North will Datenbrillen hip machen und setzt den Fokus auf Formfaktor und Tragekomfort statt aufwendige AR-Technik. In einem Podcast erklärt Norths langjähriger Forschungsleiter, welche Kompromisse für die erste Generation der Focals eingegangen wurden und was deren Nutzungsdaten verraten.

North ging aus dem Start-up Thalmic Labs hervor. Das Unternehmen entwickelte das Myo-Armband, das Muskelaktivitäten erfasst und Gesten in Computerbefehle übersetzt. Dem Produkt war kein Erfolg beschieden und vor einem Jahr verkaufte North die Patente an CTRL-Labs, das an einem Armband für Gedankensteuerung arbeitet und nun zu Facebook gehört.

Dem leitenden North-Forscher Stefan Alexander zufolge lernten die Ingenieure vor allem eines aus der Entwicklung des Wearables: dass es sehr viel schwieriger ist, ein Produkt zu entwickeln, das Menschen am Körper tragen, statt in der Hand halten. Das Start-up habe daraus gelernt, menschliche Biologie und Individualität wertzuschätzen.

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An den recht dicken Bügeln erkennt man noch, dass es sich um eine Techbrille handelt. | Bild: North

Spezifikationen waren “Optimum”

Für eine Datenbrille gilt das noch viel mehr, schließlich sitzt das Gadget mitten im Gesicht. Der erste Brillenprototyp, den Alexander baute, bot ein Sichtfeld von sechzig Grad und eine Auflösung von 800 mal 800 Bildpunkten. Die Technik war zwar beeindruckend, eine entsprechende Brille wäre jedoch zu groß geworden und hätte zu viel Energie verbraucht.

Der Ingenieur reduzierte die Technik, bis er auf ein Sichtfeld von 14 Grad und eine Auflösung von 220 mal 220 Bildpunkten kam.

“Wir taten das nicht, weil wir nicht anders konnten, sondern weil wir das Gefühl hatten, dass es optimal sei.” Diese Komplexitätsreduktion sei “die absolut richtige Entscheidung” gewesen, wenn man berücksichtige, wie Menschen Datenbrillen tragen und nutzen wollten. Den Ausdruck AR-Brille vermeidet Alexander im Hinblick auf die Focals.

Anpassbarkeit ausgelagert

Der Formfaktor konnte weiter verkleinert werden, indem North die Anpassbarkeit der Optik auslagerte: Manche AR-Brillen erlaubten entsprechende Einstellungen am Gerät, was die Techbrillen klobig macht. North entschied sich deshalb, die Brillen vor Ort an die Gesichtsform der Nutzer anzupassen.

Der Nachteil dieses Ansatzes war, dass man nur in einer Handvoll Städte Focals-Brille erwerben konnte, weil man dafür zuerst sein Gesicht aufwendig scannen lassen musste.

Dieses Problem hat North in der Zwischenzeit zumindest teilweise gelöst: Mit einem neueren iPhone und einer Focals-App kann man das eigene Gesicht scannen lassen und braucht dafür nicht in ein Focals-Geschäft zu gehen.

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Der Anpassungsprozess für Focals war sehr aufwendig und es gab nur eine Handvoll Geschäfte, in denen man sie vornehmen konnte. | Bild: The Verge

Erste Focals-Brille lieferte wertvolles Feedback

Verkaufszahlen will Alexander auf Anfrage nicht nennen. Er bezeichnet die erste Generation der Datenbrille, die Ende 2019 vom Markt genommen wurde, insofern als Erfolg, als das Unternehmen viele Nutzungsdaten und wertvolles Feedback erhielt, das in die Entwicklung der zweiten Generation Focals floss.

So soll rund die Hälfte der Nutzung auf Benachrichtigungen entfallen, die vom Smartphone via Brille in das Sichtfeld der Nutzer projiziert werden. 50 Prozent dieser Benachrichtigungen sind Mitteilungen, die anderen 50 Prozent App-Benachrichtigungen. Die Einblendungen erscheinen in beiden Fällen automatisch ohne Einwirkung des Nutzers.

Die andere Hälfte der Nutzung entfällt auf Interaktionen: In 25 Prozent der Fälle rufen die Nutzer den Homescreen auf, der die Uhrzeit sowie kontextuelle Informationen wie kommende Termine, den aktuellen Spotify-Song und das Wetter anzeigt. Der Homescreen wird mit einem Fingerring aufgerufen, der der Datenbrille beiliegt.

Das Ideal der unsichtbaren Techbrille

Die übrigen 25 Prozent Nutzung entfallen auf komplexere Interaktionen, in denen sich Nutzer erst durch Menüs klicken, um eine bestimmte Information oder App zu finden. Das Ziel der Focals-Ingenieure sei es, insbesondere diese Art von Interaktion auf ein Minimum zu reduzieren.

Wenn Nutzer komplexere Dinge tun wollten, könnten sie noch immer ihr Smartphone hervorholen und mit Apps interagieren. “Ich denke, Datenbrillen glänzen dann, wenn sie Nutzern diese Aufgabe übernehmen, wenn sie voraussagen können, was man will und die meiste Zeit richtig liegen”, sagt Alexander.

Die Focals 2.0 soll 2020 erscheinen, leichter sein als der Vorgänger und ein um ein Vielfaches verbessertes Display bieten. Zum ersten Mal könnte auch eine Kamera verbaut sein.

Den Podcast mit Stefan Alexander findet ihr auf der offiziellen Podcastseite von “The AR Show“.

Titelbild: North

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