Gute AR-Brillen unmöglich? Dieser Experte ist davon überzeugt

Gute AR-Brillen unmöglich? Dieser Experte ist davon überzeugt

AR-Brillen mit weitem Sichtfeld, hervorragender Bildqualität und kompaktem Formfaktor für jedermann: davon träumt die AR-Industrie. Für den AR-Experten Karl Guttag bleibt es ein Traum. Und er hat gute Gründe.

Guttag schaut auf eine vierzigjährige Karriere in der Techindustrie zurück. Er begann mit dem Design von Prozessoren und Speicher und war in den letzten zwanzig Jahren Technikchef bei drei Start-ups, die Mikrodisplays für AR-Brillen entwickeln. Auf rund 150 Techpatenten steht sein Name.

Heutzutage entwickelt Guttag AR-Technologie für das US-Militär und schreibt auf seinem Blog – oft kritisch – über die AR-Industrie. Was Guttag am meisten stört, ist der realitätsfremde Hype der Branche.

Insbesondere Magic Leap wurde oft zur Zielscheibe seines beißenden Spotts und das lange, bevor die AR-Brille enthüllt wurde. Als sie schließlich erschien, erwiesen sich Guttags warnende Worte und Kritik als berechtigt. Aber auch Microsoft musste sich in der Vergangenheit einiges anhören: So wies Guttag früh auf Displayprobleme der Hololens 2 hin.

Die Physik legt AR an die Kette

Der AR-Unternehmer und Podcaster Jason McDowall sprach ausführlich mit Guttag. Über die vergangenen Wochen hinweg erschien ein dreiteiliger Podcast, in dem der AR-Experte seine Sicht auf den Stand der Technik darstellt. Das Gespräch, das im Rahmen von McDowall AR Show Podcast erschien, dauert mehr als drei Stunden, umfasst eine breite Palette an Themen und ist Hörpflicht für AR-Interessierte.

Guttag spricht darin ausführlich über die technischen Schwierigkeiten bei der Entwicklung von AR-Brillen. Der AR-Experte führt eine Liste von 20 grundlegenden Problemen auf, die man lösen müsse, um eine AR-Brille zu bauen, die dem Hype der letzten Jahre gerecht würde. Zu den Problemen gehören das enge Sichtfeld und die geisterhafte Transparenz von AR-Einblendungen.

2015 wollte Microsoft Hololens als Gamer-Brille vermarkten - merkte aber schnell, dass insbesondere die Displaytechnik den Ansprüchen nicht ansatzweise genügt und fokussierte sich schnell nur auf das B2B-Geschäft. | Bild: Microsoft

2015 wollte Microsoft Hololens als Gamer-Brille vermarkten – merkte aber schnell, dass insbesondere die Displaytechnik den Ansprüchen nicht ansatzweise genügt und fokussierte sich schnell nur auf das B2B-Geschäft. | Bild: Microsoft

Jeder bislang erfundene technische Ansatz, Licht ins Auge des Nutzers zu leiten, habe seine Vor- und Nachteile, betont Guttag. Löse man eines der Probleme auf seiner Liste, so müssen man Kompromisse in anderen Bereichen hinnehmen. Die Marketingabteilungen würden dies verschweigen und stets nur die Stärken einer Technologie betonen.

Guttag: „Pragmatismus statt Hype“

AR-Brillen hält Guttag trotz der technischen Hindernisse nicht für gescheitert. Man müsse sich lediglich der Grenzen der Technologie bewusst werden, seine Ansprüche herunterschrauben und AR-Geräte eng entlang konkreter Anwendungsszenarien entwickeln.

Eine AR-Brille für industrielle Zwecke müsse andere Voraussetzungen erfüllen als eine für beispielsweise Gamer. Das Display der Hololens 2 sei zum Beispiel „absoluter Mist“, was jedoch kein Problem sei, weil es seinen Zweck erfüllt und die Effizienz von Arbeitern steigert, weshalb sich die Investition für Unternehmen lohnen kann. Für eine solche Anwendung brauche man kein weites Sichtfeld.

Ein Allzweckgerät, das alles kann und noch dazu einen schmalen Formfaktor hat, hält Guttag nicht für umsetzbar, ganz egal, wie viel Zeit, Geld und Talent Facebook und Apple in die Entwicklung entsprechender Technologie stecken.

Apropos Gaming: Wer sich für AR der Immersion wegen interessiert, solle sich lieber eine VR-Brille aufsetzen, meint Guttag. Die erfülle dieses Ziel besser. Überhaupt schlage Virtual Reality (Guide) in Sachen Sichtfeld und Bildqualität alles, was Augmented Reality jemals würde bieten können.

Magic Leap: „Alles falsch gemacht“

Auch Magic Leap nimmt Guttag erneut aufs Korn: Das Unternehmen habe jeden Fehler gemacht, den man machen könne und es sei verrückt, dass es so viele Investorengelder erhalten habe, sagt Guttag.

Video: Mit solchen am Computer gerenderten Marketing-Aufnahmen hypte Magic Leap die eigene Technologie – und kam nicht mal in die Nähe dieser Vision.

Magic Leaps Schwenk auf das B2B-Geschäft beurteilt er als schwierig, weil die erste AR-Brille des Unternehmens von Grund auf für Endverbraucher entwickelt wurde. Anders als Hololens 2 biete sie beispielsweise keinen Platz für eine echte Brille unter dem AR-Headset, was sie weniger flexibel macht.

Ein Vorteil der Magic Leap 1 gegenüber Hololens 2 sei, dass das optische System Fokus auf digitale Objekte in Griffnähe erlaube. Das könne beispielsweise Chirurgen die Arbeit erleichtern. Vielleicht verändert das Unternehmen das Design der Magic Leap 2, die Ende 2021 auf den Markt kommen soll.

AR-Brillen für jedermann: Guttag steht nicht alleine da

Prominente Unterstützung für seine Thesen erhält Guttag ausgerechnet von Facebooks XR-Chefforscher Michael Abrash. Eine fortschrittliche AR-Brille, die man Stunden am Tag trägt, also ein möglicher Smartphone-Ersatz, sei noch mindestens fünf bis zehn Jahre von der Marktreife entfernt – falls es überhaupt möglich werde. Es sei noch nicht klar, wie die zahlreichen technischen Herausforderungen gelöst werden könnten, sagte Abrash im Januar 2020.

Zuvor meinte Abrash im Oktober 2017, dass die Gesetze der Physik verhindern könnten, dass jemals eine digitale Alltagsbrille gebaut werden könne. „Es gibt kein Mooresches Gesetz für Optik, Batterien, Gewicht und Wärmeabfuhr“, sagte Abrash.

So eine kompakte AR-VR-Brille, die die Realität per Videostream in der Brille anzeigt, gab Abrash 2018 als Fernziel aus. | Bild: Facebook

So eine kompakte AR-VR-Brille, die die Realität per Videostream in der Brille anzeigt, gab Abrash 2018 als Fernziel aus. | Bild: Facebook

Vergleicht man Abrashs Aussagen zwischen 2017 und 2020, so scheint es keine grundlegenden Durchbrüche in dieser Zeit gegeben zu haben – obwohl Facebook viele Millionen US-Dollar investierte.

Auch der Optik-Chef Barmak Heshmat des pleitegegangenen AR-Brillenherstellers Meta dämpfte 2019 die Erwartungen für fortschrittliche AR-Brillen. Sie könnten Smartphones weder bei Darstellungsqualität (Kontrast, Transparenz) noch beim Tragekomfort (Gewicht) schlagen. Heshmat sagt ebenfalls: „Moore’s Law gilt nicht für optische Systeme.“

Dennoch hält es Heshmat für möglich, dass „in fünf bis zehn Jahren“ deutlich bessere Tech-Brillen gebaut werden können als heute, die beispielsweise einen Desktop-Computer ersetzen könnten. AR benötige nur „nicht noch mehr Hype“, weil dieser „das öffentliche Vertrauen zerstören“ und „die Entwicklung ausbremsen“ würde.

Wie Abrash oder Heshmat geht auch Microsofts Optik-Architekt Bernard Kress davon aus, dass AR-Brillen bis auf weiteres hauptsächlich für die Industrie interessant sind. Selbst eine Hololens 3 wäre kein Endverbraucherprodukt: „Wir interessieren uns nicht wirklich für ein Produkt für einen Markt, der (noch) nicht existiert. Militär und die Industrie, das sind sehr starke AR-Märkte.“

Die drei Podcast-Folgen mit Guttag samt Transkript findet ihr hier:

Titelbild: Magic Leap

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