Die VR-Verkaufszahlen stimmen nicht, jetzt zieht High-Fidelity-CEO und Second-Life-Erfinder Philip Rosedale die Notbremse und stellt sein Social-VR-Unternehmen neu auf.

Mehr als 70 Millionen US-Dollar Investitionen zum Trotz: Die Social-VR-Plattform High Fidelity wird in ihrer ursprünglichen Form eingestellt. 20 der rund 80 Angestellten müssen das gleichnamige Unternehmen verlassen.

Eigentlich sah das Konzept vor, dass High Fidelity das Tor aufstößt zum Metaverse, einer digitalen Zwischenwelt mit eigener Ökonomie. Ähnlich Second Life, nur eben mit VR-Brille und umfangreicher.

Für High-Fidelity-Chef und Second-Life-Mitgründer Philip Rosedale stellt sich jetzt heraus, dass die notwendigen Nutzerzahlen für ein Projekt dieser Größenordnung nicht machbar sind.

Das deutete er schon im April bei einer Generalversammlung an: “Das Marktwachstum ist in jeder Hinsicht ernüchternd. Es werden nicht genügend VR-Brillen verkauft, um eine interessante und profitable Nutzergemeinschaft zu schaffen.”

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Avatare in High Fidelity gab’s nicht genug. Bild: High Fidelity

Zehntausende statt Millionen VR-Nutzer

Zwar würden sich die Rahmenbedingungen für die Metaverse-Vision langsam formen, schreibt Rosedale jetzt im eigenen Blog. Mit der zweiten Generation VR-Brillen wie Oculus Quest könne womöglich ein größerer Markt mit mehr Inhalten erreicht werden.

Allerdings, so Rosedale weiter, sei VR-Technologie noch immer früh dran und der Markt klein. 2014 habe er erwartet, dass 2019 Millionen Menschen täglich eine VR-Brille nutzen. In Wirklichkeit seien es nur Zehntausende.

Selbst die neuesten VR-Brillen seien noch nicht ausreichend bequem für längere Nutzungszeiten und ausgereift genug für die Arbeit. Gute AR-Brillen seien noch weiter weg vom Markt mit ganz grundlegenden technischen Herausforderungen wie einem weiten Sichtfeld bei kompaktem Formfaktor. “Von jetzt an, 2019, wird es wahrscheinlich noch einige Jahre dauern”, so Rosedale.

2018 klang Rosedale noch ganz anders: “Eines Tages gehen wir in VR in die Schule, besuchen Veranstaltungen, haben einfach eine gute Zeit zusammen oder bauen gemeinsam neue Welten.”

Neuer Versuch: Digitale Büros mit 3D-Audio

Die bislang entwickelte Technologie wird jetzt in eine neue Anwendung gegossen und im Selbstversuch erprobt. Eine gut 1.700 Quadratmeter große Bürofläche in San Francisco gibt High Fidelity auf. Die Mitarbeiter arbeiten stattdessen von Zuhause aus in einem virtuellen Büro und verständigen sich via 3D-Audio. Der 3D-Klang soll Konversationen so vermitteln wie in einem Büro, in dem die Angestellten nebeneinander oder gegenüber sitzen.

Laut Rosedale fühlt sich die Arbeit im Home Office durch 3D-Audio so an, als würde man sich im Team vor Ort treffen. In ersten internen Tests habe sich gezeigt, dass die Angestellten 3D-Audio immer verwenden im Unterschied zu Videochat oder der VR-Brille. Vorgaben zur Mediennutzung gab es nicht.

Das ursprünglich für VR programmierte 3D-Audio soll daher jetzt als Produkt weiterentwickelt werden. Das entspricht dem von Rosedale wahrgenommenen Trend hin zu mehr Heimarbeit und verteilten Büros. VR ist optional.

Eine Entscheidung, die Rosedale laut eigenen Angaben nicht leichtfiel: “Unser Pfad ins Metaverse hat sich verändert, aber an das Ziel glauben wir ungebrochen.” Die bislang entwickelte Social-VR-Welt soll als Open-Source-Projekt weiterleben. Andere Unternehmen dürfen sie kostenlos nutzen. Womöglich, so Rosedale, entspringe aus den digitalen Büros mit 3D-Audio irgendwann die nächste VR-Welt.

Project Sansar, der Metaverse-Versuch des Second-Life-Studios Linden Lab, und bislang direkter Konkurrent für High Fidelity, wächst ebenfalls nur langsam. So langsam, dass Linden Lab Sansar zukünftig weniger als VR-Welt am Markt positionieren will.

Quellen: High Fidelity, Venturebeat; Titelbild: High Fidelity

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