Nintendo-Magie oder Pappschummelei? Wie viel Virtual Reality steckt in Nintendos VR-Bausatz wirklich? Ich entdecke das Labo-VR-Kit mit den Augen eines Kindes.

Stellt euch vor, ihr seid acht Jahre alt: Im Kaufhausregal liegt dieses eine Spielzeug, das ihr unbedingt haben müsst. Niemand versteht, weshalb – außer euch.

Nach endlos langen Wochen Taschengeld aufbessern und Verzicht auf Cola-Kracher und Stoffis gehört es endlich euch: Stolz tragt ihr euer Spielzeug nach Hause und habt das beste Wochenende eures noch jungen Lebens. Wenn ihr später euren eigenen Kindern beim Spielen zuschaut, holt euch die Erinnerung an dieses Wochenende in Gestalt der Nostalgie ein.

Das Labo-VR-Kit ist ein Virtual-Reality-Experimentierkasten für Kinder. Erwachsene dürfen auch Spaß haben. Bild: Steiner

Das Labo-VR-Kit ist ein Virtual-Reality-Experimentierkasten für Kinder. Erwachsene dürfen auch Spaß haben. Bild: Steiner

Genau dieses Spielzeug ist Nintendos Labo-VR-Kit: Es ist neu, ungewöhnlich, aufregend, es verspricht etwas Großes für den Preis von etwas Kleinem.

Ein Spielzeug, das die Fantasie beflügelt: vor dem Kauf, beim stundenlangen Zusammenbau der ausgefallenen Papp-VR-Geräte und anschließend beim ersten Reingucken in die Computerspielwelt, die man sonst nur vom flachen Monitor kennt.

Und weil das Labo-VR-Kit genau diese Neugierde erzeugt und dann auch befriedigt, ist es ein gutes Spielzeug.

Besser als das beste Cardboard aller Zeiten

Natürlich ist VR mit Nintendos Switch technisch schwach. Das war schon vorher klar: 720p-Auflösung, ein schmierendes 60-Hz-Display, erkannt werden nur Kopfdrehungen – das ist weit weg vom VR-Goldstandard. Jeder Technikenthusiast rümpft entsetzt die Nase bei diesen Spezifikationen.

Die großen Plastiklinsen sind für Cardboard-Verhältnisse gut. Durch die geringe Krümmung kommen die Kinder nicht ins Schielen. Bild: Steiner

Die großen Plastiklinsen sind für Cardboard-Verhältnisse gut. Durch die geringe Krümmung kommen die Kinder nicht ins Schielen. Bild: Steiner

Gut, dass man die Brille selten länger als ein paar Minuten am Stück vor den Augen hat. Dafür reicht die Bildqualität gerade so aus. Selbst Nintendo blendet eine Warnung ein, wenn man Labo-VR zu lange am Stück benutzt. Ein Kopfband, mit dem man sich die VR-Brille am Kopf festschnallt, gibt’s gar nicht erst: Nintendos VR-Erlebnis soll man teilen und herumreichen, nicht darin versinken.

Technisch holen die Japaner ansonsten alles raus aus der Switch-Konsole in Kombination mit etwas Pappe. Die Sensoren in den Switch-Controllern und der Konsole selbst tracken außerordentlich präzise. Bei meinem Test hatte ich keine Probleme, dass sich das Bild zum Beispiel eigenständig in eine Richtung verschiebt (sogenannter “Drift”).

Dank technischer Tricksereien und genialen Bausatzideen ist bei einigen VR-Spielen sogar Bewegung in die Tiefe des Raumes möglich, ähnlich wie bei teuren Highend-Brillen. Handwerklich ist das beeindruckend: Nintendo macht aus wenig Technik viel Erlebnis.

Aber auch eine richtig gute Papp-VR-Brille ist am Ende des Tages eine Papp-VR-Brille. Und die reicht eben nur für ein paar Stunden Unterhaltung verteilt auf wenige Tage.

Spiel mit zwei Hälften

Rund die Hälfte des Labo-VR-Spiels macht der Zusammenbau des Pappzubehörs aus. Für diesen sollte man Freude am Basteln mitbringen – und etwas Erfahrung. Denn mitunter ist der Zusammenbau recht kompliziert. Zwei bis zweieinhalb Stunden Aufbauaufwand sollte man pro Spielzeug einplanen. Im Alleingang können Kinder die Labo-VR-Kits nicht zusammensetzen trotz detaillierter Anleitungen.

Beim Zusammenbau der Kits brauchen Kids Hilfe von Erwachsenen. Bild: Steiner

Beim Zusammenbau der Kits brauchen Kids Hilfe von Erwachsenen. Bild: Steiner

Belohnt wird man anschließend mit dem zweiten Teil des Labo-VR-Spiels: den kurzweiligen, digitalen Minispielen, bei denen viele Kinder das erste Mal hineinschauen können in den Computer, anstatt nur davorzusitzen. Ich arbeite selbst in der VR-Branche: Für mich war das gemeinsame Ausprobieren eine großartige Gelegenheit, meinen Kindern meine tägliche Arbeit zu erklären – mit allen Vor- und Nachteilen.

Tiefgang darf man von den zahlreichen Minispielen nicht erwarten, viele hat man in ein paar Minuten durchschaut. Bei den “Microgames” reicht mitunter eine halbe Minute – sie gleichen eher Tech-Demos. Das folgende Video gibt einen guten Überblick über die Labo-Spiele:

Haptik-VR mit Pappe überrascht selbst alte VR-Hasen

Einzigartig wird das Labo-VR-Kit durch die Verbindung von Haptik und VR-Spiel: Dank des Pappzubehörs bietet das Labo-VR-Kit mehr Anfass-VR als Highend-VR-Systeme für PC und Konsole – Bonuspunkt für Nintendo.

Zum Beispiel ballert man mit der Pappbazooka auf Gegner – und lädt realistisch mit einem Schieber am Griff nach. Mit einer Pappkamera fotografiert man Meerestiere und kann Objektiv und Auslöser wie an einem echten Fotoapparat bedienen.

Besonders die Pappkamera sorgt für ein gelungenes Haptik-VR-Erlebnis. Bild: Steiner

Besonders die Pappkamera sorgt für ein gelungenes Haptik-VR-Erlebnis. Bild: Steiner

Diese anfassbare Virtual Reality zauberte mir beim Test regelmäßig ein breites Grinsen ins Gesicht. Und sie zeigt mir, wie viel Potenzial noch in dieser Technologie steckt: Jede Testperson, der ich in den letzten Tagen eine Labo-Brille aufsetzte, hatte Freude und war für einige Minuten fasziniert vom haptischen VR-Erlebnis. Das gilt für Laien wie für VR-Profis.

Für den Marktstart kooperiert Nintendo mit Best Buy und bewirbt die VR-Bastelerfahrung an über hundert Standorten in den USA und Kanada.

Das VR-Kit kommt neben der reinen Brille mit fünf weiteren Bausätzen. Die Kamera und der 6Dof-Elefant sind besonders gelungen. Bild: Nintendo

Wer glaubt, dass das Labo-VR-Kit Kinder von der Virtual Reality enttäuschen könnte, täuscht sich: Dieser VR-Experimentierkasten hinterlässt ein warmes Gefühl und macht Lust auf mehr VR.

Oculus jedenfalls konnte 2014 mit noch weniger Technologie einer ganzen Branche neues Leben einhauchen. Und wer Highend-Brillen ohnehin schon kennt, der weiß ja, was für viel mehr Geld möglich ist.

Fazit: Tolles VR-Spielzeug für Kinder und neugierige Enthusiasten

Labo-VR ist wortwörtlich Virtual Reality zum Anfassen: Die Papp-Haptik macht Freude und überrascht mitunter selbst alte VR-Hasen. Wer selbst in der VR-Entwicklung aktiv ist, der wird Nintendos kreativen und spielerischen Umgang mit der ansonsten technisch aufwendigen und schwer zugänglichen VR-Technologie als Inspiration empfinden.

Empfehlen kann ich Switch-VR allen Eltern, die mit ihren Kindern ab sieben Jahren ein großartiges Wochenende rund um Videospiele haben wollen, ohne dabei mit den üblichen Games vor dem TV zu versacken.

Wirklich spannend aus VR-Perspektive werden die Reaktionen der Nintendo-Langzeitzocker, wenn sie mit der Labo-Pappbrille das erste Mal in die Welt von Mario und Zelda schauen können. Macht das Lust auf mehr? Nintendo wird genau zuhören.

Text: Christian Steiner / Matthias Bastian, Bilder: Christian Steiner

60,00 EUR
Nintendo Labo: VR-Set  - [Nintendo Switch]
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Letzte Aktualisierung am 23.05.2019 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API / Preis inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten

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