Lenovo stellte im Mai die eigenen Pläne rund um Augmented Reality vor: Eine “ThinkReality” getaufte B2B-Plattform soll die nahtlose Integration von Mixed Reality in Unternehmen ermöglichen. Auf der Augmented World Expo in München konnte ich Lenovos AR-Brille “A6” ausprobieren, die Teil der neuen Plattform ist.

Autor: Tobias Kammann, Augmented.org und MIXED-Podcaster

Vor gut zwei Jahren stieg Lenovo mit der Smartphone-AR-Brille Mirage (Test) in Augmented Reality ein: Das Unternehmen sicherte sich zwar die starke Star-Wars-Lizenz für Lichtschwertkämpfe und Holochess, rein technisch war die AR-Brille aber eher enttäuschend. Außerdem brachte Lenovo die Windows-VR-Brille “Explorer” auf den Markt.

Man sollte also meinen, dass bei Lenovo durchaus XR-Know-How vorhanden ist für einen innovativen Produktlaunch 2019. Im Mai präsentierte das Unternehmen die technischen Daten der A6-Brille, die auf dem Papier durchaus vielversprechend klingen. Wie schaut’s in der Praxis aus?

Leicht und im 80er-Jahre-Stil

Die 380 Gramm leichte Brille ist solide verbaut und produktreif. Materialien und Oberflächen sind ordentlich verarbeitet, ähnlich wie bei Hololens oder Oculus-Brillen.

Beim Tragesystem wählt Lenovo einen etwas ungewöhnlichen Weg: Beidseitig kann man zwei Schieberegler lockern oder fixieren und so ein elastisches Trageband verstellen. Diese Einstellung ist leider etwas fummelig, aber wenn sie mal gelungen ist, sitzt die Brille fest auf dem Kopf. Der Trageriemen wirkt so, als könnte er über die Zeit ausleiern.

Lenovos AR-Brille A6 wird mit einem Trageriemen an den Hinterkopf geschnallt. In der Praxis ist das recht fummelig. Bild: Lenovo

Hat man die AR-Brille auf dem Kopf, muss man sie so zurechtrücken, dass sie bequem sitzt und gleichzeitig das optimale Bild bietet. In der für mich natürlichsten Trageposition konnte ich leider nur circa fünf Prozent des Displays sehen. Ich musste lange die Brillenhöhe auf Nase und Kopf anpassen, um das volle Sichtfeld zu erwischen.

Ähnlich geht es mir mit Magic Leap One (Test), bei der sich bei mir die Hinterkopfplatzierung immer zu hoch anfühlt. Bedeutet: Es wird wohl nie ein Gerät geben, das für jeden Träger bequem ist – aber Lenovos Versuch ist leider alles andere als intuitiv.

Ein externer Snapdragon-845-Computer am Gürtel dient als Zuspieler. Er wird über ein Kabel mit der Brille verbunden. Funktional gibt es hier keine Beschwerden, nur sieht der Taschen-PC ein wenig aus wie ein früher Walkman aus den 80ern. Aber darauf kommt’s nicht an.

Die A6-Hardware mit Zuspieler in der Übersicht. Bild: Lenovo

Die A6-Hardware mit Zuspieler in der Übersicht. Bild: Lenovo

Jetzt durchschauen: Sichtfeld und Bildqualität

Das Sichtfeld ist selbst bei idealer Trageposition eng mit circa 40 Grad diagonal. Magic Leap und Hololens 2 erreichen bis zu 52 Grad – und sind in diesem Bereich noch lange nicht gut genug. Qualitativ kann Lenovos AR-Brille in dieser Hinsicht nicht mal mit Microsofts Hololens 1 mithalten.

Der große Abstand des Displays vom Auge und die kleinen Sichtfeldfenster erinnern an erste Forschungsprototypen. 2019 sollte eine AR-Brille mehr bieten, auch wenn die Technologie noch am Anfang steht.

Lenovos A6 wird mit einem Trageriemen um den Hinterkopf geschnallt. Bild: Kammann

A6 bietet ein scharfes, helles Bild – leider in einem viel zu kleinen Sichtfeld. Bild: Kammann

Wirklich sehr gut gelungen sind hingegen die Schärfe der beiden 1080p-Displays sowie die Deckkraft der Projektionen. Der Stand hatte zwar relativ dunkle Wände als Hintergrund, aber ich glaube dennoch, dass die AR-Brille auch in helleren Umgebungen ein gutes Bild liefert.

Interaktion und Tracking

Lenovo zeigte verschiedene kurze Demos mit beispielsweise fliegenden 3D-Menüpunken, die man durch Anvisieren und Klicken direkt am Taschencomputer auswählen konnte. Richtig gelesen: Die Eingabe erfolgte über den Taschencomputer. Einen Controller oder gar Finger- und Gestensteuerung unterstützt Lenovos Brille noch nicht. Beides ist allerdings in Planung.

In einer anderen Demo konnte ich ein Stadtpanorama in 3D bewundern und drehen oder durch Kopfbewegungen eine virtuelle Palette mit Kisten stapeln. Leider ging das oft schief, weil bei schnellen Kopfbewegungen die Objekte aus dem Sichtfeld verschwanden oder herunterfielen, da das Tracking nicht schnell genug reagierte.

Ein 3-DOF-Controller existiert zwar, er wurde am Stand aber nicht live gezeigt, und die versprochene Gestensteuerung war noch nicht verfügbar. Die verbauten Fischaugen- und Tiefenkameras sollen laut Lenovo eine hohe Performance beim Tracking bieten. Das müssen sie auch – denn derzeit ist das System nur schwer zu bedienen.

AR-Brille "A6" von Lenovo ausprobiert

Blick auf die Displays und die Trackingeinheit von Lenovos AR-Brille A6. Bild: Kammann

Bei aller Kritik: Die AR-Brille ist noch in Entwicklung und wird erst 2020 auf den Markt kommen. Die Demoversion auf der AWE 2019 war allerdings noch so unfertig, dass ich mich frage, weshalb Lenovo sie überhaupt präsentierte.

Selbst grundlegende Funktionen wie die 3D-Vermessung der Umgebung für genauere AR-Projektionen funktionierten noch nicht. Ein Lenovo-Entwickler bestätigte mir, dass noch intensiv an der Software gearbeitet wird. Der Preis und das Veröffentlichungsdatum für A6 sind noch nicht bekannt.

Zu früh für ein Urteil, aber vielleicht zu spät für die Brille?

Ein im Mai 2019 als “fast fertig” angekündigtes B2B-Produkt von einem großen, etablierten Hersteller wie Lenovo ließ mich auf mehr hoffen: Grundlegende Fragen zu Technik und Software sind noch offen, gerade bezüglich des Interface. Die erste Demo jedenfalls lässt mich etwas ratlos zurück, welche Zielgruppe Lenovo mit A6 erreichen will.

Technisch ist der Abstand auf Hololens 2 (Vorabtest) oder Magic Leap One noch sehr groß. Und für einfache Assisted-Reality-Aufgaben (bspw. Produktsuche im Lager) existieren elegantere, leichte Datenbrillen, die sogar an herkömmliche Brillen passen.

Würde man jetzt den Preis kennen und läge er beim Bruchteil der Konkurrenz – womöglich könnte Lenovo dann mit neuer, konkurrenzfähiger Software doch noch punkten. Derzeit fühlt sich A6 leider an wie eine Zeitreise ins Jahr 2015.

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