Keine Frage: Facebook wird auf absehbare Zeit auf Oculus Quest setzen, um mehr Menschen für Virtual Reality zu begeistern. Der Oculus-Rift-Nachfolger mit dem Anhängsel S wirkt dagegen wie ein Nebengedanke. Ist das nun der Anfang vom Ende für Facebooks Highend-VR-Ambitionen? Mitnichten, glaube ich.

Als Oculus Rift S vorgestellt wurde, waren viele Kritiker, VR-Enthusiasten und Oculus-Fans enttäuscht: Die VR-Brille sei voller Kompromisse und wirke nicht wie das Ergebnis dreier Jahre Forschung und Entwicklung, hieß es.

Das Design und die Produktion überließ Facebook gar einem Dritthersteller. Man habe schlicht nicht genug Ressourcen gehabt, um Oculus Quest und Oculus Rift S gleichzeitig auf den Markt zu bringen, gab Produktmanager Nate Mitchell gegenüber CNET erstaunlich offen als Begründung an.

Daran zeigt sich: Highend-VR für die Enthusiastennische hat nicht mehr oberste Priorität bei Facebook. Das war wohl auch der Grund, weshalb der Oculus-Gründer Brendan Iribe das Unternehmen verließ. Er sei nicht an einem “Wettlauf nach unten” interessiert, berichtete Techcrunch.

Iribe gilt als Perfektionist und soll in seiner ehemaligen Rolle als Oculus-CEO den Qualitätsstandard für die Original-Rift kontinuierlich angehoben haben, was sich am Ende in deren hohem Startpreis niederschlug.

Oculus Rift ist eine etablierte VR-Plattform

Doch wie geht es nun weiter mit Facebooks PC-VR-Strategie? Oculus Quest wird zwar weiter Vorrang in Facebooks VR-Portfolio haben. Dennoch glaube ich nicht, dass Oculus Rift abgemeldet ist oder dass kein vollwertiger Nachfolger in Form einer Oculus Rift 2 mehr erscheinen wird.

Facebook hat seine Strategie geändert: Oculus Rift S soll durch seinen erhöhten Nutzungskomfort und einen möglichst niedrigen Preis neue Nutzer in Facebooks VR-Ökosystem locken. Die Upgrade-Wünsche bestehender Kunden haben weniger Priorität. Ob diese Strategie aufgeht, wird sich zeigen. Einen Versuch ist es jedenfalls wert.

Denn je mehr Menschen Virtual Reality nutzen, desto mehr Geld fließt in die Taschen von VR-Entwicklern. Das ist Facebooks nächstes Ziel: Ein VR-Ökosystem zu schaffen, das sich aus eigener Kraft erhält, ohne dass das Unternehmen ständig nachsubventionieren muss. Dazu trägt Oculus Rift als wahrscheinlich meistverkaufte PC-VR-Brille bei.

Rift Store als Software-Experimentierküche

Oculus Rift bleibt auch abseits seines VR-Marktanteils wichtig, nämlich als Experimentierplattform für Entwickler.

In dieser Hinsicht bietet Oculus Rift gegenüber Oculus Quest als Zielplattform zwei wichtige Vorteile: Das Auswahlverfahren für den Zugang zum Oculus Store ist für Rift-Software weitaus weniger streng. Zudem müssen Entwickler nicht so stark optimieren wie bei Oculus Quest, können sich kreativ also stärker austoben.

So dürften auf Facebooks PC-VR-Plattform weiterhin viele neue und innovative Spielkonzepte entstehen, die im Falle eines Erfolgs für Oculus Quest portiert werden können.

Oculus Rift als technologische Speerspitze

Ein ähnliches Argument könnte man auf Seiten der Hardware-Entwicklung ins Feld führen.

Oculus Rift S wird von Facebook offiziell als Zwischenschritt eingestuft und nicht als vollwertiger Nachfolger der Oculus Rift. Eine solche VR-Brille könnte 2021 oder 2022 erscheinen und dürfte nach den Prognosen der Forschungschefs Michael Abrash unter anderem ein größeres Sichtfeld, Blickerfassung und fortgeschrittene Mixed-Reality-Funktionen mittels Passthrough-Funktion bieten.

So gesehen übernimmt Oculus Rift 2 und die Rift-Plattform im Allgemeinen die Funktion eines Testfelds technischer Innovationen, die nach ausreichend Reife ihren Weg in eine Oculus Quest 2 finden könnten. In VR-Enthusiasten und Frühaneignern neuer Technologien dürfte Facebook jedenfalls mehr als genug willige Tester finden.

VR-Technologien sind im breiteren Kontext der Mixed Reality zwar nur eine Übergangslösung hin zu Geräten, die digitale und physische Informationen gleichberechtigt verarbeiten können, aber dennoch ein Erkenntnis- und Forschungsumweg, den Facebook gehen muss. So gesehen dürfte eine PC-VR-Brille im Sinne einer technischen Avantgarde noch lange Relevanz haben.

Mehr über Facebooks VR-Zukunftspläne dürfte auf der nächsten Oculus Connect Ende September bekannt werden. Das Unternehmen verspricht ein “neues Kapitel für VR und AR”.

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