Anführer brauchen Vorstellungskraft, einen klaren Plan für die Zukunft – und die Fähigkeit, diesen in die Tat umzusetzen. Magic-Leap-Chef Rony Abovitz scheiterte nicht an seiner Vorstellungskraft.

Rony Abovitz tritt als CEO von Magic Leap zurück. Diese Entscheidung wurde laut Abovitz gemeinsam mit dem Vorstand getroffen. Bei der Entwicklung hin zu einem Unternehmen mit Industrie- statt Endkunden-Fokus sei das “der natürliche nächste Schritt”, so Abovitz.

Er bestätigt außerdem eine “signifikante Finanzierung” (voraussichtlich 350 Millionen US-Dollar) sowie Schlüsselpartnerschaften mit Industrieunternehmen, die kurz vor dem Abschluss stehen sollen.

Derzeit läuft ein Auswahlverfahren für Abovitz’ Nachfolger. Er soll Magic Leap auf ein Geschäftsmodell für industrielle AR-Hardware und -Apps ausrichten. Abovitz wird die Geschäfte während der Übergangsphase weiterführen, seine zukünftige Rolle im Unternehmen steht noch nicht fest.

Magic Leap: Neuer CEO gesucht

Das 2011 von Abovitz gegründete AR-Unternehmen steht jetzt vor einer neuen Ära: Abovitz war über Jahre Magic Leaps Lautsprecher, der eine durch AR-Technik herbeigeführte Computerrevolution für jedermann versprach.

Seit der Gründung sammelte Magic Leap rund drei Milliarden US-Dollar ein, um AR für alle in die Tat umzusetzen. Vor der letzten Entlassungswelle, von der rund 1.000 Angestellte betroffen waren, arbeiteten bis zu 1.800 Menschen für Magic Leap an Standorten weltweit.

“Seit 2011 führe ich Magic Leap (gestartet in meiner Garage). Wir haben ein neues Feld geschaffen. Ein neues Medium. Und gemeinsam haben wir die Zukunft des Computers definiert”, schreibt Abovitz in einem Statement. “Ich bin erstaunt über alles, was wir aufgebaut haben, und freue mich auf alles, was Magic Leap in den kommenden Jahrzehnten schaffen wird.”

Abovitz verschätzte sich um ein Jahrzehnt – mindestens

Abovitz’ größter Fehler war, dass er die Regeln der Physik unterschätzte: Er ging davon aus, dass seine Ingenieure – mit ausreichend Ressourcen ausgestattet – fortschrittliche AR-Technologie innerhalb weniger Jahre in eine AR-Brille mit einem für Endverbraucher akzeptablem Formfaktor integrieren würden.

Schon im Herbst 2015 kündigte Abovitz an, dass sich Magic Leap darauf vorbereite, Millionen AR-Brillen zu bauen, die das Smartphone ersetzen sollen. Er versprach Wundertechnologie wie einen Lichtfeldchip, der die technischen Möglichkeiten der eigenen Brille weit vor die Konkurrenz hätte katapultieren sollen.

Magic Leap: Neue 5G-AR-Brille in Arbeit, Horizont zwei bis drei Jahre

Magic-Leap-Chef Rony Abovitz schürte über Jahre einen immensen Hype rund um die eigene Technik. Sie konnte letztlich die Erwartungen nicht erfüllen. Bild: AT&T Screenshot bei Youtube

“Monate und Jahre vergingen und mir wurde klar, dass Abovitz’ Versprechen nicht mit dem realen Produkt übereinstimmen”, sagt Magic Leaps ehemaliger Tech-Vermarkter Brian Wallace. Er verließ das Unternehmen 2016.

Zu späte Einsicht

Ende 2017 folgte dann eine zweifelhafte Enthüllung von Magic Leaps erster AR-Brille, bei der genau ein ausgewählter Journalist die Brille “sehr kurz” unter kontrollierten Bedingungen aufsetzen durfte. Zu diesem Zeitpunkt ahnten die Verantwortlichen offenbar schon, dass die eigene Technik die selbst geschürten Erwartungen nicht würde erfüllen können.

Im Sommer 2018, zum Marktstart von Magic Leap One, war Abovitz dann bereit, öffentlich Fehler in der eigenen Kommunikation einzuräumen. “Wir waren arrogant”, sagte Abovitz.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Magic Leap das Hightech-Image längst verloren: Die AR-Brille Magic Leap One erwies sich als kaum besser als Microsofts Hololens (Vergleichstest). Durch die Ankündigung von Hololens 2 wenige Monate später wurde das Gerät dann endgültig obsolet. Angeblich soll Magic Leap nur wenige tausend AR-Brillen verkauft haben.

Bleibt zu hoffen, dass Magic Leaps neuer Chef das Unternehmen auf Kurs bringt. Nach den Pleiten anderer AR-Brillenhersteller wie Meta, ODG und Daqri würde Microsoft sonst den Industrie-AR-Markt fast im Alleingang dominieren.

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