Vermillion: Ölmalerei in Virtual Reality – Macht das Spaß?

Vermillion: Ölmalerei in Virtual Reality – Macht das Spaß?

Der Ölmalerei-Simulator Vermillion ist für PC-VR-Plattformen erschienen. Höchste Zeit, einmal selbst Hand anzulegen.

Von außen betrachtet bin ich nicht der bestgeeignete Kandidat, um Vermillion zu beurteilen: Das letzte Mal, dass ich in Öl malte, war vor zwanzig Jahren, und schon damals war ich nicht mehr als ein Amateur, der mit Herzblut ans buchstäbliche Werk ging.

Aber vielleicht qualifiziert mich gerade die fehlende Profi-Erfahrung, über Vermillion zu schreiben. Schließlich richtet sich die VR-App auch an Anfänger und nicht nur an Enthusiasten.

Die meisten Hobbymaler dürften ohnehin keine Alternative zu ihrer physischen Staffelei und Palette suchen und noch weniger bereit sein, sich dafür auch noch eine VR-Brille aufzusetzen. Also unbekümmert ans Werk!

Eine virtuelle Palette an Werkzeugen

Vermillion, das nach einem rötlichen Farbpigment benannt ist und zugleich zwei wichtige Buchstaben im Namen führt ist, soll die „analoge Freude an der Ölmalerei in die digitale Welt“ bringen.

Die App führt mich zunächst Schritt für Schritt an VR-Malerei heran: Ich lerne, wie ich die Staffelei einstelle, um im Sitzen oder Stehen zu malen, wie ich den Pinsel in die Hand nehme, wobei ich sogar wählen kann, wo ich das Malwerkzeug greife, wie ich auf der virtuellen Palette Farben mische, den Pinsel reinige und so weiter und so fort.

Etwa ein Dutzend unterschiedliche Pinsel stehen bereit und jeder hat einen anderen Farbauftrag. Die Simulation geht so weit, dass ich den Pinsel mit Druck in die Farben tunken kann, um mehr Masse aufzunehmen. Richtig fühlt sich das allerdings nicht an, da ich den virtuellen Pinsel zu stark in die masselose Palette drücken muss und diese keinerlei Widerstand gibt.

VR-Malen mit Gefühl – aber ohne Haptik

Klar: Haptik kann Vermillion nur bedingt simulieren, das unterstützt die aktuelle VR-Technik nicht. Das Auftragen und Mischen der Farben auf der Palette und Leinwand wirken auf visueller Ebene echt, aber die taktile Qualität fehlt. Das ist der größte Wermutstropfen an der digitalen VR-Malerei.

Von meinen eigenen frühen Experimenten sowie von Künstlern, denen ich VR-Apps wie Tilt Brush zeigte, weiß ich: Haptik ist eine wichtige Komponente bildnerischen Schaffens, die Virtual Reality abgeht. Weshalb sie die echte Ölmalerei oder Bildhauerei auch nicht ersetzen kann.

Dafür hat Vermillion andere Vorteile: Man kann ohne Staffelei, Leinwand und Farben und was man sonst noch an Werkzeug benötigt, loslegen. Und sobald Vermillion für Oculus Quest 2 (Test) erscheint, kann man das eigene Atelier in einer Tasche mitnehmen und auf Reisen oder bei Freunden malen. Die Hürde, es mit Ölmalerei zu versuchen, ist jedenfalls kleiner, besonders dann, wenn man zu Hause oder anderswo nur wenig Platz hat.

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Per Browser holt man Maltutorials oder Bildvorlagen in die VR. | Bild: Thomas Van den Berge

Malen lernen mit Bob Ross und mehr

Gerade für Anfänger bietet die VR-App so einiges: Sie hat einen Browser integriert, sodass man Youtube-Videos abspielen und so mit Bob Ross malen lernen kann. Oder eine Bildvorlage in die VR holen, die man wahlweise auf die Leinwand projiziert.

Geht ein Pinselstrich daneben, kann man den Patzer mit der Undo-Funktion rückgängig machen. Selbst für Menschen mit unruhigen Händen hat Vermillion eine Lösung: Ein Algorithmus macht die eigenen Handbewegungen geschmeidiger und erleichtert so das Malen.

Coole Funktionen, wie die Möglichkeit, eine Zuschauerkamera zu aktivieren oder eigene Bilder in 8K-Auflösung zu exportieren, runden die VR-App ab.

Was die wichtigsten technischen Werkzeuge der Ölmalerei betrifft, hat Entwickler Thomas van den Berge an fast alles gedacht. Das beweisen Werke professioneller Künstler, die sich an Vermillion versuchten und teils beeindruckende Bilder mit ausgesprochen analoger Qualität schufen.

Dass meine ersten Gehversuche dagegen amateurhaft aussehen, ist klar: Malerei will gelernt sein, mit oder ohne Vermillion. Und in beiden Fällen entwickelt sie eine meditative Wirkung und Faszination, sofern man bereit ist, sich darauf einzulassen.

Oculus Quest: Mobile Version ist in Entwicklung

Dass ein Ölmalerei-Simulator wie Vermillion existiert, wirft eine Reihe interessanter Fragen auf. Wenn jemand analoge Ölmalerei gewohnt ist und anschließend mit Vermillion experimentiert: Entstünden dann andere Gemälde als bisher, weil das digitale Werkzeug sich verändert hat?

Und was ist mit dem umgekehrten Weg: Wie sähen Werke von Künstlern aus, die nur in VR gemalt haben und anschließend auf analoge Malerei wechseln? Trügen diese Gemälde die Handschrift des Mediums, in denen der Künstler seinen Stil entwickelte?

Mit der wachsenden Popularität von Virtual Reality und NFTs werden wir das wahrscheinlich eines Tages herausfinden.

Wer Vermillion selbst ausprobieren möchte, kann die App im Oculus Store oder bei Steam für 19,99 Euro erwerben. Sie unterstützt Crossbuy: Wer die PC-VR-Version im Oculus Store kauft, erhält die Quest-Version gratis, sobald sie 2022 erscheint.

Wer jetzt schon mit Quest Ölbilder malen will, findet in Painting VR eine App Lab-Alternative für Quest 2 (Test). Falls ihr lieber bewundert als gestaltet: Hinter dem Link gibt es eine Übersicht über tolle Kunst-Apps für Virtual Reality.

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