Kommentar

Xbox-Chef Phil Spencers sagt, niemand wolle VR. Eine grundlegende Fehleinschätzung oder korrekt? Ein Kommentar.

Torwart-Titan Kahn meinte mal: Wir brauchen Eier! Damit wollte er ganz gender-korrekt (Frauen haben erheblich mehr davon als Männer!) sagen, dass es Erfolg bringt, wenn man mutig Dinge tut.

Phil Spencer ist ein leuchtendes Beispiel für Eier. Microsofts Xbox-Chef stellt sich gern hin und setzt in Marketingmanier fette Statements ab. Beispielsweise meinte er 2015 im Hinblick auf die Veröffentlichung des Xbox-exklusiven Halo 5, Microsoft sei wieder in der Position, die Gaming-Industrie anzuführen.

Konsolen-Rangliste: Der ewige Zweite wird bald Dritter

Ende September 2019 stellt sich die Führungsfrage auf dem Markt eher nicht. Sony vertickt PlayStations wie geschnitten Brot. 102,8 Millionen PS4 haben den Weg in die Wohnzimmer dieser Welt gefunden.

Der gute Phil hält sich hingegen über die Verkaufszahlen der Xbox One ziemlich bedeckt: Schätzungen sprechen von rund 43 Millionen Geräten, die seit dem Marktstart 2013 verkauft wurden.

Selbst Nintendos Switch verkauft sich offenbar besser: Seit ihrem Release im März 2017 wurden über 41 Millionen Konsolen unters Volk gebracht.

Nun denkt Microsoft ja in Dekaden und will seine Führungsrolle sukzessive ausbauen. Könnte man annehmen. Immerhin wurden viele Entwicklerstudios gekauft, die sicherlich bald irgendwann womöglich Exklusivtitel veröffentlichen, die eine Xbox Scarlett, die Folgekonsole der Xbox One, zum Hit machen sollen. Ninja Theory zum Beispiel, die mit Hellblade: Senua’s Sacrifice ein grandioses Action-Adventure veröffentlicht haben.

„Niemand will Virtual Reality“

Das lässt sich übrigens ganz fantastisch in VR genießen. Und angesichts der Tatsache, dass die Xbox One so gar keine VR-Option bietet, Windows Mixed Reality faktisch an Microsofts ausgestrecktem Arm verhungert und gleichzeitig Sony (schon wieder die Japaner!) weit über vier Millionen PlayStation VR verkauft hat, könnt man vermuten, dass Microsoft für Xbox Scarlett eine VR-Idee hat.

Nicht mit Onkel Phil. Der setzte sich vor Kurzem hin und ließ im Plauderton fallen, dass VR für Xbox Scarlett kein Thema sei. Der Grund: Niemand fragt danach.

Das musste ich erstmal verdauen. Da ist ein riesiger Tech-Konzern, der sagt, er macht etwas nicht, weil keine Nachfrage danach besteht.

Okay, wenn das jeder so machen würde, dann würden wir wohl heute noch gebückt gehen und Fleisch über einem offenen Feuer braten. Findet auch Shuhei Yoshida, Präsident der Sony Interactive Entertainment Worldwide Studios. Der twitterte nämlich als Antwort, dass Sony oft an Technologien arbeite, nach denen noch keiner gefragt hätte.

Sony schüttelt ungläubig den Kopf und Halo ist sozial

Warum meint Phil also, Xbox brauche kein VR? Immerhin hat Microsoft 2017 noch versprochen, Xbox bekäme Windows Mixed Reality-Unterstützung. Das steht übrigens noch heute so da. Bloß wurde daraus so gar nichts. Nicht, dass aus Windows Mixed Reality überhaupt was geworden wäre, die Plattform wurde von Microsoft offenbar klammheimlich aufgegeben.

Aber in der gleichen Zeit, in der Microsoft sich mit der Rolle als ewiger Zweiter (bald Dritter, Grüße an Nintendo!) offenbar abgefunden hat, veröffentlichte Sony mit Resident Evil 7, Moss (Test), Astro Bot (Test), Blood & Truth (Test) und vielen VR-Spielen richtige Knaller, die eine Nachfrage nach mehr PSVR-Titeln ausgelöst haben.

Für mich steht außer Frage, dass Sony früher oder später für die PlayStation 5 eine PSVR 2 rausbringen wird, die vor allem das nervige Tracking, die größte Schwachstelle des ansonsten sehr guten VR-Headsets, ausbügeln wird. Dann wird auch der Systemseller kommen, Moss 2, natürlich. Ach kommt schon, lasst mir doch meine kleinen Illusionen und Träume.

Aber Spencer geht noch weiter. Für ihn ist VR etwas Isolierendes, nichts Soziales. Er wiederholt einfach die längst widerlegte Dauerthese von Flat-Fanbois und glaubt, deshalb wolle kein Xbox-Kunde VR. Weil Singleplayer-Halo spielen ja so sozial ist.

Eine Nische zu besetzen heißt nicht automatisch, keine Zukunft zu haben

Vielleicht will aber auch nur niemand eine Xbox? Die erheblich größere Menge an exklusiven Topspielen hat definitiv Sonys Konsole. Und sind die Millionen PSVR-Besitzer unsozial?

Ich selbst habe schon häufig PSVR-Spiele mit anderen zusammen gezockt, die auf dem Fernseher mitgeschaut haben, sich abwechselten und überhaupt eine Menge Spaß dran hatten. Geht halt nichts über kreischende Partner oder Freunde, die man der Kitchen-Demo aussetzt.

Ja, Phil, ich weiß, dass VR eine Nische ist. Das schmieren einem die Flat-Gamer häufig genug aufs Brot. Sogar die Witcher-Macher quatschen VR ohne Not kleiner, als es eigentlich ist.

Ja, VR ist noch vergleichsweise klein, aber es wird sich aller Unkenrufe zum Trotz durchsetzen. Davon bin zumindest ich als ausgemachter Enthusiast überzeugt. Vielleicht nicht morgen, vielleicht noch nicht in fünf Jahren. Doch jeder, der VR ausprobiert hat, weiß, dass die Möglichkeiten gigantisch sind. Nicht bloß für Zocker, vor allem auch in Bildung, Medizin, Industrie und vielen Branchen mehr.

Niemand will VR? Wer sich heute nicht mit den Technologien von morgen auseinandersetzt, der verschläft die Zukunft. Bei einem Konzern, der mit Hololens im AR-Markt Erfolge feiert, sollte man annehmen, dass die Weitsicht auch in die Virtual Reality reicht. Oder lässt man sich etwa von den Ergebnissen der maximal halbherzigen Windows-Mixed-Reality-Initiative abschrecken?

Zwei Hoch-Zeiten und ein Todesfall

Halbherzig meint: Microsoft hat VR nach einem maximal mittelmäßigen Versuch an den Nagel gehängt. Bei Augmented Reality sind sie dagegen voll dabei, Marktführer sogar. Die Hololens 2 (Vorab-Test) ist derzeit die ausgereifteste AR-Brille, die man kaufen kann.

Die Frage, die sich hier aber wirklich stellt: Warum nutzt Microsoft bei der offenbar bestehenden Infrastruktur für XR die Möglichkeiten nicht auch für eine Weiterentwicklung von VR? Und bitte fangt nicht wieder mit dem Kabel und der Isolation an – das lockt doch nur noch VR-Abstinenzler hinterm Ofen vor.

Microsoft muss sich also bewusst und strategisch gegen VR entschieden haben. Wäre nicht das erste Mal, dass sich jemand bei technischen Voraussagen erheblich irrt – da haben die Redmonder sogar selbst ein paar Aussagen in den Top-10-Fehleinschätzungen der letzten Dekaden.

“Der Fernseher wird sich auf dem Markt nicht durchsetzen. Die Menschen werden sehr bald müde sein, jeden Abend auf eine Sperrholzkiste zu starren.” Diese Aussage machte der Chef von 20th Century Fox, Darryl Zanuck, im Jahr 1946.

Microsoft-Gründer Bill Gates soll 1993 angeblich seinem Team gesagt haben, das Internet sei nur ein Hype, sie sollen sich wichtigeren Dingen zuwenden.

Und Ex-Microsoft Chef Ballmer meinte 2007 ernsthaft in einem Interview, das iPhone von Apple habe keine Chance auf einen signifikanten Marktanteil, es sei zu teuer.

Aus Fehlern lernen ist etwas Gutes!

Apple ist mittlerweile eines der wertvollsten Unternehmen der Welt und verkauft mäßig innovative Handtelefone für vierstellige Preise, während es das Windows Phone nicht mehr gibt. Durch das Internet können heute die ungeeignetsten Personen in mächtigste Positionen aufsteigen. Und in den meisten Haushalten gibt es heute mehr als einen Fernseher.

Lieber Phil: Sei kein Darryl, werde nicht zum Ballmer und mach dich nicht zum Bill.

Technologie entwickelt sich nicht von selbst. Sie ist vielmehr das Ergebnis der Anstrengung intelligenter Individuen, die zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Problemen arbeiten. Sprich mal mit Michael Abrash von Facebook darüber, der kann dir noch ein bisschen was beibringen.

Denk auch mal über kurzfristige Umsatzprognosen hinaus und schau, wie Microsoft wirklich wieder eine Führungsposition im Gaming erreichen kannst. Heißer Tipp: Mit ewigem Hinterherhecheln wird das nichts. Voranschreiten kann da schon eher helfen, auch wenn die Nachfrage heute noch keine Dollarzeichen in deine Augen treibt.

Vielleicht wollen dann auch wieder mehr Leute eine Xbox haben?

Letzte Aktualisierung am 9.12.2019 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API / Preis inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten

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