Mit Nreal, RealX und Am Gläss sollen in China zeitnah gleich drei stylische AR-Brillen auch für Endverbraucher auf den Markt kommen. Verpennen westliche Hersteller den Brillen-Trend?

Der chinesische AR-Brillenhersteller Nreal wehrt sich aktuell gegen Vorwürfe, dass in der eigenen AR-Brille Technologie des US-Unternehmens Magic Leap steckt. Der Rechtsstreit läuft.

Davon unbeeindruckt will Nreal die eigene AR-Brille “Light” im ersten Halbjahr 2020 Endverbrauchern in China auf die Nase setzen. Eine Entwicklerversion wird seit Ende 2019 frei verkauft – und die AR-Brille  von Nreal kommt bei ersten Testern durchaus gut an.

Nreal kämpft neben den Vorwürfen von Magic Leap aber auch mit potenziellen Nachahmern im eigenen Land: Die beiden AR-Startups 0glasses mit RealX und Pacific Future mit Am Gläss wollen AR-Brillen auf den Markt bringen, die der Nreal-Brille in puncto Design, Formfaktor und Funktion stark ähneln. Auf der CES 2020 stellten die beiden Unternehmen ihre Geräte vor.

Am Gläss von Pacific Future

Underdog ist das Drei-Mann-Startup Pacific Future mit Sitz in Hongkong. Die Gründer aus Australien, Frankreich und Malaysia haben in China ein Netzwerk aus Managern und Investoren aufgebaut, um ihre AR-Brille “Am Gläss” zur Marktreife zu führen.

Äußerlich erinnert Am Gläss deutlich an das Nreal-Vorbild, technisch gibt’s wenigstens einen Unterschied: Zusätzlich zu den beiden in den Linsen eingelassenen Kameras links und rechts sitzt eine dritte RGB-Kamera in der Mitte des Brillengestells.

Die genaue Funktion der dritten Kamera ist noch nicht bekannt. Vermutlich bringt sie Vorteile bei Raumerfassung und -tracking. Trotz der drei Kameras soll das Gewicht von Am Gläss bei leichten 88 Gramm liegen – das ist alltagstauglich.

Das Display der Am Gläss ist mit einem Sichtfeld von 52 Grad bei einer 1080p-Auflösung auf dem Papier quasi identisch zu Nreal Light. Als Zuspieler kommt ein Android-Taschencomputer zum Einsatz, der über eine USB-3.1-Verbindung mit der Brille verbunden wird.

Das Betriebssystem der AR-Brille ist Android 7.1. Sensoren und Schnittstellen für Wi-Fi, Bluetooth, Bewegungserfassung und GPS sind in der Hardware integriert. Der Akku mit 4700 mAh kann gewechselt werden.

Verschiedene Nasenauflagen und Brilleneinsätze sollen dafür sorgen, dass die AR-Brille in jedem Gesicht bequem sitzt und von Menschen mit Sehschwäche verwendet werden kann.

Bedient wird die AR-Brille über Gesten und Spracheingabe. Ein Mikrofon ist in der Brille verbaut. Über die Kameras soll sie außerdem Objekte und Bilder erkennen.

AR-Brille "Am Gläss" von Pacific Future von schräg unten

AR-Brille “Am Gläss” von Pacific Future. BILD: Pacific Future

Die Entwicklerversion der Am Gläss geht für 1.100 US-Dollar in den Verkauf, also knapp unterhalb des Nreal-Preises mit 1.200 US-Dollar. Entwickler können Anwendungen mit Unity, Vuforia oder Pacific Futures eigenem Amreal SDK programmieren.

Beim Taschencomputer-Prozessor setzt Pacific Future derzeit noch auf den etwas älteren Snapdragon 835 mit vier Gigabyte Arbeitsspeicher: Bei der Nreal-Konkurrenz kommt schon der Snapdragon 845 zum Einsatz – allerdings nur bei der Entwicklerversion. Die Verbraucherversion wird mit dem Smartphone betrieben, ein Taschencomputer ist nicht dabei. Dafür kostet sie dann nur rund 500 US-Dollar.

Wann eine Version für Endverbraucher der Am Gläss erscheint, ist noch nicht bekannt. Die AR-Brille kommt unter anderem in chinesischen Themenparks zum Einsatz.

RealX von 0glasses

Das schon 2014 – also vor Nreal – gegründete China-Startup 0glasses aus Shenzen präsentierte auf der CES 2020 erstmals die AR-Brille RealX. Auch sie erinnert rein äußerlich stark an Nreal Light. 0glasses brachte vor RealX schon die beiden AR-Brillen 0glasses Pro (2016) und 0glasses Danny (2017) in China auf den Markt.

Mit einem Gewicht von rund 70 Gramm, einer Auflösung von 1080p und einem Sichtfeld von rund 50 Grad ist RealX technisch fast identisch mit den Konkurrenzbrillen Nreal Light und Am Gläss. Laut 0glasses kann die Brille einen fast 100 Zoll großen Monitor mit FullHD-Auflösung ins Sichtfeld simulieren.

Auch RealX wird mit einem Android-Taschencomputer verbunden oder kann alternativ an einen PC beziehungsweise via USB-C an ein flottes Smartphone angeschlossen werden.

RealX unterstützt sogar Eye-Tracking: Das entsprechende Modul liefert der chinesische Eye-Tracking-Spezialist 7invensun – so wie bei Nreal. Weitere Eingabemethoden sind Sprach- und Gestenerkennung sowie Fernsteuerung über ein verbundenes Gerät wie ein Smartphone. Der Hersteller unterstützt verschiedene Programmierschnittstellen.

0glasses bietet für RealX verschiedene Korrekturlinsen mit unterschiedlichen Transparenzstufen an. Mit dunkleren Gläsern wie bei einer Sonnenbrille soll die AR-Brille auch beim Außeneinsatz noch ein gutes Bild liefern. Unterschiedliche Nasenpolster erhöhen die Nasenkompatibilität.

AR Brille RealX von 0glasses, von einem mann und einer Frau getragen

Ob die AR-Brille RealX von 0glasses auch so gut funktioniert, wie sie auf diesem Bild aussieht? BILD: 0glasses

Hersteller 0glasses gibt an, dass er dank Partnerschaften mit China Mobile, China Telecom und China Unicom im ersten Halbjahr 2020 einige Tausend Brillen ausliefern will. Regionen außerhalb Chinas sollen folgen. Preis, Lieferdatum und Lieferumfang sind noch nicht bekannt.

Ein weiterer möglicher Nreal-Konkurrent ist “AR Glass” von Vivo. Der chinesische Smartphone-Hersteller zeigte die Brille erstmals Anfang 2019.

China geht voran: Verpennen Facebook, Apple, Google und Co. den Brillentrend?

In Anbetracht der Schwemme an stylischen, bezahlbaren AR-Brillen chinesischer Hersteller ohne westliches Gegenstück fragt sich der Augmented Reality-interessierte Marktbeobachter: Warum gibt’s solche Geräte noch nicht bei uns?

Die Antwort: Die großen Unternehmen wie Facebook, Apple und Google investieren zwar Milliarden in Forschung und Entwicklung für fortschrittliche AR-Brillen, die eines Tages mal das Smartphone ablösen könnten.

Sie gehen allerdings ausnahmslos davon aus, dass die Brillentechnologie derzeit noch nicht gut genug ist, um viele Menschen zu begeistern. Neben der noch etwas klobigen Bauform fehlen schlicht die Anwendungsszenarien.

Mit Hololens 2 vor der Nase muss Magic Leap schleunigst nachlegen.

Magic Leap One ist noch am ehesten die Antwort auf China-AR-Brillen wie die von Nreal. Technisch kann Leap One mehr, ist dafür aber auch teurer und klobiger – und kein Verkaufshit. Bild: Magic Leap

Dieser App-Mangel ist technisch bedingt, da tolle Anwendungsszenarien eine großartige Infrastruktur wie die AR-Cloud und viel Rechenleistung benötigen. Magic Leaps One-Brille bleibt in der Lagerhalle liegen und gilt der Branche so als warnendes Beispiel: Unausgereifte Hardware in Kombination mit weitgehend uninteressanter Software verkauft sich nicht. Neuheit alleine ist ein schwaches Verkaufsargument.

Zehn Jahre bis zur Marktreife von AR-Brillen?

Gut möglich, dass zunächst schnelle 5G-Netze flächendeckend verfügbar sein müssen, damit westliche Tech-Konzerne den ersten Schritt wagen, hin zur Mainstream-Brille. Denn 5G soll dank einer geringen Übertragungslatenz hochwertige XR-Inhalte direkt in die Brillen streamen können. Die Inhalte müssten dann nicht mehr lokal berechnet werden, was sich positiv auf Funktion, Gewicht und Design der AR-Brillen auswirken soll und somit letztlich auf ihren Nutzen.

Westliche Hersteller geben bei fortschrittlichen AR-Brillen meist einen Zeitplan von fünf bis zehn Jahren bis zur Marktreife an. Mal schauen, ob sich bis dahin AR-Brillen in China schon durchgesetzt haben. Und ob sich eine von ihnen erfolgreich in den Westen verirrt.

Einfachere Datenbrillen für das Smartphone könnten auch bei uns früher erscheinen bzw. sind mit North Focals schon verfügbar.

Weiterlesen über AR-Brillen:

Quellen: Next Reality 1 / 2, Webseiten von Pacific Future, 0glasses

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