Magic Leap-Gründer Abovitz verspricht jetzt künstliche Lebewesen

Magic Leap-Gründer Abovitz verspricht jetzt künstliche Lebewesen

Magic Leap wäre aufgrund seines Größenwahns fast gescheitert. Das neue Ziel von Rony Abovitz: Künstliche „Mitgestalter“ erschaffen. 

Magic Leap sammelte mehrere Milliarden Dollar, um lebensechte Wale aus Turnhallenböden kommen zu lassen. Am Ende warf bloß ein kleiner Golem Steine im Wohnzimmer herum. Das Ergebnis waren Massenentlassungen und eine radikale Restrukturierung des Unternehmens.

Die Beinahe-Pleite hat nicht zuletzt CEO Rony Abovitz mitzuverantworten. Er unterschätzte die Regeln der Physik massiv und versprach eine Computerrevolution durch Augmented Reality. Schon 2015 kündigte er großspurig an, Magic Leap werde schon bald Smartphones durch Millionen AR-Brillen ersetzen. Verschiedene Quellen sprechen von 2.000 – 6.000 tatsächlich verkauften Magic Leap-Brillen.

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In der Kommunikation großer Visionen war Abovitz immer eine Klasse für sich – dass viele Investoren-Geld beweist das eindrucksvoll. Allerdings hatte er Schwierigkeiten, die Realität zu akzeptieren und Unternehmensziele daran anzupassen. „Monate und Jahre vergingen und mir wurde klar, dass Abovitz’ Versprechen nicht mit dem realen Produkt übereinstimmen“, sagt Magic Leaps ehemaliger Tech-Vermarkter Brian Wallace.

„Alle waren so überzeugt, wir hatten alle das Kool-Aid gemeinsam getrunken. Niemand stoppte und sagte: ‚Dieses Produkt ist Mist'“, so ein Investor. „Das erste Mal, als ich die richtige Brille aufsetzte, dachte ich nur: ‚Oh Mist. Ihr habt euer Versprechen nicht gehalten.'“

Abovitz‘ neues Understatement heißt „Supernova“

Leute wie Abovitz  scheinen immer auf den Füßen zu landen. Sein neues Start-up trägt den klangvollen Namen Sun and Thunder und beschäftigt weniger als zehn Mitarbeiter. Auch hier behält er den Bezug zu „Spatial Computing“ bei, also dem Themenbereich, dem er sich bereits bei Magic Leap verschrieben hatte. Allerdings will er jetzt keine AR-Brillen mehr bauen.

„Bei den Technologien, die wir bauen, geht es um die Verstärkung der menschlichen Intelligenz und der menschlichen Kreativität“, sagte Abovitz. „Es geht um die Verschmelzung von Intellekt und Kreativität.“ Im Detail möchte er nichts weniger bauen als künstliche Wesen mit echter, eigener Intelligenz. Deren Fähigkeiten und Potenzial soll eine Reihe von Kurzfilmen demonstrieren, die Sun and Thunder noch in diesem Jahr veröffentlichen will. Wer findet Parallelen zur Magic Leap-Story?

Derzeit befindet sich das Unternehmen in einer Experimentierphase, so Abovitz. Die muss natürlich einen passenden Namen haben. „Ich betrachte die Arbeit am Anfang als eine frühe experimentelle Schnittstelle“, sagte er. „Ich nenne diese Phase eigentlich ‚Supernova‘.“

Ja, warum eigentlich nicht.

Die KI schreibt ihre Abenteuer selbst

Jako Vega, auch Yellow Dove genannt, soll die erste Künstliche Intelligenz auf diesem Weg sein und in den bereits angesprochenen Kurzfilmen auftreten. Er wird auf der offiziellen Webseite von Sun and Thunder bereits als Teammitglied und „Mitgestalter“ geführt. Wie soll das funktionieren?

„Im ersten Kurzfilm lernt man ihn kennen, und er beginnt in einem Raum. Er geht nach draußen und zeigt uns die Welt. Wir bauen die zugrundeliegende Technologie auf, die diese Dinge möglich macht“, sagte Abovitz. „Es ist ein ausreichend kleiner Container, den wir entwickeln. Und er wird letztendlich alle seine Texte und Abenteuer schreiben.“

In Anbetracht des heutigen Standes von allgemeiner KI oder selbst von Text-KIs wie GPT-3, geschweige denn dem Vorhandensein einer Super-KI, ist das erneut eine sehr ambitionierte Vision des Magic Leap-Gründers.

„Wir schaffen unsere Mitgestalter“

Das PR-Vokabular und die großen Worte sind ihm also nicht ausgegangen. Auf Twitter schreibt er rätselhafte Einzeiler dazu.

Zukünftig soll KI das Storytelling in „Medien mit dem größtmöglichen Publikum“ zumindest teilweise übernehmen. Vielleicht sollte sich Abovitz mit den Cyberpunk 2077-Entwicklern zusammentun – die suchen noch verzweifelt nach einer KI-Lösung für ihr Spiel, die den Namen verdient.

Wie üblich hat Abovitz keine Zweifel am Gelingen seines Vorhabens. Immerhin soll es noch nicht dieses Jahr soweit sein, es sollen auch keine menschlichen Kreativen komplett ersetzt werden – so wie zu Magic Leap-Zeiten AR-Brillen die Smartphones innerhalb kürzester Zeit ersetzen sollten.

„Aber die Gesamtheit dessen, was wir tun, wird eine Reise sein“, sagt er über den Zeitrahmen. „Unser Pinocchio hat im Moment noch Fäden. Aber mit der Zeit schneiden wir diese Fäden über 10 bis 15 Jahre hinweg immer weiter ab. Unser Pinocchio wird in einem Film in der Welt sein und wird auch mit uns zusammenarbeiten, um Dinge zu erschaffen. Wir schaffen unsere Mitgestalter.“

An einem ähnlichen Projekt arbeitet übrigens auch Samsung. Das Start-up Neon werkelt ebenfalls an Computermenschen, die als Arbeitskräfte eingesetzt werden können, beispielsweise als Bankberater. Später sollen sogar künstliche Menschen als Freunde möglich sein. Wir diskutieren den künstlichen Menschen im MIXEDCAST Folge 230.

Der Science-Fiction-Hype greift in der Tech-Welt um sich

Abovitz ist also nicht der einzige Visionär im Ring, wenn auch einer der wenigen, die deutliche Probleme mit der Einordnung von Visionen in reale Kontexte haben. Gerade erst tauchte ein Microsoft-Patent auf, dass aus verstorbenen oder wahlweise auch Fantasy-Helden Chat-Bots machen soll. Allerdings bestreitet Microsoft ernsthafte Pläne diesbezüglich.

Ein anderes Kaliber ist Valves Gabe Newell, der ebenfalls schon häufiger durch fette Statements zu Zukunftstechnologien aufgefallen ist – und auch nicht immer geliefert hat. Der Virtual Reality-Pionier und Steam-Besitzer arbeitet derzeit an einem Gehirn-Computer-Interface (BCI). In Kürze, so Newell, wäre es sogar möglich sein, Empfindungen und Wahrnehmungen des Gehirns nicht nur auszulesen, sondern auch zu editieren. Die Erfahrungen, die wir damit machen könnten, würden „besser als die Realität“ sein.

Nun geht es in all diesen Unternehmungen immer auch um Investoren und die Gelder dahinter. Abovitz will mit seinem neuen Start-up künftig erneut Investorengelder einsammeln. Aktuell finanziert er Sun and Thunder aus eigener Tasche, ist aber wohl bereits in Gesprächen mit Geldgebern.

Abovitz ist stolz darauf, „eine führende Rolle bei der Arbeit im Bereich Spatial Computing gespielt zu haben, die jetzt von allen Tech-Giganten aufgegriffen und verfolgt wird.“ Seinem Selbstbewusstsein hat die Magic Leap-Geschichte jedenfalls nicht geschadet und auch sein neues Unternehmen backt ganz offensichtlich keine kleinen Brötchen.

Quellen: Venturebeat, Sun and Thunder | Titelbild: Sun and Thunder

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