Jailbirds: Eine VR-Parabel auf die menschliche Freiheit

Jailbirds: Eine VR-Parabel auf die menschliche Freiheit

Der VR-Film Jailbirds feierte letzte Woche auf dem XR3-Festival Weltpremiere. Ich habe ihn mir angeschaut.

„Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und würd‘ er in Ketten geboren“, schrieb Schiller einmal. An dieses Zitat musste ich immer wieder denken, als ich Jailbirds sah.

Der VR-Film entführt uns in ein graues Gefängnis, irgendwo am Ende der Welt. Hier, in einer schummrigen, engen Zelle, begegnen wir zwei Insassen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Ein schmächtiger, nervöser, ängstlicher Mann mittleren Alters namens Booker und Felix, ein sanfter Riese, der von innerer Ruhe erfüllt, den ganzen Tag nichts anderes tut, als Bilder zu malen. Seine Werke schmücken die Zellenwände und sind die einzigen Farbkleckse in der tristen Schwarzweißwelt des Gefängnisses.

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Bis zu dem Tag, an dem der Gefängnisleiter aufkreuzt: Er ist das Böse in Menschenform, eine herrschsüchtige Figur, die nicht geliebt und daher gefürchtet werden will und nach nichts anderem trachtet, als andere zu quälen.

Er verlangt Gehorsam und Bewunderung von den Insassen, zerreißt Felix‘ Zeichnungen und liefert die Gefangenen der Winterkälte aus. Booker verzweifelt, während Felix mit Gleichmut reagiert.

Eine Metapher auf Virtual Reality …

Das Geheimnis seiner Gelassenheit gibt er in der letzten Szene preis. Er besitzt die sonderbare Gabe, seine Augen wandern zu lassen. Wie zwei Kolibris fliegen sie zum Fenster hinaus und saugen in Freiheit die Welt in sich auf: grüne Landschaften, Sonnenuntergänge, Wolkentürme.

Jailbirds verbindet zwei sehr unterschiedliche Perspektiven auf effektive Weise: die Statik und Enge der Gefängniszelle mit der freien Bewegung unter offenem Himmel. Damit macht sich der VR-Film die Stärken der Virtual Reality zunutze: das Vermögen, Menschen an andere Orte zu versetzen sowie Räume und Größenverhältnisse besonders eindrucksvoll wirken zu lassen.

So gesehen ist Felix‘ Gabe eine Metapher auf die Technologie, die uns in Teilen ermöglicht, unseren Körper und gegenwärtigen Aufenthaltsort zu verlassen.

Jailbirds_Gefängnischef

Der Gefängnischef hat nur eines im Sinn: die Hoffnung und die Reste von Freiheit seiner Gefangenen zu zerstören.

… und die menschliche Vorstellungskraft

Natürlich geht all das auch ohne VR-Brille und rein mit unserer Vorstellungskraft. Und genau daran dürfte Schiller in seinem Gedicht gedacht haben: Der Mensch ist mehr als ein physisches Wesen, er besitzt Werte und Vorstellungen, die über materielle Dinge hinausgehen und darin gründet seine Freiheit.

So hübsch und richtig dieser Gedanke auch ist, er wirkt etwas naiv angesichts der Unterdrückung und Folter, denen Menschen an vielen Orten und in Gefängnissen ausgesetzt sind. Entzieht man einem Individuum die Grundlagen der physischen und geistigen Existenz, dürfte auch von der viel beschworenen inneren Freiheit nicht viel übrig bleiben.

Der schon etwas ältere VR-Film In Memory hat ein ähnliches Thema wie Jailbirds und handelt vom Trost und der Freiheit der Erinnerung in Gefangenschaft, entfaltet jedoch eine größere Wirkung, da er sich weniger auf Pathos und Symbole verlässt.

Jailbirds_Gefängniswand_mit_Zeichnungen

Felix‘ Kunstwerke sind die einzigen Farbkleckse und Überbleibsel der Außenwelt.

Jailbirds ist als Trilogie geplant

Doch es wäre unfair und voreilig, sich schon jetzt ein abschließendes Urteil über Jailbirds zu bilden. Auf dem XR3-Festival feierte lediglich der erste Teil von Jailbirds Premiere. Zwei weitere Episoden sind geplant.

Der VR-Film basiert lose auf einem Comic des belgischen Künstler Philippe Foerster und ahmt dessen Bleistift-Zeichenstil nach. Hierfür kam ein spezieller Grafikshader zum Einsatz. Die visuelle Gestaltung, insbesondere der Figuren, gefällt. Tritt man nahe an sie heran, wirken sie wie von Hand gezeichnet.

Weil Regisseur und Drehbuchautor Thomas Villepoux lebensechte Charaktere wollte, verpflichtete er drei Schauspieler, die den Figuren Leben einhauchen sollten, darunter den bekannten isländischen Star Tómas Lemarquis (Blade Runner 2049, X-Men: Apocalypse, 3 Days to Kill).

Die Mimik der Darsteller wurde mit der Truedepth-Kamera des iPhones aufgezeichnet und auf die Charaktere übertragen. Das folgende Video führt hinter die Kulissen der Produktion und zeigt unter anderem die Arbeit der Schauspieler.

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