Update vom 12. Oktober 2019: Drei weitere Tests hinzugefügt

HTCs neue VR-Brille Vive Cosmos kommt in den US-Medien insgesamt gut weg, scheint aber Probleme mit dem Tracking zu haben – gerade bei schlechten Lichtbedingungen.

Displays und Linsen

Die beiden LC-Displays mit 1.440 mal 1.700 Pixel pro Auge bieten laut den US-Testern einstimmig ein knackscharfes Bild mit für LCD-Verhältnisse ordentlichem Schwarzwert. Laut Tom’s Hardware zum Beispiel produziert Cosmos mit das klarste Bild aller verfügbaren VR-Brillen. Es sei mindestens so gut wie jenes von Valve Index bei einem etwas weiteren vertikalen Sichtfeld.

Die Bildwiederholrate ist mit 90 Hz etwas geschmeidiger als bei Oculus Rift S, reicht aber nicht an Valves Index (Tests) ran. Der Augenabstand der Comos-Brille kann individuell zwischen 61 und 73 mm justiert werden – auch hier zieht Cosmos an Rift S vorbei und ist gleichauf mit Valve Index.

Leider bietet Vive Cosmos keinen Regler mehr, um die Linsen weiter oder näher ans Auge zu positionieren. Brillenträger haben so gegebenenfalls weniger Raum für das Brillengestell, umgekehrt kann man Cosmos nicht so eng vor den Augen tragen, dass man das maximale horizontale Sichtfeld sieht, das insgesamt auf dem Niveau der Vorgänger sein soll.

Laut UploadVR zeigen die Linsen der Vive Cosmos, ähnlich der Linsen der Vorgängerbrillen, störende Lichtreflexionen bei kontrastreichen Szenen. Außerdem sei der maximale Schärfepunkt sehr eng, man muss also für eine optimale Bildschärfe möglichst geradeaus durch die Linsen blicken. Schaut man mit den Augen umher, würde das Bild schnell unscharf – Rift S, Quest und besonders Valve Index sollen hier besser sein.

Alle technischen Details zu Vive Cosmos stehen hier.

Die Fresnel-Linsen sind laut HTC verbessert, wie genau, das ist noch nicht raus. Bild: HTC

Blick auf die Fresnel-Linsen von Vive Cosmos. Bild: Road to VR

Tracking

Das integrierte Tracking scheint die größte Baustelle von Vive Cosmos zu sein: Offenbar sind die Trackingkameras nicht ausreichend lichtempfindlich. Sobald das Raumlicht etwas abgedunkelt wird, soll es zu deutlichen Aussetzern kommen bis hin zur Unbrauchbarkeit.

Die Webseite Road to VR verweigerte ob dieses Trackingproblems gar ein Testurteil, im Glauben, womöglich eine defekte VR-Brille geliefert bekommen zu haben. Allerdings bestätigen die anderen Tester und ein erster Nutzer bei Reddit das Lichtproblem (Update: HTC verspricht eine Lösung).

Auch Räume in einheitlicher Farbe ohne Muster erschweren das Tracking – ein Hinweis darauf steht sogar im Handbuch. Möglicherweise kann HTC hier mit Software-Updates nachbessern.

Von diesem grundlegenden Problem abgesehen, sollen Brillen- und Controller-Tracking ansonsten solide sein. Tom’s Hardware findet das Cosmos-Tracking dank des etwas weiteren Sichtfelds der Kameras sogar besser als das von Oculus Rift S, gerade bei schnellen Bewegungen. Der Tester von PCMag schreibt das genaue Gegenteil: Der VR-Hit Beat Saber sei in höheren Schwierigkeitsgraden mit sehr schnellen Bewegungen weniger gut spielbar als mit den Oculus-Brillen. UploadVR lobt ebenfalls das Trackingvolumen der sechs Kameras, kritisiert aber die geringere Trackingqualität im Vergleich zum Oculus-System.

Für Unternehmen und Datenschutzfans interessant: Die Aufnahmen der Trackingkameras verlassen laut HTC Vive Cosmos nicht. Anstatt über den PC werden sie lokal auf der VR-Brille verarbeitet.

In einem Interview erklärt der Vive-Manager Daniel O'Brien, was HTC mit der neuen VR-Brille erreichen wollte.

Insgesamt bietet Vive Cosmos sechs Trackingkameras und das weiteste Trackingvolumen aktueller Inside-Out-Tracking-Brillen: Zwei nach vorne, zwei zur Seite und jeweils eine nach oben und unten. Bild: HTC

Controller

Die Cosmos-Controller kommen insgesamt ganz gut weg: Der Formfaktor ähnelt Oculus Touch, die Knöpfe sind gleich belegt. Sie sind allerdings doppelt so schwer und etwas klobiger, sollen sich dafür aber auch wertiger anfühlen. Manche Tester mögen das mehr, andere weniger. Wer schwache Arme hat, dürfte bei Beat Saber und Co. schneller müde werden – oder den VR-Bizeps stählen.

Das Design der Controller erinnert an Oculus Touch. Bild: HTC

Die Vive-Cosmos-Controller taugen für VR-Spiele oder zur Selbstverteidigung. Bild: HTC

Was keiner der Tester mag: Jeder Controller benötigt jeweils zwei AA-Batterien, die nach circa zwei bis drei Stunden schon erschöpft sind. Außerdem sind noch nicht alle VR-Spiele bei Steam kompatibel mit den neuen Controllern, sodass zum Beispiel das beliebte Ballerspiel Arizona Sunshine gar nicht gestartet werden kann. HTC bestätigt, dass Entwickler ihre Software aktualisieren müssen für volle Controller-Kompatibilität – das soll aber zumindest bei den beliebten Titeln zeitnah geschehen.

Tragekomfort, Audio und mehr

Wie immer bei VR-Brillen gilt: Sie sind wie ein Kleidungsstück und sitzen nicht auf jeder Kopfform gleich gut. Insgesamt wird der Tragekomfort von Vive Cosmos positiv beurteilt, gerade im Vergleich zu den bisherigen Vive-Brillen.

Die Webseite Pocket Lint kritisiert, dass die modulare Frontplatte zu leicht abgelöst werden kann und sich billig anfühle. Tom’s Hardware schreibt, dass sich keine andere VR-Brille so hochwertig anfühle wie Vive Cosmos. Auch die anderen Tester loben die Verarbeitungsqualität eher. Vive Cosmos soll HTCs bislang hochwertigste VR-Brille sein.

Vive Cosmos soll HTCs bislang hochwertigste VR-Brille sein. Bild: HTC

Vive Cosmos soll HTCs bislang hochwertigste VR-Brille sein. Bild: HTC

Dass man das Visier hochklappen kann für einen schnellen Wechsel in die Realität ist ein möglicher Vorteil gegenüber anderen VR-Brillen. Das Hochklappvisier kann allerdings auch dazu führen, dass der Anpressdruck der Brille am Gesicht etwas geringer ist und somit mehr Licht eindringt.

Die Kameradurchsicht in die reale Welt soll etwas unscharf sein, dafür ist sie in Farbe und sie kann jederzeit über den Controller aktiviert werden. Die Audioqualität der integrierten Kopfhörer ist auf dem guten Niveau jener von Vive Pro.

HTCs eigenes Cosmos-Unboxing

Fazit: Gute VR-Brille eingeklemmt zwischen der Konkurrenz

Der Tenor in den Testurteilen ist ähnlich: HTC Vive Cosmos ist eine insgesamt gute VR-Brille mit tollem Display und verbesserungswürdigem Tracking. Das eigentliche Problem von Cosmos ist der Preis: Mit 800 Euro ist die VR-Brille deutlich teuer als Rift S, auch wenn sie mehr Bild, Komfort, Flexibilität und integrierte Kopfhörer fürs Geld bietet.

Fürs selbe Geld – vorausgesetzt man besitzt bereits das Trackingsystem – bekommt man allerdings auch Valves Index-Brille, die technisch noch einen Tick mehr bietet. Wäre ausgerechnet HTCs früherer Hardware-Partner nicht im Alleingang vorgeprescht, Vive Cosmos hätte jetzt wohl eine gute Marktposition inne.

Ein echtes Alleinstellungsmerkmal, wie die anfangs angedeutete optionale Smartphone-Verbindung, fehlt Cosmos derzeit noch. Optionale Upgrades für Drahtlos-VR oder Lighthouse-Tracking (siehe Video unten) sind interessante Angebote, aber wahrscheinlich nur für wenige Nutzer kaufentscheidend und im Falle des Vive-Wireless-Adapters (Test) recht teuer (circa 350 Euro). HTCs Viveport-Abo im Netflix-Stil ist ein toller Service, der aber mit jeder VR-Brille genutzt werden kann.

Interessant wird sein, ob HTC einen langen Atem hat, das Cosmos-Tracking verbessert und beim modularen Zubehör sinnvoll nachlegen kann – dann hätte die neue HTC-Brille wohl eine Chance auf eine eigene Nische am kleinen PC-VR-Markt für Gamer.

Das große Fragezeichen ist die Umsatzkraft des chinesischen Marktes, auf dem HTC als Premium-VR-Anbieter ein Quasi-Monopol innehat.

Update: Weitere US-Tests

Mittlerweile sind drei weitere Tests online gegangen, die die Meinung der anderen Tester weitgehend widerspiegeln: Der Screen von Vive Cosmos überzeugt, ebenso wie die integrierten Kopfhörer und das Upgrade-Potenzial. Schwachpunkte sind das Tracking und der hohe Preis.

The Verge

Die VR-Testerin Adi Robertson von The Verge bemängelt das anfällige Tracking bei schwachem Umgebungslicht, sowie ein “verwirrendes Software-Interface”, das nicht besser als SteamVR sei, und den im Vergleich zur Konkurrenz hohen Preis. HTC verspreche jedoch Verbesserungen, sodass es zu früh sei, die VR-Brille abzuschreiben. Wenn das Tracking einmal laufe, sei es auf dem Niveau von Rift S und Quest.

Vor ein paar Jahren hätte sie Cosmos bedenkenlos empfohlen, so Robertson, doch jetzt hätten Oculus und Valve reifere Konkurrenzplattformen aufgebaut. Mit besserer Performance, weiteren Upgrades und einem niedrigeren Preis könne Vive Cosmos womöglich in der Zukunft punkten.

Robertson vergibt sechs von zehn möglichen Punkten. Valve Index testete sie mit acht von zehn und Oculus Rift S mit sieben von zehn Punkten.

Road to VR

Road to VR bezeichnet Cosmos als “ordentliche VR-Brille mit harter Konkurrenz”. Der Tester Ben Lang zeigt sich unzufrieden mit der Verarbeitungsqualität: Die VR-Brille fühle sich nicht an wie ein 700-US-Dollar-Gerät. Insbesondere die abnehmbare Frontseite könne wohl schnell zerbrechen und die Montage sei fummelig.

Außerdem sei die Brille schwer und vorderlastig, somit unbequem. Beim Aufsetzen müsse man sich entscheiden zwischen Tragekomfort und bestmöglicher Bildqualität, da der maximale Schärfepunkt der Linsen “frustrierend eng” sei – die VR-Brille soll nur in einem ganz bestimmten Winkel optimal auf dem Kopf sitzen, der nicht unbedingt der bequemste ist.

Positiv sei das im Vergleich zu Rift S etwas weitere Sichtfeld. Displayqualität und Pixeldichte sollen auf Augenhöhe sein mit Valve Index und Rift S.

Das Tracking der Cosmos-Brille erreiche nur bei optimalen Lichtbedingungen die Präzision von Rift S. Der nach dem Launch veröffentlichte Tracking-Patch habe zwar die zu frühe Warnmeldung bei schlechtem Umgebungslicht beseitigt. Aber bei nicht optimalem Umgebungslicht sei das Tracking anfällig und zittrig. Die VR-Brille sei zwar nicht unbrauchbar, das leichte Zittern könne aber zu Unwohlsein führen.

Die Controller seien besser als die der ersten Vive, reichten aber nicht an Oculus Touch oder die Index Fingertrackingcontroller heran. Das Controller-Tracking sei “relativ gut”, vergleichbar mit Rift S, wenn auch mit leicht höherer Latenz, und deutlich besser als bei Windows-VR-Brillen. Beat Saber könne ohne Probleme auf “Expert+” gespielt werden – das ist der Lackmustest für schnelle Bewegungen, die das Tracking herausfordern.

Das Vive-Setup zwar einfach, die seltsame Verzahnung zwischen Viveport und SteamVR für neue Nutzer jedoch verwirrend. Egal wie intuitiv die Vive-Cosmos-Software werden würde, sie könne nicht das fummelige Interface von SteamVR überwinden. Das von HTC groß angekündigte “Vive Reality System” sei derzeit nicht mehr als ein Dashboard und eine Home-Umgebung. Die versprochenen Social-Funktionen oder Freundeslisten würden noch fehlen und müssten daher über Steam genutzt werden.

Langs Fazit: Wem Vive Cosmos gut passe, der bekäme eine ordentliche VR-Brille, die aber zu teuer sei im Vergleich zur Konkurrenz. Rift S biete ein insgesamt besseres Erlebnis für 300 US-Dollar weniger. Valve Index sei zwar 300 US-Dollar teurer (Gesamtpaket), rechtfertige aber den Premium-Preis eher. Wer bereits SteamVR-Hardware besitze, müsse ohnehin zu Valve Index greifen. Alles in allem sei Vive Cosmos nicht konkurrenzfähig, solange HTC den Preis nicht auf circa 400 US-Dollar senke.

Tested

Der Schwachpunkt von Vive Cosmos ist laut Tested das optische Tracking, sowohl bei VR-Brille als auch bei den Controllern. Die Trackingprobleme in dunklen Umgebungen – eine Warnmeldung erscheint im Screen, dass das Umgebungslicht nicht ausreiche fürs Tracking – sei nach einem ersten Patch besser, aber nicht behoben, bemängeln die YouTuber von Tested.

Das Controller-Tracking neige außerdem zu Aussetzern nahe vor der Brille oder wenn sich die Controller verdecken. Die Laufzeit der Controller soll mit guten Akkus bei rund vier Stunden liegen, HTC behauptet vier bis acht Stunden.

Cosmos biete zwar Upgrades wie SteamVR-Tracking und Wireless, diese seien aber teuer, ebenso wie die VR-Brille selbst – im Vergleich zur Konkurrenz. Die Cosmos-Brille fühle sich eher wie ein 500-Euro-Gerät an, besonders dann, wenn HTC erwarte, dass man zusätzlich in Upgrades investiere.

Aktuell habe es Cosmos schwer am Markt, insbesondere da die Konkurrenz von Valve und Oculus die eigene Hard- und Software querfinanzieren könne und nicht unbedingt Geld verdienen müsse – HTC hingegen schon.


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