Medal of Honor: Above and Beyond Test – Effektreicher Schießbuden-Weltkrieg

Medal of Honor: Above and Beyond Test – Effektreicher Schießbuden-Weltkrieg
Update: 29.12.2020: MP-Test und Patch-Schwemme

Acht Jahre nach dem letzten Serienteil beleben Respawn und Oculus den Weltkriegs-Shooter Medal of Honor für Virtual Reality wieder. Gelingt das Comeback?

Above and Beyond war vier Jahre in Entwicklung und ist das bislang prestigeträchtigste VR-Spiel der Oculus Studios. Für die Umsetzung zeichnete ein Studio von Weltklasse verantwortlich: Respawn Entertainment, das mit Titeln wie Titanfall 2, Apex Legends und Star Wars Jedi: Fallen Order große Erfolge feierte.

Dass gerade Respawn die alte Shooter-Markt wiederbelebt, ist kein Zufall: In dem Studio arbeiten viele Entwickler, die mit Medal of Honor: Allied Assault viele Jahre zuvor Videospielgeschichte schrieben und schon lange darüber nachdachten, die Spielereihe zurückzubringen (siehe Medal of Honor: Aufstieg, Fall und (VR-)Wiedergeburt). Als Oculus 2016 die Entwicklung in Auftrag gab, war der Grundstein für einen Neustart der Marke gelegt.

Dieser Test beschränkt sich auf die Einzelspielerkampagne. Der Multiplayer-Test wird nachgereicht.

Ich habe Medal of Honor: Above and Beyond mit einer Oculus Rift S (Test) und Oculus Quest 2 via Oculus Link (Infos) und Virtual Desktop (Streaming-Anleitung) getestet. Es ist der erste Titel der Oculus Studios, der auch auf der Konkurrenzplattform Steam erscheint. Medal of Honor: Above and Beyond kann somit auch mit Oculus-fremden VR-Brillen (Vergleich) gespielt werden.

Update vom 29.12.2020:

Respawn nimmt die Kritik der Spieler ernst und geht mit Patches einige der größten Probleme des Spiels an. Mehr Informationen dazu findet ihr im Update des Testfazits.

Interessiert euch, wie der Mehrspielermodus abschneidet? Dann könnt ihr jetzt unseren Multiplayer-Test lesen.

Quer durch Europa

Medal of Honor: Above and Beyond, kurz: MOHAB, wirft Spieler wie gewohnt mitten hinein in den Zweiten Weltkrieg. Man schlüpft in die Stiefel eines US-Soldaten, der wegen seiner außerordentlichen Kriegsverdienste in eine Spezialeinheit des Office of Strategic Services (OSS) aufgenommen wird. Die Organisation existierte wirklich und ist eine Vorläuferin der heutigen CIA.

In dieser Rolle nimmt man mit der französischen Widerstandsbewegung Kontakt auf und sabotiert militärische Operationen und Einrichtungen der Nazis. MOHAB führt Spieler quer durch Europa und lässt sie bekannte Schlachten und Ereignisse des Kriegs wie die Landung der Alliierten auf Omaha Beach virtuell nacherleben.

Die Fülle an Schauplätzen, Vehikeln und Kriegsgerät ist erstaunlich: Man ist auf und im Wasser, in der Luft und auf dem Boden in fast jedem Gefährt und Geschütz unterwegs, das man sich vorstellen kann und nimmt an spektakulären Einsätzen teil. Mal erobert man ein französisches Dorf von den Nazis zurück, mal kapert man ein U-Boot oder hebt eine Forschungseinrichtung der Nazis aus. Soviel Abwechslung bot noch kein VR-Spiel.

MOHAB führt Spieler an eine Vielzahl von Schauplätzen. | Bild: Respawn

Kriegssimulator light

Eine durch und durch realistische Darstellung oder ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg sollte man dennoch nicht erwarten. MOHAB soll in erster Linie unterhalten und das tut es auch – wenn man bereit ist, sein Hirn abzuschalten.

Respawn bricht den Zweiten Weltkrieg auf das Niveau einer effektvoll inszenierten, aber letztendlich seichten Disneyland-Attraktion herunter, die von Kriegspathos und Patriotismus nur so trieft. Dass die Nazis als ein Haufen unfähiger Trottel dargestellt werden, macht die Sache nicht besser. Es ist eine gefährliche Verharmlosung.

Dass Respawn nicht einmal versucht, dieser Menschheitstragödie gerecht zu werden, ist eine kluge Entscheidung. Zu groß wäre die Fallhöhe für ein Studio, das sich auf Shooter statt menschliche Dramen versteht. MOHAB scheut den Vergleich mit der Wirklichkeit und fiktionalisiert Schauplätze, Figuren und Ereignisse des Spiels größtenteils.

Das Studio lässt stattdessen die Verbliebenen sprechen: In der sogenannten „Gallery“ finden Spieler hochwertig produzierte Interviews mit Kriegsveteranen, die dem Spielgeschehen seine Authentizität zurückgeben. Unter den freispielbaren Filmen finden sich auch 360-Grad-Videos. Sie zeigen, wie die ehemaligen Schlachtfelder heute aussehen und ermöglichen eine weitere Brücke zur Vergangenheit, liegen allerdings in einer bedauerlich schlechten Bildqualität vor.

Die Umgebungen laden dank ihres Detailreichtums zum Erkunden ein, sind aber meist eng begrenzt und nicht mehr als Ballerkulisse. | Bild: Respawn

Atemlos im Einsatz

Das Herzstück der Kampagne unterteilt sich in sechs ausgedehnte Missionen, die aus jeweils neun Spielabschnitten mit unterschiedlicher Länge bestehen. Vor den Missionen steht ein Briefing an und man besucht einen Bunker, in dem man sein Arsenal zusammenstellen und sich über zahlreiche Einzelheiten des Einsatzes informieren kann.

Die Missionen werden lose zusammengehalten durch das Gespann, das Spieler immer wieder begleitet: die französische Widerstandskämpferin Manon Batiste und ihre Schwester Juliette, ein junger Freiwillige namens Ollie und der kriegserfahrene Soldat „Sarge“. Viele dieser Charaktere sind grafisch toll umgesetzt, aber wandelnde Klischees, die einem nicht ans Herz wachsen.

Die Missionen bestehen aus lauter kurzen, in sich geschlossenen Episoden, die oft nicht mehr als ein paar Minuten dauern und den Spielfluss dauernd unterbrechen. Action-Szenen wechseln sich mit narrativen Sequenzen und man hüpft von Szene zu Szene, ohne dass sich jemals das Gefühl einer Kontinuität von Zeit und Raum einstellt, die für Virtual Reality so wichtig ist. Half-Life: Alyx (Test) hat das besser gemacht. Klaffende Logiklücken in der Geschichte und Englisch sprechende Nazis sind zusätzliche Immersionskiller.

Am schwächsten sind die Spielabschnitte, in denen man hinter einem Geschütz sitzt und eine unsichtbare Schiene hinabfahrend alles niedermähen muss, was sich bewegt. Leider gibt es sehr viele solcher simplen Schießbuden-Level.

Medal of Honor bietet eine Vielzahl narrativer Einschübe, allerdings mit peinlich schlechten Dialogen. | Bild: Respawn

VR ohne Überraschungen

Das Shooter-Gerüst des Spiels ist solide, wenn auch anspruchslos: In MOHAB verbringt man die meiste Zeit damit, von Raum zu Raum zu rennen und im Vorbeigehen Dutzende Nazis zu töten. Die simple Gegner-KI macht das Spiel zu einem stumpfen Arcade-Shooter.

Die VR-Umsetzung ist gut in den Bereichen, auf die es ankommt: Die Waffen liegen gut in den virtuellen Händen und lassen sich manuell nachladen und entsichern. Darüber hinaus ist es möglich, eine Reihe von Alltagsgegenständen in die Hand zu nehmen und als Waffe einzusetzen. Die Interaktionsfreiheit eines Half-Life: Alyx erreicht MOHAB nicht einmal im Ansatz.

Überhaupt darf man in Sachen VR keine Innovationen erwarten: Above and Beyond ist durch und durch Medal of Honor, nur eben in VR. Das Spiel unterstützt etablierte VR-Interaktionen, geht aber nicht darüber hinaus. Wo sich Respawn kreativ gibt und etwas Neues versucht (Schwimmen, Skifahren), scheitert es an der Umsetzung, was die entsprechenden Spielabschnitte zu frustrierenden Geduldsproben macht.

In MOHAB kann man sich nur fließend fortbewegen. Spieler mit empfindlichen Mägen müssen mit dem künstlichen Tunnelblick vorlieb nehmen. Besonders bewegungsintensive Szenen, von denen es recht viele gibt, lassen sich alternativlos überspringen. Der Sitzmodus funktioniert gut, sofern man einen Stuhl ohne Armlehnen benutzt.

Die detaillierten Charaktermodelle sind ein Highlight des Spiels. | Bild: Respawn Entertainment

Historisch wertvoll

Der stärkste Aspekt des Spiels ist seine Präsentation. In Sachen Grafik liefert Respawn, was man von einem Weltklasse-Studio erwarten darf: Wow-Momente am Band. Das Spiel bietet eine Vielzahl unterschiedlicher Schauplätze, die meist toll umgesetzt sind. Das gilt für Dörfer und Städten ebenso wie für Naturlandschaften.

Innenräume samt Einrichtung wirken nicht ganz so detailliert wie in Half-Life: Alyx, dafür bietet MOHAB zum Teil weitläufigere und offenere Gegenden mit beeindruckender Fernsicht. Ein französisches Dorf beispielsweise wirkt so echt, dass man lieber in Ruhe darin herumspazieren würde, als Nazis zu jagen. Schade, dass solch kunstvoll gestaltete Szenerien nicht mehr sind als eine Ballerspielkulisse.

Was für die Spielwelt gilt, gilt auch für die Charaktere, allen voran das eigene OSS-Team: Viele der Figuren wirken erstaunlich echt, selbst wenn man in ihnen aus nächster Nähe ins Gesicht blickt.

Am meisten Freude an MOHAB dürften (Hobby-)Historiker haben, die sich für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs begeistern. Das Spiel bietet eine stupende Fülle an originalgetreu rekonstruierten Kriegsmaschinerien: von Handfeuerwaffen, Panzerfäusten und Granaten über Artillerie, Panzer und Flugzeuge bis hin zu Kampfschiffen und U-Booten. Wäre MOHAB kein Shooter, dann wäre es die bislang tollste VR-Lernumgebung zum Thema Zweiter Weltkrieg.

In Above and Beyond muss man nur selten Hand anlegen. | Bild: Respawn

Systemanforderungen und VR-Brillenvergleich

Die empfohlenen Hardware-Anforderungen sind:

  • CPU: Intel Core-i7-9700K (oder vergleichbarer AMD-Chip)
  • RAM: 16GB DDR4
  • Grafikkarte: GTX 2080 (oder vergleichbare AMD-Grafikkarte)
  • Speicher: 180 GB für die Installation und das Entpacken, 173 GB sobald installiert (SSD or NVMe empfohlen)

Ich habe das Spiel mit einem Ryzen 5 3600, 16 Gigabyte RAM und einer GTX 1080 Ti gespielt. Mit Oculus Rift S lief das Spiel überwiegend flüssig, im Gegensatz zur Quest 2, die eine viel höhere Auflösung hat und meinen Rechner überforderte. Die Spielerfahrung und Bildqualität mit Oculus Link ist gut, wenn auch nicht ganz auf dem Niveau der nativen PC-VR-Brille.

Virtual Desktop unterstützt MOHAB bereits. Für die Kabelfreiheit muss man wegen der Kompression etwas schlechtere Bildqualität als mit Oculus Link hinnehmen.

Fazit: Diesseits von Medal of Honor und Virtual Reality

Respawns Versuch, Medal of Honor in die Virtual Reality zu bringen, ist nur bedingt geglückt: Above and Beyond beschert dem Medium eine Vielzahl effektvoll inszenierter Kriegsschauplätze, aber kombiniert sie mit einer spielerisch allzu seichten Ballermechanik.

Innovationen darf man nicht erwarten: MOHAB hält sich streng an Genre- und VR-Konventionen und gibt weder dem Ego-Shooter noch Virtual Reality neue Impulse.

Above and Beyond ist Medal of Honor VR, aber nicht mehr. Es wirkt wie ein jahrzehntealtes Spiel, dem ein hochmodernes technisches Gewand übergestülpt wurde. Virtual Reality lässt das Spiel altern, statt es zu verjüngen.

Ein Lichtblick sind die Fülle an Schauplätzen und die Präsentation. MOHAB ist keine Erfahrung, kein Experiment, es ist mit über zehn Stunden Spielzeit eines der umfangreichsten VR-Spiele und muss sich in Sachen Inhalte und Grafik nicht vor Monitorspielen verstecken.

Update vom 29.12.2020: MP-Test und Patch-Schwemme

Wer sich Above and Beyond wegen des Mehrspielermodus kaufen möchte, kann jetzt unseren Multiplayer-Test lesen. Spoiler: Die Online-Gefechte schneiden besser ab als die Einzelspielerkampagne.

Respawn hörte indes auf das Feedback der Spieler und ging mit Patches einige der größten Kritikpunkte an: Bis Weihnachten erscheinen drei Patches für das VR-Spiel, die substanzielle Verbesserungen bringen.

Sie beinhalten unter anderem:

  • fließende Drehungen und Laufrichtungsvorgabe via Controller
  • die Möglichkeit, den virtuellen Körper auszublenden
  • neue Performance-Einstellungen und minimale Systemanforderungen (eine GTX 1080 reicht jetzt)
  • weniger Story-Unterbrechungen
  • bessere Waffeninteraktionen
  • ein realistisches Scharfschützenvisier
  • native Oculus-Unterstützung für Steam-Käufer

Eine Zusammenfassung der Verbesserungen und Fehlerbereinigungen findet ihr im Oculus-Blog.

MOHAB wird euch gefallen, wenn ihr …

  • große Fans der Spielereihe seid,
  • euch für den Zweiten Weltkrieg interessiert und
  • ein Spiel mit toller Grafik sucht.

MOHAB wird euch nicht gefallen, wenn ihr …

  • stumpfes Geballer hasst,
  • VR-Innovationen erwartet und
  • und einen älteren Rechner besitzt.

Medal of Honor: Above and Beyond könnt ihr hier kaufen:

Unterstützte Geräte Plattform Preis
Oculus Rift (S), Oculus Quest (2) via Oculus Link Rift Store 59,99 Euro
PC-VR-Brillen, Oculus Quest (2) via Oculus Link Steam 59,99 Euro

 

Oculus Quest 2 aus Deutschland bestellen

Oculus Quest 2 wird in Deutschland vorerst nicht verkauft. Wie lange dieser Verkaufsstopp anhält, ist nicht bekannt.

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Hinweis: Ihr könnt bei Amazon Frankreich über euren deutschen Account bestellen. Die VR-Brille unterstützt deutsche Sprache in den Menüs. Eine regionale Sperre seitens Facebook ist derzeit nicht aktiv – Quest 2 funktioniert ganz normal. Amazon Frankreich liefert innerhalb weniger Tage, zum Teil werden die Geräte sogar aus Lagern in Deutschland verschickt.

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