Varjo Aero im Test: Beinahe-Königin der Virtual Reality

Varjo Aero im Test: Beinahe-Königin der Virtual Reality

Varjo bringt mit der Varjo Aero erstmals eine VR-Brille für Konsumenten auf den Markt. Für wen lohnt sie sich?

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Varjo ist bekannt für Business-VR-Brillen mit extrem hoher Auflösung. Varjo spricht etwa bei der Varjo VR-3 gern von Auflösung auf Höhe des menschlichen Auges oder Auflösung der menschlichen Netzhaut. Das wird durch eine Doppel-Display-Konstruktion erreicht, bei der das kleine Display im Fokusbereich ganz besonders hoch auflöst.

Varjo-Brillen waren bislang nicht für den Hausgebrauch vorgesehen und auch preislich für VR-Enthusiasten kaum erschwinglich. Jetzt kommt mit der Varjo Aero eine VR-Brille, die hauptsächlich betuchte VR-Sim-Fans ansprechen soll.

Ich habe von Varjo ein Aero-Headset für einen Test zur Verfügung gestellt bekommen. Ist das Bild so gut, wie beworben? Ist die VR-Brille eine Empfehlung wert oder nur überteuertes Spielzeug?

Varjo Aero Test in aller Kürze

Varjo Aero bietet das klarste und schärfste aktuell verfügbare VR-Bild mit riesigem Sweetspot ganz ohne God-Rays und ohne Glare. Einen Fehler hat das Display aber leider doch: In der Bewegung wölbt sich das Bild an den Rändern leicht.

Das Headset ist dank der cleveren Zusatzjustierung oberhalb der Stirn und der Halo-Einstell-Räder sehr komfortabel, auch über mehrere Stunden.

Varjo Aero ist für Brillenträger geeignet, allerdings ist aufgrund des eingeschränkten Klappwinkels der Halo-Halterung das Aufsetzen nicht ganz einfach. Sound gibt es nur über zusätzliche Kopfhörer und das SteamVR-Trackingsystem samt VR-Controllern muss zusätzlich gekauft werden.

Alles zusammen und ohne einen leistungsfähigen Rechner mit mindestens einer RTX 3070 kostet das knackscharfe VR-Bild weit über 2.000 Euro.

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Varjo Aero ist für euch geeignet, wenn …

  • ihr das klar beste VR-Bild genießen wollt, dass es in VR-Brillen für Konsumenten derzeit gibt,
  • euch leichte Bildwölbungen an den Rändern in Bewegung nicht stören,
  • Kopfhörer für euch zur Standardausrüstung gehören,
  • ihr hohen Tragekomfort möchtet,
  • perfektes Tracking wünscht,
  • primär VR-Simulationen spielt
  • und einen Hochleistungs-PC samt genug Großgeld für die VR-Brille besitzt.

Varjo Aero ist für euch weniger geeignet, wenn …

  • ihr überwiegend VR-Spiele spielt, bei denen feinste Details und die scharfe Darstellung von Schrift nicht so wichtig sind,
  • euch leichte Bildverzerrungen an den Rändern stören,
  • ihr ein gutes und integriertes Soundsystem erwartet,
  • keinen starken PC besitzt und
  • nicht mal eben zwei- bis dreitausend Flocken für Hightech-Spielzeug rumliegen habt.

Einrichtung und Konfiguration

Das ist es, was ich bei PC-VR-Brillen mittlerweile wirklich hasse: Kabelsalat, Herumsteckerei von Display Ports und USB-Slots und danach Konfigurations-Hickhack in mindestens zwei unterschiedlichen Software-Instanzen.

Das ist auch bei der Varjo Aero so: Ein Display-Port-Kabel und ein USB-Kabel gehen vom PC zu einer kleinen Adapterbox, die mit Strom versorgt werden muss. Ein USB-C-Kabel (etwas dicker und deutlich unflexibler als das offizielle Oculus Link-Kabel) führt zum Headset.

VR-Brille Varjo Aero von oben mit Sicht auf die Linsen

Das einzelne Kabel täuscht: Am PC müssen weiterhin Display Port und USB-Anschluss belegt werden, dazwischen liegt ein VR-Adapter mit Stromanschluss. | Bild: MIXED

Die hauseigene Software heißt Varjo Base und ist sehr zugänglich aufgebaut. Die Einstellungen sind schnell zu finden, überwiegend verständlich beschrieben und umfangreich genug, um das eigene VR-Erlebnis anzupassen. Während Screenshots oder Videos aus der Software heraus gemacht werden können, gibt es aber leider keine Shortcuts für VR-Controller – zumindest habe ich keine gefunden.

Die Installation der Software und Treiber funktioniert überwiegend gut, allerdings musste ich die Einstellung der Steam Geräte überspringen, da die Kommunikation zwischen Varjo Base und SteamVR, das alle Geräte korrekt erkannte, nicht funktionierte. Das ließ sich immerhin überspringen. Regelmäßig wird das SteamVR-Fenster nicht angezeigt oder SteamVR lässt sich in Virtual Reality nicht starten, obwohl es laut Steam aktiv ist. Hier gibt es Konflikte, die nur durch Neustarts von SteamVR und Varjo Base behoben werden können. Das Gleiche gilt für immer mal wieder auftretende Konflikte bei der Auflösung: Steam überschreibt manchmal Varjo und umgekehrt.

Die Installation von PC-VR ist noch genauso überkomplex und nervig wie 2016, als ich erstmals die HTC Vive in Betrieb nahm. Glücklicherweise habe ich die SteamVR-Basisstationen schon an der Wand, sonst wäre das auch noch dazugekommen.

Varjo Aero: Auflösung, Farben, Bildwiederholrate, Performance

Die Aero kommt nicht mit der Varjo-typischen Doppeldisplay-Lösung, sondern mit zwei miniLED-Displays und einer Auflösung von 2.880 x 2.720 Pixeln pro Auge. Das klingt auf dem Papier nicht deutlich viel mehr als die 2.448 x 2.448-Auflösung der HTC Vive Pro 2 (Test). Gleichwohl ist der Unterschied wie Tag und Nacht.

Neben der Pixeldichte pro Grad (PPD) von standardmäßig 27 und maximal 35 (Vive Pro 2: 20 PPD; Valve Index: 11 PPD) liegt das auch an den asphärischen Linsen: Im Zusammenspiel wird eine großartige Bildklarheit geschaffen. Selbst kleinster Text ist superscharf – und zwar ohne jede God-Rays (Lichtstrahlen, die sich auf der Linse brechen) und ohne Glare (Strahlenkränze rund um helle Objekte). Gegen das Glare-Gewitter der Vive Pro 2 ist das hier wie der Unterschied zwischen Schneesturm und sonnigem Sommertag.

Varjo_Aero_Vergleich_mit_HP_Reverb_G2_in_Flight_Simulator

Vergleich des Bildes der Varjo Aero (links) mit der HP Reverb G2 anhand eines Cockpits im Flight Simulator. | Bild: Varjo

Dazu kommt der erstaunlich große Sweetspot: Ich kann mich mit den Augen umschauen, ohne extreme Unschärfe zu erleben. Nur ganz in den Ecken und an den Rändern nehme ich die übliche Verschwommenheit wahr, die aber deutlich weniger dominant ist als bei allen anderen derzeitigen VR-Brillen auf dem Markt. 90 Hz Bildwiederholrate sorgen jederzeit für einen sauberen, flüssigen Eindruck.

Also bietet Varjo Display-Perfektion? Leider nicht. Denn in der Bewegung, etwa beim Drehen des Kopfes, scheinen die Randbereiche des Bildes sich leicht zu wölben. Das wurde bereits mit Software-Patches abgeschwächt, es ist aber weiterhin sichtbar und kann je nach Empfindlichkeit stören. Varjo verspricht, bis zum Release daran zu arbeiten, es ist aber unklar, ob sie es komplett loswerden können. In längeren Tests in VR-Spielen wie Half-Life: Alyx (Test) bleibt diese Verzerrung wahrnehmbar, ich kann mich aber dran gewöhnen. In Simulationen wie Project Cars 2 oder Microsoft Flight Simulator ist es mir hingegen kaum aufgefallen.

Hier und da lässt sich auch sogenannte chromatische Aberration feststellen, also Farbränder an Objekten – das hat mich aber ehrlich gesagt nicht gestört. Die Schwarzwerte können sich mit einem OLED-Panel nicht messen und sind eher im Dunkelgrau angesiedelt. Eine Passthrough-Funktion fehlt völlig.

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Die Performance mit einer RTX 3080 ist auf der Standardeinstellung von 27 PPD ausgezeichnet. Volle 35 PPD schafft mein Rechner nicht – da ruckelt es überall ganz erheblich.

Sichtfeld, Sweetspot, Augenabstand und Eyetracking

Das Sichtfeld ist mit 115 Grad horizontal guter Standard. Die Linsenform ist oben und unten abgeflacht, allerdings ist der Eindruck einer Briefkastenschlitz-Optik nicht so dominant wie bei der Vive Pro 2.

Der Augenabstand kann zwischen 57 und 72 Millimetern eingestellt werden. Entweder trage ich den genauen Abstand in der Varjo Base-Software ein, oder ich lasse den Abstand automatisch durch das integrierte Eyetracking ausmessen. Eine Kalibrierung zu Beginn lässt mich mehreren kleinen Punkten auf dem Display mit den Augen folgen, was perfekt funktioniert. Meine Brille ist bei der Nachverfolgung meiner Augen offenbar kein Hindernis.

Das integrierte Eyetracking hat derzeit keine Anwendungsbereiche. Eine Demo zeigt, was möglich ist. Darin schaue ich von einem Fluglotsen-Turm auf einen großen Flughafen und kann einen runden Marker mit meinen Augen von Objekt zu Objekt bewegen. So kann ich Gates identifizieren sowie Flugzeuge samt Status und Kennung. Mit ordentlicher Kalibrierung funktioniert das gut und auch recht präzise. Anwendungsbereiche, etwa in Spielen, müssen allerdings erst entwickelt werden.

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Varjo Aero: Tragekomfort

Varjo Aero wiegt insgesamt 743 Gramm ohne das Kabel. Dummerweise ist der Halo-Ring nicht ausreichend weit nach oben klappbar. Das bedeutet für Brillenträger mit etwas größerem Kopfumfang Schwierigkeiten beim Aufsetzen – ich muss schräg von unten in die VR-Brille „einsteigen“. Innerhalb der VR-Brille ist genug Platz für mein etwas größeres Brillengestell, allerdings lässt sich der Abstand zu den Linsen nicht justieren. Größere oder dickere Brillen bei anderer Kopfform oder Nasenbeschaffenheit könnten durchaus in Kontakt mit den Linsen kommen.

Obere Kopfhalterung der VR-Brille Varjo Aero aus der Nähe

Diese obere und justierbare Kopfhalterung sorgt dafür, dass die Varjo Aero die aktuell bequemste VR-Brille ist. | Bild: MIXED

Davon abgesehen ist diese Kopf-Halterung die bislang cleverste und komfortabelste seit dem Deluxe Audio Strap und der Kopfhalterung der PlayStation VR. Der Halo wird am unteren Hinterkopf mit einem typischen Drehregler befestigt. Der Clou liegt jedoch in der Zusatzhalterung knapp oberhalb der Stirn auf dem Oberkopf. Die kann nämlich ebenfalls per Drehregler eingestellt werden und hebt damit den Gesichtscomputer, also die schwere Brillenfront, an und verlagert das Gewicht richtig auf den Oberkopf. Dadurch entfällt die Notwendigkeit zu hohem Anpressdruck ans Gesicht, was wiederum längere VR-Sessions ermöglicht.

Zusätzlich kann ich an zwei Drehreglern rechts und links am Halo den Winkel der VR-Brille verändern. In Verbindung mit dem großen Sweetspot sorgt das beinahe automatisch für einen nahezu perfekten und sehr angenehmen Sitz der VR-Brille.

Die Varjo Aero hatte bei mir nur ganz kleine Lichtlücken im Bereich der Nase, sonst ist alles sauber abgedeckt.

Tracking, VR-Controller und Sound

Beim Tracking setzt Varjo auf die am derzeitigen Markt unangefochtene Toplösung SteamVR. Varjo empfiehlt zwar SteamVR 2.0 Basisstationen, aber die 1.0-Stationen funktionierten in meinem Test ebenso einwandfrei. Für die Bedienung bieten sich Valve Index-Controller an, wenn man denn welche hat oder bekommt. Ich selbst habe mit den Retro-Knüppeln der Original-Vive getestet – auch hier funktioniert alles einwandfrei, präzise und ohne Probleme.

Beim Sound leistet sich Varjo einen unnötigen Patzer. Anstatt eine Over-Ear-Lösung wie bei der Valve Index zu nutzen, gibt es nur einen Klinkenanschluss. Es braucht also zusätzlich Kopfhörer, was die Rüstzeiten erheblich erhöht und den Nutzer komplett von der Umwelt abschneidet. Auch wenn letzteres in Abhängigkeit vom Spiel oder der Erfahrung manchmal sicher sinnvoll ist, sollte eine integrierte Soundlösung meiner Meinung nach mittlerweile zum Standard gehören.

Varjo Aero Test-Fazit: Fast perfekt ist eben nicht perfekt

Das Bild der Varjo Aero ist auch für einen VR-Veteranen wie mich, der schon eine ganze Menge Displays vor dem Kopf hatte, ein echter Augenöffner. So stelle ich mir High-End-Virtual-Reality vor. Die Pixeldichte in Verbindung mit den asphärischen Linsen (Sterbt, Fresnel-Linsen, sterbt!) sorgt für ein fast perfektes Bild, ohne God-Rays und ohne Glare! Varjos neue VR-Brille wischt mit der Konkurrenz den Boden auf.

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Leider leiden aber auch die Finnen an einem Mangel an Perfektionismus, der oft in der Tech-Branche zu finden ist: Wenn ich schon so ein so gutes VR-Bild gebaut habe – warum investiere ich dann nicht noch etwas mehr Zeit und Geld und Liebe und radiere die Wölbungseffekte an den Bildrändern aus? Es ärgert mich, wenn ich solche Nachlässigkeiten – aus welchen Gründen sie auch immer existieren – sehe.

Deshalb bleiben diese kleinen, nervigen „aber“ stehen:

Varjo Aero bietet das beste Bild aller aktuellen VR-Brillen, aber die Verzerrungen an den Rändern stören. Varjo Aero bietet den besten Tragekomfort aller VR-Brillen bisher, hat aber kein integriertes Soundsystem. Varjo Aero nutzt das herausragende SteamVR-Tracking, ihr müsst aber die Basistationen und die VR-Controller zusätzlich kaufen. Varjo Aero ist eine großartige VR-Brille, aber ihr müsst neben den zwei- bis dreitausend Schleifen fürs VR-System auch noch einen kostspieligen PC mit kaum erhältlichen Grafikkarten besitzen.

Die ersten beiden „aber“ verhindern in Anbetracht der letzten beiden die uneingeschränkte Empfehlung. Wenn ich schon so ein schweineteures Headset auf den Markt werfe, das im Gegensatz zu HTCs „Premium“-Geräten auch noch richtig geil ist, dann muss ich einfach den letzten Rest Perfektionismus investieren und es wirklich perfekt machen.

So hat die Varjo Aero den (derzeit unbesetzten) Virtual Reality-Thron leider ganz knapp verpasst.

Varjo Aero: Datenblatt

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Varjo Aero ist vor allem für Flug- und Rennsimulationen, VR-Schulungen, 3D-Design und Kreativität sowie Vorführungen in Showrooms, Museen und VR-Arcades gedacht.

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