Niantic-Chef: „Das Metaverse ist ein dystopischer Albtraum“

Niantic-Chef: „Das Metaverse ist ein dystopischer Albtraum“

Der Begriff des Metaverse ist derzeit in aller Munde. In einem Essay warnt John Hanke vor der VR-Dystopie und plädiert für ein Augmented-Reality-Metaverse.

„Ich denke, wir werden uns von einem Unternehmen, das in erster Linie als Social-Media-Unternehmen gesehen wird, zu einem Metaverse-Unternehmen entwickeln.“ Mit diesen Worten kündigte Mark Zuckerberg vor Kurzem Facebooks strategische Neuausrichtung an, die in fünf Jahren vollzogen sein soll. Was das konkret heißt und für Facebook bedeutet, weiß derzeit niemand so genau, wahrscheinlich nicht einmal Zuckerberg selbst.

Der Begriff des Metaverse geht auf Neal Stephensons Sci-Fi-Roman Snow Crash von 1992 zurück und ist kein scharf definierter Begriff. Heute könnte man darin einen Nachfolger des Internets in Form einer digitalen 3D-Parallelwelt verstehen, die alle möglichen virtuellen Räume verbindet, von verschiedensten Geräten aus mit Avataren betreten werden kann und eine eigene Ökonomie besitzt. Im Ansatz gibt es solche Metaversen schon in Online-Spielen wie Minecraft, Roblox und Fortnite.

Spätestens mit Facebooks Ankündigung ist das Metaverse zum derzeit meistdiskutierten Modewort des Silicon Valley avanciert. Ihm zugrunde liegt die vage Vorstellung einer schrittweisen Verschiebung des Lebensalltags in digitale Welten, deren genaue Ausformung noch niemandem kennt. Für Zuckerberg selbst ist das Metaverse nicht auf Virtual Reality beschränkt und kann ebenso über Smartphones, PCs oder AR-Brillen betreten werden.

Avatare ais Facebook Horizon winken in die Kamera für ein Gruppenfoto.

Mit Horizon will Facebook den großen Metaverse-Wurf wagen. VR ist jedoch nur der erste Schritt in Facebooks Plan. | Bild: Facebook

Ist das AR-Metaverse besser für die Menschheit?

Nun äußert sich auch John Hanke, der Gründer und CEO von Niantic, das mit Pokémon Go das umsatzstärkste AR-Spiels der Welt entwickelt hat, zum Metaverse-Konzept. Sein Essay schießt gegen VR und den Konkurrenten Facebook, ohne das Unternehmen beim Namen zu nennen.

In seinem Blogartikel reduziert Hanke die Metaverse-Vision auf Virtual Reality und zitiert als Vorbild das VR-Metaversum aus Snow Crash und Ready Player One (Filmkritik). Das Metaverse sei aus technologischer Sicht ein „cooles Konzept“, aber in den Romanen als Warnungen vor einer Zukunft gedacht, in der die Gesellschaft sich aus der Realität verabschiedet hat und in virtuelle Welten geflüchtet ist, weil die natürlichen und wirtschaftlichen Ressourcen zerstört sind.

Hanke nutzt die Gunst der Stunde und das allgemeine Ressentiment gegen Facebook und schlägt Augmented Reality als alternatives Metaverse vor. Sein Argument ist, dass AR die Realität anders als VR nicht ersetzt, sondern erweitert und daher verträglicher ist mit der Natur des Menschen, die in physischer und sozialer Aktivität besteht.

Schweizer Forscher wollen mittels Luftbläschen virtuelle Berührung vermitteln. Ist das der erste Schritt hin zum Haptik-Anzug im Ready-Player-One-Stil?

Das Metaverse aus Ready Player One und Snow Crash sowie die dazugehörige Technologie hat mit der Realität nicht viel zu tun. | Bild: Warner Bros.

Facebook will AR dominieren

Dass Virtual Reality ein durch und durch physisches Medium ist und besonders intensiv in Bereichen wie Fitness und Social genutzt wird, übergeht Hanke stillschweigend.

Seine AR-Vision des Metaverse nennt Hanke „Real World Metaverse„, also ein in der physischen Realität verwurzeltes Metaverse, das Nutzer als eine technisch verbesserte Version der echten Welt erleben: eine, die „von Daten, Informationen, Diensten und interaktiven Kreationen“ durchdrungen ist.

Dass ein AR-Metaverse ebenso dystopisch sein kann wie ein VR-Metaverse, unterschlägt Hanke. Facebooks Endziel ist, den AR-Markt unter seine Kontrolle zu bringen, da man mit Augmented Reality weitaus mehr Menschen erreichen kann als mit VR. Wer die Infrastruktur der Augmented Reality kontrolliert, kann die physische Welt selbst in eine Reklametafel verwandeln. Was winkt, ist ein Anzeigengeschäft, das um ein Vielfaches größer und wertvoller sein wird als das des Internets. Und unter Umständen erschreckende Formen annehmen könnte, wie der folgende Kurzfilm aus 2016 zeigt.

Hankes Gegenüberstellung von VR und AR ist jedenfalls nicht zielführend und hat nur einen Zweck: Niantics AR-Technologie als überlegen und ethisch besser darzustellen. Technologien an sich sind nicht schädlich, aber möglicherweise das, was man aus ihnen macht. Das gilt für AR ebenso wie für VR.

Was Facebooks Metaverse-Vision ist, darüber diskutieren wir in der MIXED.de-Podcast Folge #258.

Quelle: Niantic Blog, Titelbild: Warner Bros.

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