Kommentar

Eine Mutter trifft ihr totes Kind in VR. Liegt die Zukunft unserer Unsterblichkeit in Virtual Reality?

Wer nicht an die Unsterblichkeit der Seele oder die körperliche Wiederauferstehung glaubt, muss sich wohl oder übel mit der Unsterblichkeit im Andenken der Menschen zufriedengeben. Tot ist nur, wer vergessen ist, hat mal irgendjemand gesagt. Besser als nichts. Das hat schon der mythische König Gilgamesch erkennen müssen.

Doch nicht in Vergessenheit zu geraten, ist keine leichte Aufgabe. Als Erinnerungsstütze brauchen Menschen riesige Pyramiden und große Helden- oder Gräueltaten. Weniger Aufwand ist ein Familiengrab – dort werden sich die eigenen Nachkommen zwangsläufig noch in einigen Generationen mit dem Verstorbenen befassen müssen, wenn sie ihre direkten Vorfahren betrauern.

Egal wie: Am Ende existiert der Tote nur noch für die Überlebenden. Er selbst hat nichts mehr von seinem Ruhm. Das Wissen, in Erinnerung zu bleiben, mag manch Sterbenden beruhigen. Aber die Erinnerung hilft primär den Hinterbliebenen beim Trauern.

Unsterbliche Erinnerung in der Virtual Reality

Eine TV-Show zeigte kürzlich, wie wir die Unsterblichkeit im Andenken ins 21. Jahrhundert bringen könnten. Der südkoreanische TV-Sender MBC übertrug die Virtual-Reality-Wiedervereinigung einer Mutter mit einem digitalen Avatar ihrer verstorbenen Tochter. Die digitale Tochter wurde aufwendig anhand von Fotos, Videos und 3D-Scans ihrer jüngeren Schwester nachgebaut.

Die virtuelle Begegnung bewegte die Mutter tief. Für sie war es womöglich eine Chance, positive Erinnerungen an ihre verstorbene Tochter zu stärken und schlimme Krankenhausbilder zu verdrängen. So scheint das hölzerne VR-Leben ihrer Tochter ihr bei der Bewältigung ihrer Trauer zu helfen. Zumindest sagt sie das in die Kamera.

Von der Kiste in den Gesichtscomputer

Die Digitalisierung der Trauer ist nichts Neues. Fotos und Videos sind heutzutage allgegenwärtig und helfen, das Andenken an Verstorbene zu bewahren. Aus Chatverläufen können Chat-Bots generiert werden, die die Gesprächsführung einer verstorbenen Person imitieren sollen. Trauern in VR, also mit der maximal möglichen Sinnestäuschung, scheint der nächste logische Schritt.

Denn VR vermittelt mehr als ein einfaches Foto oder Video: Sie suggeriert körperliche Präsenz. Mit besserer Technik werden digitale Avatare in Zukunft glaubwürdiger und die möglichen Interaktionen vielfältiger. Wir treffen überzeugende Kopien Verstorbener in VR, sprechen mit ihnen und berühren sie sogar.

Und was hat der Sterbende davon? Der könnte in VR die Erinnerung an sich selbst so genau wie nie zuvor formen – manch einer wird sich vielleicht im Stile der Ägypter makellose Schönheit und eine eigene Pyramide gönnen. Die VR-Erinnerung wird so vielfältig sein wie die Todeskulte der Menschen.

Jeder stirbt allein, aber getrauert wird zusammen

Aber woher kommt dann dieses befremdliche Gefühl, das ich beim Betrachten der VR-Mutter und dem Avatar-Abbild ihres toten Kindes spüre? Ja, es ist TV-Unterhaltung inklusive aller unangenehmen voyeuristischen Aspekte. Aber mich irritiert vor allem die soziale Isolation der Mutter unter der VR-Brille.

Sie ist allein in ihrer Erinnerung, so allein, wie man nur in einer virtuellen Realität sein kann. Sie ist allein, da ihre Realität durch eine virtuelle Welt ersetzt wird und die dafür notwendige technische Ausstattung eine Barriere für jede soziale Echtwelt-Interaktion darstellt.

Das beißt sich mit der üblichen sozialen Komponente der Trauer. Zwar ist Trauer ein egozentrisches Gefühl, das einem niemand abnehmen kann. Aber die mir bekannten Kulturen unterstützen Hinterbliebene bei ihrer Trauer durch Bräuche und soziale Bindungen. Niemand sollte seine Trauer allein verarbeiten.

Die Pyramide für jedermann

Hier lauern die Gefahren einer VR-Erinnerungskultur: Sie darf nicht isolieren, sie muss die Möglichkeit zur Anteilnahme bieten – natürlich ohne den Trauernden ihr Recht auf Privatheit zu nehmen. Und die virtuelle Realität muss als das genommen werden, was sie ist: Ein Teil der Trauerbewältigung – und kein Allheilmittel.

In einer dem Optimierungswahn verfallenen Gesellschaft, in der jede neue Technologie mit Heilsversprechen kommt, könnte es sonst zu dystopischen Ansprüchen an Trauernde kommen: Trauer würde privat, der offene Umgang mit ihr ein Tabu, gesellschaftliche Teilhabe am Trauerprozess im besten Fall ein kurzer Frondienst mit Anspruch auf Rückzahlung durch möglichst schnelle Rückkehr der Hinterbliebenen in die Normalität und den Arbeitsalltag.

So könnte die VR-Erinnerung beides sein: Ein Trauerspiel, wenn die Besucher mit ihrer Trauer allein gelassen und isoliert werden. Und eine Chance, Trauer schneller zu bewältigen und sich besonders intensiv zu erinnern. Und endlich kann sich jeder seine eigene Pyramide leisten.

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