Nach großem Hype schrammte Magic Leap im Mai haarscharf an der Firmenpleite vorbei. Nach wie vor steht das Unternehmen auf der Kippe, das noch vor ein paar Jahren die Welt verändern wollte. Was ging schief?

Ehemalige Angestellte von Magic Leap werfen Firmengründer Rony Abovitz schlechte Führung vor: Sämtliche Entscheidungen hätte Abovitz treffen wollen, er habe aber nicht die notwendige Zeit investiert, sich mit Details zu befassen, berichtet Bloomberg nach Gesprächen mit mehreren Quellen. Auch das Feedback-Verhalten bei Projekten von Angestellten sei sprunghaft gewesen.

Letztlich sei das Unternehmen wie gelähmt gewesen: Es konnte die große Brillen-Vision technisch nicht erfüllen, Abovitz sei aber auch nicht der Lage gewesen, die selbstgesteckten Ziele zu reduzieren.

“Rony glaubt wirklich daran und hat sein Bestes gegeben”, sagt die ehemalige Angestellte Spencer Lindsay. “Doch er konnte keine Zugeständnisse an die Realität machen.”

Investor: “Wir hatten alle Kool-Aid getrunken”

Eine Business-Entscheidung von Abovitz war, eine ehemalige Motorola-Fabrik in Florida zu einer Magic-Leap-Manufaktur umzubauen. Er wollte im Apple-Stil eigene Hardware herstellen. Die einzelnen Komponenten wurden dann nach Mexiko transportiert und dort zur Magic-Leap-Brille (Test) zusammengesetzt.

“Ich bin mir nicht sicher, warum es niemanden gab, der gesagt hat, dass man die ganze Sache zum jetzigen Zeitpunkt so nicht aufbauen kann”, sagt ein früher Investor von Magic Leap.

Dieser findet deutliche Worte für das, was bei Magic Leap schiefging: Wie viele andere Investoren ließ er sich von einer Augmented-Reality-Demo mit einem großen Projektor beeindrucken, dessen Technologie anschließend in Brillenform hätte miniaturisiert werden sollen – was Magic Leap nicht gelang.

“Alle waren so überzeugt, wir hatten alle das Kool-Aid gemeinsam getrunken. Niemand stoppte und sagte: ‘Dieses Produkt ist Mist'”, so der Investor. “Das erste Mal, als ich die richtige Brille aufsetzte, dachte ich nur: ‘Oh Mist. Ihr habt euer Versprechen nicht gehalten.'”

Video: Mit solchen Konzeptvideos schuf Magic Leap viel Aufmerksamkeit, doch die tatsächliche Technologie konnte die in sie gesteckten Erwartungen nicht ansatzweise erfüllen.

Apple wollte Magic Leap kaufen

Schon 2016 soll Abovitz mehrere Verhandlungsgespräche zu einer möglichen Übernahme mit Apple geführt haben. Auch Facebook-Chef Mark Zuckerberg und Google CEO Sundar Pichai sollen in Magic Leaps Hauptquartier in Florida auf Stippvisite gewesen sein.

Magic Leap soll 2019 erneut eine Übernahme in Erwägung gezogen haben, um stattdessen dann doch mehr Investorengelder zu akquirieren. Bestehende Investoren hätten Abovitz weitere Unterstützung zugesagt.

Als dann im März die Corona-Pandemie losging und Abovitz weitere Gelder benötigte, kam es zum Bruch – Abovitz versuchte erst, Magic Leap zu verkaufen, was nicht gelang. Dann zog er die Notbremse: Entlassungen.

Abovitz plant sein nächstes Projekt

Bei Twitter bleibt Abovitz nach der Berichterstattung von Bloomberg dabei, dass er und Magic Leap den Anfang von einer neuen Computer-Ära eingeläutet haben.

“Lasst uns 2025 und 2030 noch mal unsere Notizen über die Zukunft der Computer vergleichen”, schreibt Abovitz. “Wir stehen am Anfang von unglaublich coolen Veränderungen. Habt Geduld und wartet ab, wie sich die Geschichte entwickelt.”

Abovitz zieht einen Vergleich: Die Chirurgieroboter seiner ersten Firma Mako Surgical Robotics hätten von der ersten Idee 1995 bis 2006 benötigt bis zur ersten Operation und seien jetzt, 2020, im Mainstream angelangt. Offiziell gegründet wurde Mako Surgical Robotics allerdings erst 2004 – der Vergleich hinkt also. Abovitz verkaufte die Firma 2013 für rund 1,65 Milliarden US-Dollar an die Stryker Corporation.

Laut Bloombergs Quellen will Abovitz ein neues Unternehmen starten, das Entertainment-Apps für Smartphones und AR-Geräte entwickelt.

Quelle: Bloomberg; Titelbild: Rony Abovitz / Screenshot einer Magic-Leap-Konferenz

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