Apple investiert in Augmented Reality und könnte den Lidar-Scanner in diesem Jahr zur Standardausstattung des iPhones machen. Samsung hingegen wartet noch ab. Einem Bericht zufolge wird auch das nächste Galaxy-Flaggschiff ohne dedizierte 3D-Sensortechnik auf den Markt kommen.

Apple führte den Lidar-Scanner im letztjährigen iPad Pro ein und integrierte die gleiche Sensortechnik später im iPhone 12 Pro und Pro Max. Gerüchten zufolge soll der 3D-Sensor ab diesem Jahr standardmäßig in iPhones verbaut werden, was ein starkes Bekenntnis zur Technologie wäre.

Der Lidar-Scanner misst nach dem ToF-Prinzip (“Time of Flight”) die Tiefe eines Raums. Hierbei sendet ein Sensor Infrarot-Laserstrahlen aus und misst zugleich, wie lange das Licht braucht, um von Objekten in der Umgebung zurückgeworfen zu werden. Weil Apples 3D-Sensor kontinuierlich ein ganzes Lichtpunktegitter aussendet, kann die Umgebung flächig gescannt werden, wodurch in Echtzeit ein digitaler 3D-Abdruck des Raums entsteht.

In dieser Hinsicht unterscheidet sich der Lidar-Scanner von Apple vom ToF-Sensor (siehe iPhone 12 Pro: Was den Lidar-Scanner besonders macht), wie sie Samsung im Galaxy S10 5G, S20 Plus und S20 Ultra verbaute. Diese erleuchten den Raum mit einem Laserblitz und erfassen daraus resultierende Lichtreflexionen.

Das Problem dieses Systems ist, dass die 3D-Messungen relativ ungenau sind: Der ToF-Sensor empfängt Lichtreflexionen aus verschiedenen, teils indirekten Richtungen und Algorithmen können Ungenauigkeiten nur zu einem Teil korrigieren. Das folgende Video zeigt den Unterschied am Beispiel eines Pixel-Smartphones.

Was der Lidar-Scanner bringt

Apples Lidar-Scanner hat derzeit drei Anwendungsbereiche: Fotografie, Augmented Reality und 3D-Scanning. Da der 3D-Sensor selbst bei vollkommener Dunkelheit die Tiefe des Raums erkennt, ermöglicht er einen schnelleren Kamera-Autofokus und schönere Porträtaufnahmen unter schlechten Lichtbedingungen.

Bei Augmented Reality schafft der Lidar-Scanner realistischere und aufwendigere AR-Effekte, da das iPhone durch den 3D-Sensor ein Raumverständnis gewinnt und digitale Objekte auf diese Weise besser in die reale Umgebung einbetten kann. Zu guter Letzt kann man mit dem Lidar-Scanner Gegenstände und ganze Räume in guter Qualität einscannen sowie Holo-Videos drehen.

Bei der DepthVision Camera des Galaxy S10 5G, S20 Plus und S20 Ultra handelt es sich wie gesagt um einen herkömmlichen ToF-Sensor, der in erster Linie für bessere Fotos zum Einsatz kam. Für aufwendige Augmented Reality und 3D-Scanning ist er nur bedingt geeignet.

Wohl aus diesem Grund verzichtete Samsung für das Galaxy S21 Plus und S21 Ultra auf die DepthVision Camera. Nur im S21 Ultra ist anstelle des ToF-Sensors ein einfacher Autofokus-Laser integriert.

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Das Galaxy S21 Ultra bietet statt der Depthvision Camera lediglich einen Autofokus-Laser. | Bild: Samsung

Samsung wirft den ToF-Sensor raus

Laut eines Berichts der koreanischen Webseite ET News wird das so bleiben: Demnach habe Samsung das Feedback der Kunden ausgewertet und entschieden, dass das Kamerasystem ohne ToF-Sensor auskommt. Das Galaxy S22 Ultra werde deshalb erneut auf einen Autofokus-Laser setzen.

Selbst die Einführung des Lidar-Scanners im iPhone 12 Pro (Max) konnte die Koreaner nicht vom Gegenteil überzeugen, da die Vorteile der Technologie immer noch unklar seien, heißt es in dem Bericht.

Samsung sieht offenbar keinen Bedarf für ToF-Sensoren außerhalb der Fotografie und hat damit recht: Anwendungen wie Highend-AR und 3D-Scanning sind zwar beeindruckend, aber nur für wenige Menschen interessant. Wieso also nicht gleich auf einen Autofokus-Laser setzen? Davon abgesehen kann die DepthVision Camera technisch ohnehin nicht mit Apples Lidar-Scanner mithalten, der den umgebenden Raum schneller, umfassender und genauer misst.

Ein Konkurrenzprodukt steht bereit

Kurioserweise hat Samsung selbst Ende 2020 einen neuen ToF-Sensor vorgestellt, der es mit Apples Lidar-Scanner aufnehmen könnte: den Vizion 33D. Der soll jedoch aus den gleichen Gründen nicht in den kommenden Flaggschiff-Smartphones verbaut und stattdessen an chinesische Smartphone-Hersteller verkauft werden.

Für die Samsung-Abteilung, die den neuen ToF-Sensor entwickelt hat, ist das ein herber Rückschlag. Ursprünglich sollte der Vizion 33D Sony Konkurrenz machen, das Apples Lidar-Scanner herstellt. Da Samsungs Bestellung wegfällt, dürfte Sony vorerst Marktführer in der ToF-Sensortechnik bleiben.

Samsung wartet ab

Womit am Ende eine Frage bleibt: Weshalb investiert Apple weiter in ToF-Sensoren, obwohl der Nutzen derzeit beschränkt ist?

Die Antwort liegt nahe: Der Lidar-Scanner ist ein wichtiger Baustein der Augmented Reality und in diesem Bereich hat Apple langfristige Pläne. Der Konzern will angeblich noch dieses Jahr eine VR-Brille vorstellen und plant für die Zukunft mit einer schlanken AR-Brille.

In beiden Geräten dürfte ein Lidar-Scanner arbeiten, denn nur mit diesem haben die Geräte ein akkurates 3D-Verständnis ihrer Umgebung – eine wichtige Voraussetzung für die Raumcomputer. Gegenüber der 3D-Vermessung mit Kameras hat Lidar neben der Genauigkeit Vorteile bei der Privatsphäre.

Mit dem Lidar-Scanner im iPhone kann Apple außerdem schon jetzt wichtige 3D-Daten sammeln, die in die Entwicklung der Techbrillen fließen dürften und Entwickler Apps erfinden lassen, die die 3D-Sensortechnik optimal nutzen.

Im Umkehrschluss könnte man sagen, dass Samsung weit weniger vom AR-Potenzial überzeugt ist. Eine Strategie oder ein Fahrplan ist jedenfalls nicht zu erkennen. Bei VR hegte Samsung anfangs große Ambitionen, kooperierte sogar im großen Stil mit Oculus, die Marktentwicklung blieb jedoch weiter hinter den Erwartungen zurück. Womöglich warten die Koreaner jetzt ab, wie sich VR und AR weiterentwickelt und steigen zu einem späteren Zeitpunkt wieder ein.

Quelle: ET News

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