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Pico 4: Gute Hardware allein wird’s nicht reißen

Pico 4: Gute Hardware allein wird’s nicht reißen

Pico 4 bietet fortschrittliche Hardware zum kleinen Preis. Sind die Tage der Meta Quest 2 gezählt? Mitnichten.

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Vergangene Woche ließ Pico die Bombe platzen und stellte ein technisch überraschend starkes VR-Headset vor, das noch dazu günstiger ist als der Platzhirsch Meta Quest 2. Jedenfalls in Europa und Teilen Asiens, wo das Gerät zuerst auf den Markt kommt.

Pico 4 bietet moderne Pancake-Linsen, die sich in einem schärferen Bild und größerem Sichtfeld niederschlagen, es löst etwas höher auf, hat eine stufenlose, motorisierte IPD-Einstellung, einen hochwertigeren Passthrough-Modus und ist noch dazu kleiner, dünner und leichter als Metas VR-Headset.

Die Pico 4 ist, zumindest aufseiten der Hardware, eine Art Meta Quest 2 Plus. Was bedeutet das nun für Meta Quest 2?

Virtual Reality: Auf die Inhalte kommt es an

Wenn Hardware Hardware verkaufen würde, dann müsste Meta jetzt wohl zittern. Tatsächlich ist es Software, die Hardware kauft und hier hat Meta die Nase vorn.

Pico 4 kommt ohne den Systemseller Beat Saber, dessen Studio Beat Games Meta klugerweise schon vor Jahren erwarb. Als Ersatz bringt Pico in Kooperation mit Ubisoft Just Dance VR – der bislang einzige angekündigte Exklusivtitel für das neue VR-Headset. Alle anderen VR-Spiele gibt es auch für Meta Quest 2.

Beat Games ist nur eines von sechs VR-Studios, das Meta in den vergangenen Jahren übernahm und einige davon dürften seit zwei oder mehr Jahren an exklusiven VR-Titel arbeiten, die schon bald erscheinen könnten. Meta hat also einen Vorsprung vor Pico, wobei hochkarätige Auftragsarbeiten wie Resident Evil 4, GTA: San Andreas und Assassin’s Creed Nexus ebenfalls helfen werden, Meta Quest 2 von der Konkurrenz abzusetzen.

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Pico hat erst seit der Übernahme durch die TikTok-Mutter ByteDance im Sommer 2021 überhaupt die Mittel, in exklusive VR-Inhalte zu investieren. Bei der Präsentation der Pico 4 kündigte Pico an, 12 Millionen US-Dollar in VR-Studios zu investieren (maximal 2 Millionen US-Dollar pro Projekt). Dass Pico Entwickelnde unterstützt, ist begrüßenswert, aber die angekündigten Mittel sind klein im Vergleich dazu, was Meta aufwendet.

Die USA sind eine Meta-Hochburg

Nicht nur bei den Inhalten, auch in puncto Nutzerbasis hat Meta einen signifikanten Vorsprung. Auf dem größten und wichtigsten VR-Markt, den USA, ist die Marke Quest sehr stark und Pico wird es gerade dort schwer haben, sich Marktanteile zu sichern.

Moderne Linsen, etwas kleinerer Formfaktor: Das begeistert uns Enthusiast:innen. Laien dürften solche feinen Unterschiede nicht groß auffallen. Im Geschäft entscheiden sie sich eher für die Marke, die sie kennen und die ihre Bekannten und Freunde bereits nutzen.

Pico weiß das: Laut eines Berichts von The Information glauben die Führungskräfte von ByteDance, dass es „extrem schwierig und enorm teuer“ wäre, Meta in dessen Heimmarkt herauszufordern.

Zwei Bilder: Das obere zeigt Pico 4, das untere zeigt Meta Quest 2 im Profil. Pico 4 hat ein kleineres Gehäuse.

Pico 4 und Meta Quest 2 im Größenvergleich. Das größte Verkaufsargument für Pico 4, der kleinere Formfaktor, ergibt sich erst bei genauerem Hinsehen. | Bild: Pico / Meta

Das wird mit ein Grund sein, dass Pico mit dem US-Launch abwartet und zuerst in Europa und Asien startet. Eines ist klar: Sollte Pico 4 das Weihnachtsgeschäft in den USA verpassen, wird es Pico im nächsten Jahr noch schwerer haben, Relevanz zu gewinnen.

Überhaupt scheint der Zeitpunkt, den Pico für den Marktstart der Pico 4 wählte, etwas unglücklich gewählt. Zumindest, wenn man davon ausgeht, dass schon im nächsten Jahr Meta Quest 3 erscheinen könnte. Falls dem tatsächlich so ist, dürfte das Gerät mit einem brandneuem XR2-Chip ausgestattet sein und damit eine neue Generation autarker VR-Headsets einläuten. Pico 4 wäre dann schon wieder veraltet, was das Herzstück der Hardware betrifft. Aber das bleibt abzuwarten.

Meta freut sich über heimische Konkurrenz

Den VR-Markt in Windeseile aufmischen dürfte Pico jedenfalls nicht.

Nur mit viel Ausdauer, Investitionen in Forschung und Innovation sowie Inhalte wird Pico Meta herausfordern können. Meta plant bekanntlich drei Hardware-Generationen in die Zukunft, während Pico bislang primär Metas Hard- und Software kopierte.

Die Frage ist, ob es ByteDance wirklich ernst meint mit Virtual Reality – oder nur auf einen Flirt mit der VR-Branche aus ist.

Fürs Erste darf man begrüßen, dass Konsumenten bald wieder etwas Auswahl haben und Akteure wie ByteDance und Sony und nicht nur Meta ins Ökosystem investieren.

Für Meta wäre Picos US-Markteintritt übrigens ein Segen: Der Kartellprozess, den die US-Wettbewerbsbehörde FTC derzeit gegen Meta anstrengt, wird geringere Erfolgsaussichten haben, wenn Meta einen weiteren starken Konkurrenten im Heimmarkt hat.

Quellen: The Information (Paywall), Protocol