Der Teslasuit liefert haptisches Feedback an Armen und Beinen, biometrische Erfassungssensoren zur Überwachung der gesundheitlichen Werte und Ganzkörpererfassung durch Motion Capturing. Die Liste der Features ist lang. Doch überzeugt der Haptik-Anzug auch in der Praxis?

Kabetec VR-Brille

Menschen erfassen die Welt nicht nur mit Auge und Ohr. Sie wollen Dinge greifen und spüren, um sie besser zu verstehen. VR-Training nutzt diese Eigenschaft und kann durch immersive Erlebnisse zu guten Lern- und Trainingsergebnissen führen. Besonders effektiv soll VR-Training in Kombination mit haptischen Eingabegeräten sein.

VR-Haptik-Prototypen wie ThermoReal lassen euch Feuer und Eis fühlen und wollen für mehr Realismus in VR-Erlebnissen sorgen. Der Haptik-Controller Aero-Plane bringt Gewicht ins Spiel und am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz arbeitet man an einem VR-Fächercontroller, der Haptik simuliert.

Für ein wirklich umfassendes Erlebnis wollen haptische VR-Anzüge sorgen. Sie geben Feedback aus der Virtual Reality auf den ganzen Körper aus. Ein vielversprechendes Exemplar ist der Teslasuit, der seit einigen Jahren weiterentwickelt wird und auf der CES 2020 ausprobiert werden konnte.

VR-Haptik-Anzug: Das ist der Teslasuit

Der Teslasuit ist ein haptischer Ganzkörperanzug, der hauptsächlich für VR-Training konzipiert wurde. Sein Vibrations-Feedback überträgt er durch insgesamt 80 haptische Stimulationspunkte auf den ganzen Körper. Die elektronische Stimulation simuliert Berührung und Krafteinwirkung und verleiht damit sogar Objekten Gewicht.

Ein auf der CES 2018 vorgestellter Prototyp des Teslasuits simulierte sogar Temperaturschwankungen im Bereich zwischen 20 und 40 Grad Celsius.

Der gleichnamige Hersteller zielt vor allem auf den Einsatz in Unternehmen und der öffentlichen Sicherheit ab. Mitarbeiter trainieren dort komplexe Arbeitsabläufe oder fordernde Situationen in einer VR-Umgebung. Das soll helfen, kostspielige oder gesundheitsgefährdende Fehler in der Realität zu vermeiden.

Biometrische Erfassungssensoren messen Puls und Herzfrequenz, um den Stress-Level des Trägers zu beobachten. Das macht den Anzug auch für Sport- und Reha-Training interessant.

2019 gewann der Haptik-Anzug den Innovations Award der CES, den Red Dot Award für bestes Produktdesign und den Future Unicorn Award der DIGITALEUROPE. Wie sich der preisgekrönte Teslasuit in der Praxis schlägt, durfte Scott Hayden von RoadToVR auf der diesjährigen CES ausprobieren.

So fühlt sich der Teslasuit in der Praxis an

Der Anzug besteht aus zwei Teilen. Jacke und Hose benötigen direkten Hautkontakt für optimale Leitfähigkeit – einfaches Überziehen ist somit keine Option. An- und Ausziehen beschreibt Hayden deshalb als umständlich. Schweiß lässt den Anzug eher unangenehm an der Haut kleben.

Der Test-Anzug verzichtet auf thermales Feedback und setzt rein auf transkutane elektrische Nervenstimulation (TNS, Stimulation durch die Haut) und neuromuskuläre Elektrostimulation (NMES, Nerven und Muskeln betreffend). Hierbei reizen elektrische Impulse die Nerven unter der Haut und lassen die Muskeln reagieren, beispielsweise durch kurze Kontraktionen.

Mit einer HTC Vive Pro schickte Teslasuit den Kollegen in eine VR-Demo namens “Oil Rig”. Die wurde von den Briten in Kooperation mit dem Schlumberger Software Technology Innovation Center entwickelt. Oil Rig simuliert ein Notfallszenario auf einer Bohrinsel, das mit einer Explosion auf der Plattform endet.

TESLASUIT-Hands_on-Damen

Der haptische VR-Anzug Teslasuit ist auch für Damen und in verschiedenen Größen erhältlich. BILD: Teslasuit

In einem fünfminütigen Kalibrierungsprozess wird Hayden an die verschiedenen Stärkegrade der elektrischen Impulse herangeführt. Das System sendet langsam unterschiedliche Pegel durch die leitfähigen Stellen des Anzugs. Darunter Vorder- und Rückseite beider Beine, Brust, Schultern, Rücken, Ober- und Unterarme.

Hayden beschreibt den minimalen Pegel als sanftes Kitzeln. Der höchste Pegel sei ein überraschender Ruck, der sofort eine Muskelkontraktion auslöse. Das Erlebnis sei nicht schmerzhaft, aber deutlich intensiver als bei motorischen Haptik-Anzügen.

Teslasuit im Hands-on: Beeindruckend, aber nicht völlig überzeugend

Während der Oil Rig-Demo kommt es zu einem Unfall, bei dem unter anderem auch Öl in die Luft gesprüht wird. Der Teslasuit simuliert den herabfallenden Ölregen durch minimale Impulse. Hayden bezeichnet diese Simulation als ziemlich gut gemachtes, leicht kitzelndes Gefühl auf dem Körper.

Andere Empfindungen produziere der Teslasuit weniger überzeugend. Als Beispiel nennt Hayden den physischen Widerstand beim Auf- und Zudrehen von Ventilen. Dieser wird durch einen leichten, längeren Ruck auf Beine und Arme simuliert.

Der Teslasuit hat seine Stärken vor allem in Extremen. Schläge und Schüsse setze er sehr gut um. Eine Explosion am Ende von Oil Rig und die dabei ausgelöste Muskelspannung am ganzen Körper beschreibt Hayden als besonders beeindruckend. Trotzdem äußert sich Hayden skeptisch bezüglich des Kosten-Nutzen-Faktors. Teslasuit kommuniziert den Anschafffungspreis des Anzugs nicht öffentlich. Die Kickstarter-Preisspanne lag 2016 bei rund 2.300 Dollar, heute dürfte der Preis deutlich höher liegen.

Da es keine Einheitsgrößen gibt, bräuchte ein Unternehmen für VR-Trainings mit mehreren Personen verschiedene Anzüge. Aus Hygienegründen müsse der Anzug nach jeder Nutzung dampfgereinigt werden, was zusätzlichen Aufwand bedeutet.

Auf der CES 2020 stellte Teslasuit auch einen neuen VR-Handschuh mit Haptik-Gelenken vor. Die coolsten Haptik-VR-Produkte zeigen wir euch zudem in unserer laufend aktualisierten Liste.

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