Auf dem Tribeca Film Festival feierte ein neuer und lang erwarteter VR-Animationsfilm seine Weltpremiere: Madrid Noir. Seit dem 1. Juli ist er exklusiv im Oculus Store erhältlich für Quest und Quest 2. Was erwartet Euch – und lohnt sich der Kauf?

Autorin: Pola Weiß

Madrid Noir: Premiere beim Tribeca Film Festival

46 Minuten. Nicht zehn, nicht zwanzig, nein: sechsundvierzig Minuten. Als ich diese Zahl lese, freue ich mich. Das ist für VR-Filme ungewöhnlich. Denn mit der Länge kommen viele Herausforderungen: zu teuer zu produzieren, zu lang für die Festival-Ausstellungen, zu schwer zu verkaufen, zu unbequem unter der VR-Brille für das Komfort liebende Filmpublikum.

Vor allem der letzte Punkt ist nicht ganz von der Hand zu weisen: Ich stehe in meiner Dachgeschosswohnung und schwitze bei 37 Grad Zimmertemperatur unter dem Headset. Dennoch: Bequemer, als nach New York zum Tribeca Film Festival zu fliegen, wo Madrid Noir seine Weltpremiere feiert, ist es allemal.

Die Reise war auch gar nicht nötig, denn das Festival zeigte einen Großteil seiner VR-Sektion Corona-bedingt zum zweiten Mal online. Dieses Jahr geschah dies in der App Museum Of Other Realities als virtuelles Großereignis namens XR3 und im Zusammenschluss mit dem New Images Festival und Cannes XR. Einige wenige XR-Projekte waren allerdings trotzdem zu der zeitgleich in New York stattfindenden Veranstaltung eingeladen für das Publikum vor Ort. Madrid Noir war nicht darunter.

So wage ich mich also vom heißen Deutschland aus ins Madrid der 30er-Jahre. Inhaltlich passt das Wetter eigentlich hervorragend, denn der VR-Film handelt von dem Mädchen Lola, das einen Sommer bei ihrem Onkel in Madrid verbringt.

Der Onkel ist nicht besonders nett zu Lola, dafür freundet sie sich mit seinem niedlichen Hund an. | Bild: No Ghost/ Atlas V

Der Onkel ist nicht besonders nett zu Lola, dafür freundet sie sich mit seinem niedlichen Hund an. | Bild: No Ghost/ Atlas V

Eine Familiengeschichte

Doch von vorne. Erzählt wird die Geschichte von Lola selbst. Wir lernen sie als junge Frau kennen, die nach Madrid gekommen ist, um die Wohnung ihres Onkels auszuräumen und seinen Nachlass zu ordnen. Manolo Monreal, Lolas Onkel, wird seit Längerem vermisst und ist inzwischen für tot erklärt worden.

In dieser Rahmenhandlung bin ich Lolas stilles Helferlein. Sie spricht mit mir, ich mache für sie das Licht an und darf ihr den Telefonhörer reichen, wenn ihre aufgebrachte Mutter sie wieder einmal anruft und fragt, warum wir nicht schneller sind mit dem Sortieren von Manolos Sachen.

Schnell wird deutlich, dass sich die erwachsene Lola nicht vollkommen wohlfühlt in ihrem Leben: Ihre bald stattfindende Hochzeit wischt sie beiläufig im Gespräch beiseite und auch sonst wirkt sie nachdenklich, suchend.

Neben den Handgriffen, mit denen ich ihr assistiere, ist meine Hauptaufgabe das Zuhören. Denn je nachdem, welche Dinge wir in den Schubladen oder Kartons finden, erinnert sich Lola nach und nach und fängt an zu erzählen. Dann begleite ich sie in ihre Erinnerungen und sehe einem kleinen Mädchen zu, das zum ersten Mal in Madrid ist und auf den Sommer ihres Lebens hofft.

Einmal Detektiv sein in Madrid Noir

Dass die junge Lola schrecklich enttäuscht werden wird, ist vorhersehbar: Ihr Onkel hat kaum Zeit für sie und, schlimmer noch, schließt sie in der Wohnung ein, wenn er das Haus verlässt. Doch, wie merkwürdig, er schleicht sich auch oft nachts hinaus oder trifft zwielichtige Gestalten unter dem Balkon.

Klein-Lola, die sich inzwischen mit dem süßen Hündchen ihres Onkels angefreundet hat, findet schnell eine Beschäftigung. Rebellisch, wie sie ist, durchsucht sie heimlich den Schreibtisch von Manolo und hält seine Treffen unbemerkt mit ihrer Fotokamera fest. Was führt ihr Onkel nur im Schilde? So nimmt das Detektivspiel seinen Lauf.

Entwickelt wurde der VR-Film von der Londoner Firma No Ghost, produziert hat ihn niemand Geringeres als Atlas V, das Produktionshaus, das auch hinter Gloomy Eyes, Battlescar, Spheres und vielen anderen hochkarätigen VR-Produktionen steckt. Weitere Partner waren Oculus, Epic Games, Creative XR sowie das CNC.

Regisseur James A. Castillo lebt zwar inzwischen in London, doch stammt aus Madrid. Erfahrungen mit Virtual Reality hat er bereits gesammelt mit seinem VR-Kurzfilm Melita, laut dem geschätzten Kollegen einer „der schönsten VR-Animationsfilme für Oculus Rift“. Mit Madrid Noir hat Castillo seiner Heimatstadt nun eine würdige Hommage gewidmet.

Ein rasantes Schauspiel in bester Film Noir-Tradition

Zu Anfang bleibt die Stadt allerdings noch im Hintergrund. Kaum beginnt die erwachsene Lola zu erzählen, verändert sich die VR-Welt um mich herum und ich sehe die Vergangenheit, die Wohnung von Manolo, wie sie früher aussah. Die kleine Lola kommt an, stürmt freudig zur Balkontür und blickt in freudiger Erwartung auf das Madrid der frühen 30er-Jahre. Ich selbst, jetzt meiner Rolle beraubt, sehe passiv zu.

Ein wenig braucht der Film, um in die Gänge zu kommen. Doch spätestens im zweiten Kapitel hat er seinen Rhythmus gefunden – und auch die Stadt selbst wird lebendiger und greifbarer. Da rennen Ganoven von Gässchen zu Gässchen, werfen lange Schatten an die Wand und werden von der Polizei mit quietschenden Reifen verfolgt. Es wird geschossen, gerauft, enthüllt und spioniert.

Ein Mädchen schaut erschreckt in helles Licht.

Im Laufe des Films gerät Lola in Bedrängnis, weil sie sich in die Gangster-Geschichten ihres Onkels einmischt. | Bild: No Ghost/ Atlas V

Lola und der kleine Hund namens Paquita sind mittendrin, denn die beiden sind irgendwann aus ihrem Gefängnis ausgebüxt. Schwarz-Weiß-Szenen wechseln sich ab mit bunten Farben und ich kann sogar wieder ein wenig mitmachen und die Szenen mit einer Taschenlampe ausleuchten. Trotz der unverkennbaren Inspiration vom Genre des Film Noirs, die durch den Filmtitel noch einmal betont wird, hat Madrid Noir nichts Schweres oder Dramatisches. Es bleibt eine Komödie.

Madrid Noir spielt mit verschiedenen Elementen aus Comics und dem Theater

Neben den quirligen Charakteren unterstreichen grafische Elemente das komödiantische Element: Da erscheint neben dem auf seiner Schreibmaschine tippenden Manolo in großen Buchstaben der Schriftzug „Tap Tap Tap Tap“. Die Straßenbahn macht „Ding Ding Ding“ und das angeschaltete Radio sendet statt Gedudel gezeichnete „Soundwellen“ aus.

Weniger gelungen ist leider die Inspiration aus dem Theater. Techniken aus den darstellenden Künsten sind eine unschätzbare Quelle, wenn es um VR geht. Doch in diesem Fall fühlte ich mich als Zuschauerin außen vor gelassen: Die Kulissen stehen wie eine Bühne inmitten eines schwarzen, kaum definierten Hintergrunds. Statt in Lolas Erinnerungen einzutauchen, ist mein Platz an der Seite und ich schaue hinüber.

Madrid Noir bietet genau die Atmosphäre, die der Titel verspricht. | Bild:

Madrid Noir bietet genau die Atmosphäre, die der Titel verspricht. | Bild: No Ghost/ Atlas V

So werden in den Erinnerungssequenzen leider gleich zwei der schönsten Vorteile von VR nicht genutzt: die Zuschauer zum Teil der Geschichte zu machen und das räumliche Erzählen. In maximal 180 Grad weiten Ausschnitten spielt sich das Geschehen vor mir ab, Umschauen ist sinnlos, denn es gibt nicht mehr zu sehen. Und so leidet auch die Immersion.

Interaktionen bringen Abwechslung, aber wirken leider willkürlich

In wenigen Szenen in Lolas Kindheitserinnerungen bricht Madrid Noir mit diesem Prinzip: Auf einmal bekomme ich eine Aufgabe und soll – als junge Lola – Fotos mit der Kamera schießen oder den flüchtigen Onkel mit dem Licht meiner Taschenlampe verfolgen. Diese Momente sind spaßig, doch ihr Zweck wird mir nicht ganz klar. Zudem sind sie in sich zu lang und fordern von mir, die ich unter der VR-Brille mittlerweile große Tropfen schwitze, eine gute Portion Geduld.

Ganz anders hingegen die Interaktionen in der Rahmenhandlung: In Gesellschaft der erwachsenen Lola habe ich eine Rolle, die noch besser ausgearbeitet sein könnte, doch in sich einen Sinn hat. Auch sind kleine interaktive Elemente eingebaut, die einen gewissen Realismus in unser Miteinander bringen: Lola reagiert anders, wenn ich die Fliege aus der Schublade krame statt eines anderen Gegenstands. So erlebe ich die Geschichte unmittelbarer, die in der Rahmenhandlung zudem auch in voll immersiver 360-Grad-VR erzählt wird statt nur auf der Theaterbühne.

Die Geschichte der jungen Lola wird auf einer virtuellen Theaterbühne erzählt. Das hat zwar seinen Charme, aber die Filmemacher rufen so nicht das volle Potenzial des Mediums ab wie in der Rahmenhandlung mit der erwachsenen Lola. | Bild:

Die Geschichte der jungen Lola wird auf einer virtuellen Theaterbühne erzählt. Das hat zwar seinen Charme, aber die Filmemacher rufen so nicht das volle Potenzial des Mediums ab wie in der Rahmenhandlung mit der erwachsenen Lola. | Bild: No Ghost/ Atlas V

Fazit: Ein liebevoll inszenierter VR-Film mit Schwächen

Rund vier Jahre hat das Team an dem Werk gearbeitet. Als es gerade in die heiße Phase der Produktion ging, wurde die Welt auf einmal von einer Pandemie erschüttert. Die Herausforderungen durch Corona müssen wohl enorm gewesen sein, wie Castillo in einem Interview erzählt.

Umso schöner ist es, dass Madrid Noir es dennoch zur Veröffentlichung gebracht hat, ohne dass die Nutzer auf einen zweiten Teil warten müssen wie bei Paper Birds. Das Abenteuer von Lola und ihrem Onkel erscheint von Anfang an in voller Länge.

Ja, 46 Minuten. Und die hätten großartig werden können, sind es aber leider nicht: So gerne ich Kurzfilme in Virtual Reality sehe, so selten finde ich runde Geschichten und lebendige Charaktere mit eigenen Zielen, Widersprüchen und Wandlungen. Dafür ist schon ein richtig gutes Drehbuch nötig – oder schlicht eine gewisse Spieldauer.

Auch wenn Madrid Noir viele dieser Punkte erfüllt, 46 Minuten hochwertige Unterhaltung bietet der Animationsfilm leider nicht. Stattdessen verliert er sich immer wieder in ausgedehnten Spielelementen und einer schönen, aber doch vorhersehbaren Geschichte.

Die gute Nachricht zum Schluss: Madrid Noir hat ein wirklich tolles Ende und damit mehr als einige andere, ansonsten sehenswerte VR-Filme (da muss ich sofort an Arden’s Wake denken). Wer Spaß an Genres hat, Detektivgeschichten mag und sich über eine gelungene Film Noir-Atmosphäre freuen kann, wird den Kauf sicher nicht bereuen.

Autorin Pola Weiss  bloggt bei VRGeschichten.de.

Madrid Noir exklusiv für Oculus Quest (2)

Seit Anfang Juli ist der VR-Film Madrid Noire im Oculus Store erhältlich. Er kostet 8,99 Euro. Die angebotenen Sprachen sind Englisch, Französisch und Spanisch.

Oculus Quest 2 aus Deutschland bestellen

Oculus Quest 2 wird in Deutschland vorerst nicht verkauft. Wie lange dieser Verkaufsstopp anhält, ist nicht bekannt.

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Oculus Quest – 64 GB | Oculus Quest – 256 GB

Hinweis: Ihr könnt bei Amazon Frankreich über euren deutschen Account bestellen. Die VR-Brille unterstützt deutsche Sprache in den Menüs. Eine regionale Sperre seitens Facebook ist derzeit nicht aktiv – Quest 2 funktioniert ganz normal. Amazon Frankreich liefert innerhalb weniger Tage, zum Teil werden die Geräte sogar aus Lagern in Deutschland verschickt.

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