Taufen mit Screendoor Effekt, Lags beim gemeinsamen Vater unser, Handauflegen ohne haptisches Feedback: christliche Religion ist in VR angekommen und kämpft mit denselben Technik-Problemen wie der Rest der Bubble. Seit Ende 2018 darf ich die sogenannte “Virtual Reality Church” mitleiten und habe so tiefe Einblicke erhalten.

Ein Gastbeitrag von Markus Neher

Ende 2017 hat mich meine erste VR Brille, eine Rift, vor allem von Social VR überzeugt. Selbst bei VR-Spielen wie Onward war das Gefühl, als Person im Spiel präsent zu sein, überwältigender als die stereoskopische Bilddarstellung und der Spaß am Ballern. Endlich ein virtuelles Gegenüber, dem ich ein High-Five geben kann!

Als freikirchlich geprägter Christ (die nervigste Sorte!) fragte ich mich, ob diese Telepräsenz auch eine vollwertige Gottesdiensterfahrung mit Gänsehaut-Feeling ermöglicht. Bei MIXED hatte ich bereits von der 2016 vom Theologieabsolventen DJ Soto gegründeten „Virtual Reality-Church“ gelesen und besuchte bald deren regelmäßigen Gottesdienst in Altspace VR: Montag früh, 0.30 Uhr deutscher Zeit.

Ich muss an dieser Stelle einschieben, dass ich durch meine religiöse Herkunft Gottesdienste nicht mit langweiligen Liedern, verstaubten Stühlen und Öko-Predigten assoziiere, sondern mit moderner Musik, spirituell dichter Atmosphäre und Jesus-zentrierten, aber lebensnahen Evangeliumsbotschaften.

Mitten im Roboter-Gottesdienst

Vor dem virtuellen Kirchengebäude der Virtual Reality Church tummelten sich allerlei Altspace-Avatare, die sich teilweise bereits zu kennen schienen. Drinnen gab es eine Art Stehbereich und eine Predigt-Area.

Der Gottesdienst setzte sich zusammen aus “Worship”, also christlicher Musik als Kontemplations-Begleitung, bestehend aus YouTube-Videos und einer Predigt, die Pastor Soto mit allen Möglichkeiten der Gestik abhielt, die er den Oculus Touch Controllern abgewinnen konnte. Ich war beeindruckt.

Gruppenbild mit Avataren von Teilnehmern an einem VR-Gottesdienst der Virtual Reality Church

Gruppenbild mit Avataren von Teilnehmern an einem VR-Gottesdienst der Virtual Reality Church. BILD: VR Church

Das “Mittendrin”-Gefühl von VR kann einem religiösen Menschen durchaus den Eindruck eines nahezu vollwertigen Gottesdienstes vermitteln. Und das trotz der bescheidenen Altspace-Roboter-Avatare sowie einer simplen Oculus-Quest und -Go kompatiblen Umgebung.

Nicht nur für die Gottesdienste, auch als Plattform für Organisations-Meetings verwendet diese Kirche VR. Hier finden die Leitungstreffen statt, es gibt theologische Diskussionsforen und Kleingruppentreffen.

So habe ich tatsächlich eine geistige Heimat in einer Kirche gefunden, deren Mitglieder auf der ganzen Welt verteilt sind, die ich wahrscheinlich niemals außerhalb von VR zu Gesicht kriegen werden – und trotzdem habe ich das Gefühl, sie gut zu kennen.

Wir taufen auch den Anime-Avatar

Pastor Soto habe ich hingegen 2019 in Deutschland real getroffen. Seitdem darf ich den europäischen Ableger „Virtual Reality Church Europe“ leiten und bepredigen (Sonntag, 19:00 Uhr deutscher Zeit). Mittlerweile sind wir auch auf Rec-Room und VR Chat expandiert und planen, auch Facebook Horizon mit Gottesdiensten zu bespaßen.

Im angesprochenen VR Chat fand auch die medienwirksame VR Taufe des Youtubers Syrmor statt.

Über die theologischen Implikationen einer virtuellen Taufe oder eines VR-Abendmahls darf an anderer Stelle gestritten werden. Trotz dieser Diskussionspunkte ist die Virtual Reality Church erfolgreich: Mittlerweile feiern wir fünf Gottesdienste am Sonntag mit insgesamt einigen hundert Besuchern. Viele regelmäßige Teilnehmer wurden zu Mitgliedern, die beispielsweise begehbare Szenerien für jede Sonntagspredigt erstellen.

Da VR-Gottesdienste in Zeiten einer weltweiten Pandemie eine Alternative zu klassischen Gemeindeversammlungen darstellen, erleben wir in den letzten Wochen zudem spürbar höhere Besucherzahlen. Nach einem aktuell üblichen Gottesdienst-Livestream einer normalen Kirche fehlen einfach die lockeren Gespräche mit den Bekannten: Der Laptop wird zugeklappt, das war’s.

In VR Chat geht der Spaß bei uns da meistens erst richtig los.

God Rays sind noch kein Gottesbeweis

Dass die VR Church mit Powerpoint-Predigten begann und jetzt begehbare Bibelstellen bietet, zeigt, dass auch wir erst lernen müssen, das gelobte VR Land zu nutzen. Da gibt es noch viel Luft nach oben.

Kritisch muss ich erwähnen, dass die Gottesdienst-Erfahrung vor allem technisch ausbaufähig ist. Als Prediger nicht in die Augen der Leute sehen zu können, Mimik oder Gestik nicht deuten zu können, ist weit entfernt vom Ideal. Auch die VR-Church ist nicht unabhängig vom technischen Stand der Virtual Reality.

Für eine verbesserte Gottesdienst-Erfahrung braucht es neben dem spirituellen Fokus eben auch differenzierteres Body-Tracking, Eye-Tracking, bessere Displays und komfortablere Headsets. Die Valve Index (Test) hat nicht zuletzt deshalb meine persönliche VR-Gottesdienst-Erfahrung signifikant verbessert.

Es wirkt vielleicht merkwürdig, beim Besuch von Freunden am Sonntagabend eben mal schnell in einen anderen Raum abzuhauen, um dort mit der Oculus Quest einen kompletten Gottesdienst zu managen. Aber es passt perfekt in unsere Zeit, die nach Flexibilität verlangt.

Über den Autor

Markus Neher arbeitet seit seinem M.A. Abschluss in Geschichte und Philosophie als Geschichtslehrer und promoviert im Bereich Politische Theorie und Erkenntnistheorie.

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