KOMMENTAR

Weshalb VR-Filme wichtig sind

Weshalb VR-Filme wichtig sind

Virtual Reality wird heutzutage vor allem für eines genutzt: Gaming. VR-Filme sind dagegen noch immer eine Nische. Zu Unrecht, wie ich finde.

Kommentar

Wer einen Blick in die App Stores der größten VR-Plattformen wirft, sieht dort in erster Linie Spiele. Um VR-Filme zu finden, muss man genauer hinschauen.

Nehmen wir als Beispiel den Quest Store: Unter den mehr als 300 verfügbaren VR-Apps zähle ich weniger als 30 VR-Filme.

Auf welche Zahl man kommt, hängt natürlich davon ab, was man unter einem VR-Film versteht, da die Grenzen zur VR-Erfahrung fließend sind. Einige VR-Filme erlauben räumliche Navigation und bieten einfache Interaktionsmöglichkeiten.

Doch selbst wenn man die eine oder andere VR-Erfahrung hinzuzählt, machen VR-Filme nur ungefähr zehn Prozent aller verfügbaren VR-Apps aus.

Zwei Arten von VR-Filmen

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, eine wissenschaftliche Definition des VR-Films vorzuschlagen. Aber die meisten Leser:innen dürften mit mir in einem Punkt übereinstimmen: dass VR-Filme etwas sind, das man eher schaut als spielt und das darauf bedacht ist, die jahrtausendealte Tradition des Geschichtenerzählens im Medium der Virtual Reality fortzuführen.

VR-Filme lassen sich grob in zwei Kategorien unterteilen: computeranimierte VR-Filme und VR-Realfilme. Letztere werden mit 180- oder 360-Grad-Kameras gedreht, die im Falle von Doppellinsen einen stereoskopischen 3D-Effekt bieten. In 3D gefilmte Umgebungen wirken räumlicher.

Beide Arten von VR-Filmen haben ihre eigenen Reize: Computeranimierte VR-Filme ermöglichen es VR-Nutzern, sich frei im Raum zu bewegen oder mit Objekten zu interagieren, während VR-Realfilme Ereignisse der physischen Welt einfangen und dadurch beeindruckende Zeitzeugnisse werden können.

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Dear Angelica porträtiert eine Mutter-Tochter-Beziehung in begehbaren 3D-Gemälden und ist einer der ersten großen VR-Filme. | Bild: Facebook

VR kann Filme und vieles mehr

Dass es vergleichsweise wenig VR-Filme in den App Stores gibt, hat mehrere Gründe. Zum einen wird Virtual Reality primär als Spielemedium vermarktet, weshalb VR-Nutzer:innen meist gar nichts anderes erwarten und VR-Filme nur selten im Rampenlicht stehen.

Zum anderen spielt die Technologie ihre Stärken gerade bei physischer Aktivität aus und die passt nicht zu einer kulturellen Tätigkeit, die traditionsgemäß vom Lesen, Zuhören oder Betrachten lebt.

Das könnte zur Vorstellung verleiten, dass VR keine gute Plattform für Filme ist. Das wäre jedoch eine zu enge Perspektive, die außer Acht lässt, dass es viele sinnvolle und starke Anwendungen für das Simulationsmedium Virtual Reality gibt. Denn sie kommt de facto ebenso bei digitaler Zusammenarbeit, Kunst und Ausbildung zum Einsatz – oder eben beim filmischen Erzählen.

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Der VR-Film Surviving 9/11 rekonstruiert das New York und World Trade Center der 90er-Jahre mithilfe historischer 360-Grad-Fotografien und bietet so eine beeindruckende Zeitreise | Bild: Facebook / Oculus | Bild: Facebook

Die Funktion des Geschichtenerzählens

Das Geschichtenerzählen befriedigt eine Sehnsucht, die zum Menschen gehört: das Verlangen nach Verstehen, Sinnhaftigkeit und Ordnung im Chaos. VR-Filmen könnte die Aufgabe zukommen, diese Lücke für Virtual Reality zu schließen. VR-Spiele erzählen zwar auch Geschichten, aber auf ganz eigene Weise, bei der VR-Nutzer:innen zu Akteuren werden.

Womit ich nicht sagen will, dass man bei VR-Filmen passiv ist, im Gegenteil: Beim Zuhören und Betrachten ist man hochgradig aktiv, wenn auch geistig. Und gerade diese kulturellen Tätigkeiten wollen gelernt sein, will man Verstehen anstoßen und fördern.

Blick eines Astronauten über das Seil, das ihn beim Spacewalk sichert, auf die Erde.

In Space Explorers erlebt man den Alltag von ISS-Astronauten aus einer einmaligen Perspektive. | Bild: Magenta VR / Telekom

VR-Filme sind verdichtete Erfahrung

Mit gefällt an VR-Filmen, dass sie verdichtete Erfahrungen sind. Ich gebe meine Handlungsfreiheit auf und lasse mich an die Hand nehmen, um eine Geschichte aus einer ganz bestimmten Perspektive zu erleben. Das hat seinen eigenen Reiz.

Denn ist der VR-Film gut gemacht, begeistert er mich etwa durch seine Bilder und Musik oder fesselt er mich durch seine Handlung, dann komme ich immer wieder zurück. Auch wenn das, was ich sehe, im Grunde immer das Gleiche ist – oder gerade deshalb.

Seit mehr als fünf Jahren verfolge ich Virtual Reality und schaue mir von Jahr zu Jahr wiederholt alte VR-Filme wie Dear Angelica, A Brother’s Keeper, Chocolate und I, Philip an, ohne dass sie ihren Reiz verlieren würden. Weil sie verdichtete Erfahrungen bieten oder Geschichten so erzählen, wie es nur VR-Filme können.

Eine Liste der besten VR-Filme findet ihr hinter dem verlinkten Artikel.

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