Bei einem Oculus-Event in London konnte ich die neue VR-Brille Rift S testen. Das Gerät macht beim Tracking fast alles besser als das originale Oculus-Rift-Modell. Ansonsten gibt es wenig Vorteile.

Das Wichtigste vorab: Oculus Rift S ist ein Ersatzgerät für Oculus Rift und nicht als Nachfolger gedacht. Entsprechend moderat fallen die technischen Verbesserungen aus.

Der Fokus bei Rift S liegt fast ausschließlich auf dem Nutzungskomfort: Die VR-Brille soll bequemer sein, sowohl auf dem Kopf als auch beim Aufbau. Letzteres dank integrierter Trackingkameras, die externe Kameras überflüssig machen.

Mein erster Eindruck: Beide Zielsetzungen hat Facebook erfüllt.

Zumindest auf meinem Kopf sitzt Rift S bequemer: Die neue Halterung verteilt das Gewicht besser auf dem Kopf. Rift S hängt eher vor den Augen, als dagegen gepresst zu werden wie die Original-Rift. Dadurch fällt das leicht höhere Gewicht nicht auf. Wer gerne viel Zeit in VR verbringt, wird das zu schätzen wissen. Da VR-Brillen ein wenig wie Kleidungsstücke sind, zählt beim Tragekomfort letztlich der subjektive Eindruck.

Die neue Kopfhalterung ist bequem und die im Gehäuse verbauten Trackingkameras verrichten ihre Arbeit super. Bild: Oculus

Die neue Kopfhalterung ist bequem und die im Gehäuse verbauten Trackingkameras verrichten ihre Arbeit super. Viel mehr Verbesserungen gibt’s bei Rift S leider nicht. Bild: Steiner / MIXED.de

Windows-VR, bist du es?

Die Verarbeitung von Rift S ist gut, Lenovos Design Geschmackssache – ich finde es ok. Der Überraschungseffekt fehlt, denn optisch erinnert die Brille stark an Lenovos Windows-VR-Brille Explorer.

Schön leicht sind die neuen Touch-Controller, vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig ist der nach oben gedrehte Trackingring, an den ich ab und an mit dem Daumen stieß. Etwas nervig ist der wacklige magnetische Batteriedeckel, der sich bei schnellem Spiel vom Batteriefach löst. Das passierte auch anderen Testern vor Ort.

Persönlich bin ich Fan der integrierten Lautsprecher, die identisch sind zu jenen in Oculus Go. Im Gegensatz zu Kopfhörern ist man nicht ganz so abgeschirmt in der VR-Welt. Auf dem lauten Oculus-Event fehlte allerdings die Durchsetzungskraft.

Kopfhörer können optional angeschlossen werden und sollten es auch, wenn man Wert auf optimalen Klang legt. Wahrscheinlich wird Oculus ein Kopfhörer-Zubehör anbieten, das man dauerhaft an der VR-Brille befestigen kann. Das kostet dann natürlich extra – bei der Original-Rift waren die Kopfhörer ab Werk verbaut.

Kein nennenswerter Fortschritt bei Display und Linsen

Hätte ich nicht gewusst, dass ich eine Rift S auf dem Kopf trage – der visuelle Unterschied zur Original-Rift wäre mir kaum aufgefallen. Die wenigen Pixel mehr Auflösung (1.280 mal 1.440 Bildpunkte pro Auge statt 1.080 mal 1.200) verändern den Bildeindruck nur minimal. Höher aufgelöste OLED-Brillen wie Vive Pro haben bei Schärfe, Klarheit und Schwarzwert definitiv die Nase vorne. Daran ändern auch die neuen Linsen nichts.

Rift S hat die gleichen Linsen wie Oculus Go. Sie sind besser als die in Rift, unter anderem gibt's keine störenden Lichtblitzer mehr, vollbringen aber keine Wunderdinge.

Rift S hat die gleichen Linsen wie Oculus Go. Sie sind besser als die in Rift, unter anderem gibt’s keine störenden Lichtblitzer mehr, vollbringen aber keine Wunder. Bild: Steiner / MIXED.de

Ansonsten entspricht das Rift-S-Display dem der Oculus Go und leidet unter typischen LCD-Problemen. Das Schwarz ist eher gräulich, was gerade in dunklen Szenen den Kontrast killt – und mit ihm die visuelle Stimmung.

Speziell bei räumlichen Bewegungen fielen mir außerdem Schmiereffekte bei grauen Objekten auf dunklem Hintergrund auf. Im Vergleich zu den doppelten OLED-Displays der Oculus-Quest-Brille hinterlässt das einzelne Rift-S-LC-Display bei mir keinen guten Eindruck. Hinzu kommt, dass der Linsen- nicht mehr passend zum Augenabstand justiert werden kann (IPD). Wer abseits des Durchschnitts liegt (63,5 mm), könnte dadurch einen schlechteren 3D-Effekt erleben oder das Bild weniger scharf sehen. Mehr Details stehen hier.

Bei der Sichtfeldweite hat sich bei Rift S nichts getan: Der Taucherbrilleneffekt bleibt Oculus-Nutzern also noch ein paar Jahre erhalten – schade. Die um zehn Bilder pro Sekunde reduzierte Bildwiederholrate fiel mir hingegen nicht negativ auf.

Geniales Trackingsystem

Visuell kann Rift S zwar kaum mehr als die Vorgängerbrille. Das integrierte Tracking ist dafür genial. Gerne lege ich mich fest: Ein besseres Erfassungssystem gibt’s derzeit nicht am Markt. Es reagiert schnell und ohne Verzögerungen, ist absolut stabil und die VR-Controller verschwinden so gut wie nie im toten Winkel der Trackingkameras.

Aussetzer gibt’s nur, wenn man die Controller sehr nah vor die VR-Brille führt oder verkehrt herum hält. Diese Probleme sind ausschließlich mit externen Trackingkameras zu lösen, aber der gewonnene Nutzungskomfort, eben diese Kameras nicht mehr aufbauen und justieren zu müssen, ist das kleine Opfer wert. Im VR-Alltag kommen die beschriebenen Situationen ohnehin selten vor.

Ansonsten sind die Controller stets im Bild, da der Trackingbereich deutlich weiter ist als das Sichtfeld der Brille. Selbst wenn man die VR-Controller seitlich führt oder hinter dem Körper, bleibt das Tracking stabil. Hier gibt’s fast nichts zu meckern.

Fazit: Vielleicht für Neueinsteiger und Komfortfans

Oculus Rift S soll den Einstieg in VR erleichtern, ohne das vorhandene Rift-Ökosystem durch zusätzliche Technologie auszuhebeln. Das gelingt zweifelsohne, denn das integrierte Trackingsystem ist ein großer Zugewinn im Vergleich zur Original-Brille – und noch dazu vollständig kompatibel.

Wer schon eine alte Rift-Brille hat, benötigt Facebooks neues VR-Gerät nicht – es sei denn, die externen Trackingsensoren sollen unbedingt weg. Wegen der etwas höheren Auflösung muss jedenfalls niemand Geld in die Hand nehmen, insbesondere da der Schwarzwert des Displays schlechter ist.

Der Markt wird entscheiden, ob alleine der Nutzungskomfort tatsächlich ein so wichtiger Verkaufsfaktor für eine PC-VR-Brille ist, wie Oculus es vermutet. Rift S hat am PC reichlich Konkurrenz – Auswahl gibt es also genug.

In Anbetracht der Schwächen beim Display und Facebooks Ziel, den VR-Markt zu verbreitern, wäre ein günstigerer Einstiegspreis wünschenswert gewesen. Für 250 Euro könnte man Rift S wirklich jedem VR-Interessierten bedenkenlos empfehlen, gerade da die Brille ob der etwas geringeren Bildwiederholrate, Oculus’ fortschrittlichen Rendertechnologien und der kaum gesteigerten Auflösung sogar an moderat leistungsfähigen Notebooks betrieben werden kann.

Autoren: Christian Steiner, Matthias Bastian, alle Bilder: MIXED.de

Hinweis: Oculus hat Hin- und Rückflug nach London bezahlt. Bei der Berichterstattung gab es keine Auflagen.

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