettet sie an einen beweglichen Arm. Beides verhindert natürliche Bewegung und Immersion eher als sie zu fördern. Glaubt mir, ich habe es selbst ausprobiert.

Ihr seid nicht überzeugt und haltet Laufmaschinen für eine coole Idee? Dann schaut euch das folgende Video des VR-Youtubers Nathie an, der die an Endverbraucher gerichtete Laufmaschine Kat Walk C ausprobierte und nicht gerade mit Lob überhäuft. Ja, die Nutzung ist genauso bequem und natürlich wie sie aussieht, nämlich gar nicht.

AR-Bonus: Vuzix Smart Swim

Damit Augmented Reality nicht zu unschuldig wirkt, soll an dieser Stelle auch ein AR-Produkt erwähnt werden: die Unterwasserdatenbrille Smart Swim, ein klobiges Stück Technik, das mit Gummibändern am Kopf und einer herkömmlichen Schwimmbrille befestigt wird.

Die Grundfunktion scheint erst mal sinnvoll: Schwimmer sehen ihre Zeit und Geschwindigkeit eingeblendet, ohne auf die Smartwatch schauen zu müssen. Doch alles Weitere, wie „In-Pool-Kommunikation“ mit dem eigenen Trainer und ein Media-Player sind technischer Overkill.

Oder hatten ihr schon mal das Bedürfnis, beim Schwimmen Netflix zu schauen? Das Konkurrenzprodukt, die Form Swim Goggles, verzichtet auf diesen technischen Schnickschnack. Wenn Hersteller ihre XR-Produkte mit so irrelevanten Gimmicks bewerben, laufen sie Gefahr, dass der wahre mögliche Nutzen nicht mehr wahrgenommen wird – sofern er denn überhaupt existiert.

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Vuzix wirbt mit einer Media-Player-Funktion für seine smarte Schwimmbrille. Wer kommt auf solche Ideen? | Bild: Vuzix

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