Bigscreen erweitert sein Portfolio und streamt Kinofilme in VR. Die Zukunft des Kinos oder Streaming-Rückschritt?

Ich liebe Kino. Die große Leinwand, krachender Sound und natürlich Popcorn. Wer Kino nicht liebt, dem ist nicht zu helfen. Okay, es gibt natürlich auch Downsides.

Nervige Mitmenschen, die alles kommentieren müssen, (besoffene) Idioten, die anderen den Spaß versauen oder sich grundsätzlich nicht benehmen können und ab und zu fehlener Komfort oder sogar technische Probleme lassen Kinobesuche ein bisschen zu einem Glücksspiel werden.

Nun kann nicht jeder aufs Heimkino ausweichen. Wer hat schon Leinwand und Soundsystem für (semi-)professionelles Kino im Keller? Der 65 Zoll-Fernseher ist schon nicht schlecht, aber Kino ist halt was anderes.

Hier kommt Virtual Reality ins Spiel. Unter der VR-Brille lässt sich bereits Netflix & Co. auf der großen Kinoleinwand gucken, beispielsweise mit der beliebten und kostenlosen Social-VR-App Bigscreen. Die Entwickler haben vor kurzem nachgelegt und Bigscreen Cinema veröffentlicht, ein ausgewachsenes VR-Kino mit aktuellen Filmen.

Taugt das was? Ich bin für euch ins VR-Kino gegangen.

Bigscreen Cinema: So funktioniert das Kino in VR

Bigscreen streamt Kinofilme in VR. Startzeiten sind alle halbe Stunde, herunterladen oder pausieren ist nicht möglich. Wahrscheinlich hat das mit Lizenzen und dem damit verbundenen Preis zu tun.

Auch finden sich keine aktuellen Kinofilme im Angebot. Stattdessen gab es in der letzten Woche beispielsweise Ghost in The Shell (3D) oder die normale Kino-Version von Star Trek: Into Darkness.

Letzterer läuft gerade jetzt (rund um den Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels) in der 3D-Version im Bigscreen-Kino. Alle Filme sind in englischer Sprache, es können aber Untertitel hinzugeschaltet werden.

| Bigscreen Cinema Ticket kaufen

Das Ticket für einen Bigscreen Cinema-Film müsst ihr über die offizielle Webseite kaufen. BILD: Bigscreen

Derzeit können immer vier Filme von Samstag bis Samstag angeschaut werden. Ihr benötigt einen Bigscreen-Account und kauft euch auf der offiziellen Webseite ein Ticket. Einkäufe sind derzeit nur mit Kreditkarte möglich, Filme kosten vier oder fünf Euro. Ist das Ticket gekauft, bleibt es für 48 Stunden gültig und erscheint in der VR-Ansicht zur Nutzung.

Ich wähle in VR das Ticket an und komme in die Kino-Lobby. Dort kann ich mich über Sprachchat mit anderen Kinobesuchern unterhalten, wenn ich will. Im Menü finde ich die Startzeiten und kann einer Vorstellung beitreten. Dabei wähle ich zwischen privater Vorführung oder öffentlichem Kino mit anderen Bigscreen-Nutzern.

Für Oculus Go sind derzeit nur private Vorführungen möglich, das wird sich aber nächstes Jahr ändern.

Kino-Feeling von Beginn an

Im Kinosaal sitze ich vor einer riesigen Kinoleinwand in einem stilisierten, aber durchaus echt wirkenden Saal. Auf Knopfdruck wechsel ich meinen Sitzplatz. Ich empfehle den Platz so zu wählen, dass die Leinwand rechts und links ungefähr mit dem Sichtfeld der VR-Brille abschließt.

Wenn der Film noch nicht angefangen hat, werden Trailer von kommenden Filmen gespielt. Das bringt Kino-Atmosphäre unter die Brille.

Es dauert nur wenige Minuten, da fühle ich mich wie in einem richtigen Kino. Es ist für einen alten VR-Enthusiasten wie mich immer wieder erstaunlich, wie gut die virtuelle Realität eine bestimmte Situation, eine Umgebung und Atmosphäre vermitteln kann. Zumindest funktioniert es für mich ganz ausgezeichnet.

Mein Kinoprogramm für den Test bestand aus Ghost in the Shell (3D) und Star Trek: Into Darkness in der normalen Kinoversion. Zuerst einmal: Ich habe beide Filme trotz der Unzulänglichkeiten der VR-Hardware (dazu gleich mehr) komplett angesehen – und es war ein Spaß, der einem Kino-Besuch aus meiner Perspektive in nichts nachstand.

Die große Leinwand kommt in VR hervorragend zur Geltung und vor allem 3D-Filme bringen ihren Effekt besonders beeindruckend rüber. In vielen Szenen fühle ich mich fast mittendrin, Auge in Auge mit Scarlett Johansson. Diese Nähe schafft nur VR und ich persönlich sehe hier eine große Zukunft für VR und Kino (später mehr).

Bigscreen Cinema: Fast wäre die Oculus Go wieder relevant geworden

Kommen wir zu Technik und Komfort, denn dieser Punkt ist nicht unerheblich, für viele sogar ausschlaggebend für den regelmäßigen Gang ins VR-Kino.

Bei meinem Big-Screen-Cinema-Test schien die Oculus Go anfangs perfekt für diese Art Anwendung. Kein Wunder, schließlich ist die mobile VR-Brille in erster Linie für Videos gemacht. Sie ist angenehm leicht zu tragen, Auflösung und Sound sind völlig in Ordnung. Beim Sound kann mit guten Kopfhörern nachgeholfen werden. Oculus Go ist wie ein Taschenkino, lautete ein Fazit in unserem Oculus-Go-Test.

Bei Reddit sprechen Go-Besitzer darüber, wie oft und wofür sie die VR-Brille nach dem Abkühlen des ersten Hypes nutzen.

Oculus Go: Leider nur sinnvoll für den Konsum ausgewählter VR-Videos zu gebrauchen. BILD: Oculus

Im Test mit Ghost in the Shell (3D) war ich schon fast begeistert, als nach 20 Minuten die Meldung erschien: “Das Headset wird zu heiß und muss abgekühlt werden“. Das war für mich der endgültige Todesstoß für ein ohnehin durch seine 3DOF-Beschränkung nahezu überflüssiges Gerät. Also wechselte ich auf die Oculus Quest.

Kontrast und Schwarzwerte der Quest sind für Filme grandios. Der Fliegengittereffekt ist für mich nur selten auszumachen und auch nur in einigen wenigen Momenten, in denen ich besonders auf Bilddetails achte – wenn mich also der Film mal ein paar Sekunden nicht völlig fesselt. Bei einem Downstream von 100 Mbit/s habe ich auch keine Probleme mit der Datenübertragung.

Allerdings bemerkte ich zu zwei oder drei Gelegenheiten leichte Einbrüche in der Bildrate. Kollege Matthias nahm bei vielen Videos ein regelmäßiges Ruckeln wahr, so als würden die Filme mit einer leicht reduzierten Bildwiederholrate laufen. Ob die Bildrate durch das Streaming reduziert ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. In mehr als vier Stunden Bigscreen Cinema ist mir dieses Problem aber eben nur sehr selten aufgefallen.

VR-Kino-Krux: Hardware-Komfort

Viel schwerer wiegt hier (Pun intended!) der mangelnde Komfort durch das Brillengewicht und die schlechte Kopfhalterung der Oculus Quest. Wer zwei Stunden VR-Kino genießen will, muss das Headset dafür perfekt einstellen – und ich meine wirklich: perfekt!

Achtet dabei auf den Sitz des Headsets, vor allem sollte es nicht zu stark auf das Gesicht drücken. Es sollte aber auch nicht zu locker sein, damit der Sweetspot nicht mittendrin verrutscht.

Oculus Quest ist Facebooks ambitionierteste VR-Brille. Sie überzeugt mit kabelloser Bewegungsfreiheit, großer App-Auswahl und hohem Nutzungskomfort.

Die Oculus Quest eignet sich sehr gut für VR-Kinofilme via Bigscreen Cinema, allerdings macht sich der mangelnde Komfort der autarken VR-Brille umso deutlicher bemerkbar, je länger der Film dauert. BILD: MIXED / Oculus

Ist eine gute Balance gefunden, lässt sich das Gewicht der Quest aushalten, zumindest eine bis anderthalb Stunden lang. Dann wird der Druck aufs Gesicht deutlich spürbar.

Ab und zu musste ich sogar mit einem Finger die Quest für ein paar Minuten abstützen, um Entlastung zu schaffen. Das hat mich allerdings nicht abgehalten, beide Filme komplett durchzusuchten – ich finde das VR-Kino nämlich trotzdem klasse.

Besonders überrascht hat mich der gute Sound der Quest. Klar, es fehlen die fetten Bässe einer DTS-Surround-Anlage, aber Stimmen, Effekte und Musik kommen dreidimensional und sauber in meinen Ohren an. Mit einem ordentlichen Kopfhörer lässt sich das ausreizen, dann geht allerdings der Kontakt zur Umwelt verloren.

Isolations-Kino oder echter Film-Spaß?

Letzteres wird VR ja gern vorgeworfen: Es sei isolierend und das ist ja so schrecklich. Weil Filme oder Spiele am Monitor zu sehen bzw. zocken ja, ach, so sozial ist. Ich sehe das etwas differenzierter.

Natürlich bräuchte ich zum heutigen Zeitpunkt zwei Quests, wenn ich mit meiner Frau oder einem Kumpel gemeinsam einen Film im VR-Kino gucken will – und dann würde die gleichzeitige offene Soundausgabe aus zwei VR-Brillen wahrscheinlich nerven.

Für richtig soziales VR-Kino ist Bigscreen Cinema nicht geeignet, auch die Vorführung in einer der öffentlichen Vorführungen ist keine echte Alternative für Kino-Fans. Wenn mich im Kino dazwischen sabbelnde Leute nerven, dann tun sie das in VR sogar noch mehr.

Kinogrogramm für VR-Kino Bigscreen Cinema

Das VR-Kinoprogramm für Bigscreen Cinema beinhaltet jede Woche vier neue (alte) Filme. Aktuelle Kino-Blockbuster gibt es leider noch nicht. BILD: Bigscreen

Allerdings schauen Film-Fans gern auch mal einen Film allein und da ist VR-Kino eine gute Alternative. Natürlich sehen 4K-HDR-BluRay-Fetischisten keinen Stich, dafür reicht die Auflösung nicht. “Normale” Kino-Enthusiasten könne sich aber richtiges Kino-Feeling und einen eindrucksvolleren 3D-Effekt holen.

Bigscreen Cinema zeigt die Zukunft des Kinos

Hier sehe ich die Zukunft des Kinos: Mit komfortablen VR-Brillen mit noch besserer Auflösung (die Oculus Go beweist, dass das prinzipiell schon möglich ist) und einer Soundausgabemöglichkeit über externe Soundsysteme wird “soziales VR-Kino” ohne Probleme möglich. Ich könnte mir vorstellen, dass irgendwann in Kinos keine Leinwand mehr existiert, sondern jeder eine komfortable VR-Brille bekommt.

Bis dahin bleiben nur Quest, Rift S, Vive & Co., um echtes Kinofeeling nach Hause zu holen. Dafür lohnt es sich, ab und zu mal ein Ticket bei Bigscreen Cinema zu lösen.

Test-Fazit zu Bigscreen Cinema: Der Vorläufer des Kinos der Zukunft

Ich teste Apps und Hardware immer aus der Sicht von Otto Normalverbraucher. Ob da irgendwo drei Pixel fehlen oder die Bildrate um einen Minimalfaktor schwankt, interessiert mich nur dann, wenn es im Gebrauch sicht- und spürbar ist und nicht bloß über (komplizierte) Messverfahren zum Vorschein kommt.

Ich setze mich also ins Bigscreen VR-Kino, wie ich auch in ein richtiges Kino gehe: Mit Vorfreude auf einen guten Film und ein möglichst beeindruckendes Erlebnis.

Bigscreen Cinema bietet mir beides, auch wenn ich die vor allem Hardware-bedingten Nachteile nicht völlig ignorieren kann. Aber ich hatte ähnlich großen, im Falle von Ghost in the Shell (3D) sogar noch größeren Spaß wie im realen Kino. Ich fühle mich wie im Kino, habe eine Megaleinwand ganz für mich allein und werde noch mehr in die Handlung eingesogen. Das ist richtig cool.

Schweizer Forscher wollen mittels Luftbläschen virtuelle Berührung vermitteln. Ist das der erste Schritt hin zum Haptik-Anzug im Ready-Player-One-Stil?

Wenn VR-Brillen nicht nur im Kinofilm über eine VR-Oasis einen komfortablen Formfaktor und eine gute Auflösung haben, dann wird sich unser reales Kino völlig verändern, glaubt MIXED-Redakteur Ben. BILD: Warner Bros.

Schade ist, dass es noch kein aktuelles Kino-Angebot gibt – das wäre der Knaller. Aber ich freue mich schon jetzt auf weitere VR-Kino-Stunden, obwohl ich sie noch eine Weile allein genießen muss. Überraschung für VR-Nörgler: Das hindert mich nicht daran, mein soziales Leben inklusive realer Kino-Besuche weiterzuführen.

Technisch muss sich noch einiges tun, ich kann aber sehen, wo die Reise hingeht. Eine Oculus Go 2 mit 6DOF, Quest-Auflösung oder höher und vernünftiger Kühlung würde dazu führen, dass ich ziemlich viel Geld im VR-Kino lassen würde.

Oh, ich sehe gerade, Terminator Genisys läuft grade in Bigscreen Cinema. In 3D. Ich bin dann mal wieder im Kino, Leute.

Bigscreen Cinema ist für euch geeignet, wenn ihr …

  • echtes Kinofeeling aus dem heimischen Sessel heraus erleben wollt,
  • ihr echte Cineasten ohne Auflösungsfetisch seid,
  • den Kino-3D-Effekt mal so richtig “spüren” wollt und
  • die Komfortmängel aktueller VR-Hardware über 90+ Minuten ertragen könnt.

Bigscreen Cinema ist für euch eher nicht geeignet, wenn ihr …

  • Kino ausschließlich in 4K+ und HDR genießen könnt,
  • einen eingebauten Fliegengitterdetektor habt, der dauernd Alarm schlägt,
  • euch Kino ohne Kumpels nicht vorstellen wollt,
  • die aktuelle VR-Hardware nicht über 90+ Minuten tragen wollt.

Bigscreen und damit auch Bigscreen Cinema bekommt ihr hier:

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