Ernsthaft kochen in VR: Ein Selbstversuch

Ernsthaft kochen in VR: Ein Selbstversuch

Die VR-Kochsimulation Lost Recipes soll die Freude am Kochen wecken. Ich habe den Selbstversuch gewagt.

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Ich war so gehypt, als ich zum ersten Mal von Lost Recipes hörte: Ich liebe stressfreie VR-Spiele mit einem Schwerpunkt auf Handinteraktionen und das verantwortliche VR-Studio Schell Games (I Expect You To Die 1 & 2, Until You Fall) ist für hohe Qualität bekannt.

Lost Recipes, so schrieb ich vor meinem Test, ist ein VR-Kochspiel, das seinesgleichen sucht. Hier besucht ihr drei unterschiedliche Epochen und Kulturkreise, wo ihr Gerichte nach jahrhundertealten Rezepten mit den Zutaten, Gerätschaften und Techniken der damaligen Zeit zubereitet. Das soll Spaß machen und bilden – weshalb das Studio Expert:innen herangezogen hat, die für ein historisch akkurates Kocherlebnis bürgen.

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Eine weitere Besonderheit des VR-Spiels: Beim Kochen kommt es auf Präzision statt Geschwindigkeit an. Je genauer ihr den Rezepten folgt, desto besser wird eure Kochkunst bewertet. Dadurch wirkt das Kochen anders als bei anderen Genrevertretern wie Cook-Out (Test) strukturiert und entspannend.

Geschwätzige Geisterköche

Lost Recipes erschien letzte Woche und ich warf noch am selben Tag meine Meta Quest 2 an, um das VR-Spiel auszuprobieren. In den nächsten Tagen habe ich im vorchristlichen Athen Pita-Fladenbrot gebacken und Souvlaki-Fleischspieße zubereitet, im China der Song-Dynastie einen Oolong-Tee gekocht und Fisch gedünstet und auf der Yucatán-Halbinsel traditionelle Gerichte der Maya-Küche wie Xec und Mukbil Pollo gezaubert.

Das war eine einzigartige VR-Erfahrung für mich, die allerdings nicht so kurzweilig und entspannend war, wie ich erwartete. Das hat mehrere Gründe.

Zum einen sind das digitale und physische Kochen fast identisch. Hier wie dort tut man primär eines: Anweisungen in Handlungen übersetzen. Wer das im echten Leben gerne tut, wird in VR wohl ebenfalls Spaß daran haben. Kochmuffel hingegen wird VR nicht bekehren können.

Erschwerend kommt hinzu, dass das Spiel nur in Englisch vorliegt und teilweise historische Namen von Zutaten und Gerätschaften verwendet, ohne deren Bedeutung zu wiederholen. Was ist schon wieder eine Masa, was ein Comal? Dass die assistierenden Geisterköche unentwegt plappern und historisches Wissen zum Besten geben, erleichtert die Sache nicht.

Kochen ist ein VR-Benchmark

Mich irritierte außerdem, wie stark die Kochsimulation dem physischen Kocherlebnis nachhinkt. Keine Frage: Das Studio steckte viel Liebe in die Gestaltung der Interaktionen und abstrahierte, wo geboten, von Komplexität.

Man kann aus einer Schale einzelne Trauben pflücken und Fleisch in unterschiedlich große Stücke oder Scheiben schneiden. Die VR-Umsetzung ist gut gelungen. Aber das virtuelle Kochen ist dennoch weit davon entfernt, sich „richtig“ anzufühlen.

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Das ist die vielleicht größte Erkenntnis aus Lost Recipes: wie ungeheuer komplex doch eigentlich ist, was beim Kochen geschieht und wie schwer in VR umzusetzen. Von feinsten Handinteraktionen über die Physik des Bratens, Backens, Dünstens bis hin zum Aussehen von Lebensmitteln und Flüssigkeiten in verschiedensten Zuständen. Das Auge isst nicht nur mit, es kocht auch mit und die visuelle Lust am Kochen ist mit den technischen Mitteln einer Meta Quest 2 nur bedingt zu befriedigen.

Das gilt ebenso für die Haptik. Wie kann man das Formen eines Teigs zu einer Kugel mit VR-Controllern simulieren? Nur unzureichend. Virtual Reality ist stets nur Annäherung an ein physisches Erlebnis und das fällt beim virtuellen Kochen besonders auf.

Etwas mehr Spiel, bitte!

Den Kochmuffel in mir konnte Lost Recipes jedenfalls nicht austreiben, aber mit Sicherheit das eine oder andere übers Kochen beibringen. Wobei man sich auch im Klaren sein muss, dass sich die VR-Erfahrung nicht eins zu eins in den Alltag übertragen lässt.

Das liegt zum einen daran, dass man im 21. Jahrhundert andere Werkzeuge und Kochgerätschaften zur Hand hat und auf moderne Technik ausweichen muss. Zum anderen gibt es viele der Zutaten gar nicht mehr. Wen es interessiert: Auf der offiziellen Internetseite bietet das Studio ein PDF-Dokument aller Rezepte zum Ausprobieren an – mit modernen Äquivalenten für Zutaten, die nicht oder nur schwer greifbar sind.

Lost Recipes ist eher Lernerfahrung als ein Game, aber etwas mehr Spiel hätte nicht geschadet. Es ist keine große Herausforderung, fünf Sterne in allen Kategorien des Kochens zu holen und hat man alle Gerichte einmal zubereitet – und das dauert vielleicht zwei Stunden – hat man alles gesehen. Hoffentlich liefert Schell Games noch Nachschub und schafft Gründe, in die historischen Küchen zurückzukehren.

Denn das Potenzial von Kochsimulationen ist riesig, egal ob sie visuell, mechanisch und haptisch an das echte Kocherlebnis heranreichen oder nicht. Virtual Reality eignet sich hervorragend für das Lernen von Handlungsmustern und wer dank gamifiziertem Kochen spielend Gerichte zubereiten lernt, wird dieses Wissen leicht in die physische Küche übertragen können.

Lost Recipes könnt ihr im Oculus Store für Meta Quest 1 & 2 kaufen. Der Preis ist 14,99 Euro.

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