Bei einem Treffen in Valves Hauptquartier durften ausgewählte US-Pressevertreter Valves VR-Brille Index testen. Ich fasse für euch die wichtigsten Eindrücke zusammen.

Valve geht davon aus, dass Virtual Reality für den Massenmarkterfolg drei Voraussetzungen erfüllen muss: Die Hardware muss erschwinglich und leicht zu nutzen sein und eine möglichst hochwertige VR-Erfahrung bieten.

Valve will sich primär um die Qualität kümmern, Mitbewerber sollen die anderen Punkte abdecken. Diese Botschaft dürfte sich an Oculus richten, das derzeit auf Preis und Komfort fokussiert statt Highend-Technologie.

Eine möglichst hochwertige VR-Erfahrung ist laut Valve die Summe einer ganzen Reihe technischer Eigenschaften. Darunter fallen die Auflösung, die Bildwiederholrate, die Pixel-Reaktionszeit, die Sichtfeldweite, die Größe des Schärfebereichs (“Sweet Spot”), die Regulierbarkeit des Augenabstands, die einstellbare Distanz zwischen Auge und Display und die Qualität der Audiolösung. Valve will über diese Eigenschaften hinweg das beste VR-System schaffen.

Gelingt das?

In jeder Hinsicht Highend

Ben Lang von Road to VR war “sehr beeindruckt” vom Index-Erlebnis. Die hohe Bildwiederholrate (bis zu 144 Hertz) und die geringe Pixel-Reaktionszeit (0,33 Millisekunden) sorgten im Zusammenspiel für eine besonders glaubhafte VR-Welt. Das sei ein größerer Pluspunkt als die nur etwas höhere Auflösung, die den Fliegengittereffekt nicht eliminiere.

Das Sichtfeld sei weiter als bei den Vive-Brillen und ein netter Bonus, biete jedoch keinen Wow-Effekt. Lang bemängelt, dass bei Valve Index mehr störende Lichtreflexionen als bei anderen VR-Brillen mit Fresnel-Linsen zu sehen seien, besonders in kontrastreichen Szenen.

Valves einzigartige Off-Ear-Audiolösung – die Kopfhörer hängen vor dem Ohr, anstatt dagegen gedrückt zu werden – sei exzellent und liefere die bislang beste Tonqualität bei einer VR-Brille. Die Lautsprecher seien um Welten besser als bei Oculus Go, Quest und Rift S und überträfen selbst die integrierten Kopfhörer von Oculus Rift. Lautstärke und Bass sollen spitze sein.

Die Index-Brille biete ein tolles Bild und klinge hervorragend, lautet das Fazit des Testers. Sie biete in jeder Hinsicht Highend-Qualität, auch wenn es VR-Brillen mit höherer Auflösung gebe (HP Reverb).

Premium-Brille mit Premium-Preis

Der Tester von Tom’s Hardware ist beeindruckt vom VR-Kino mit Bigscreen, das besonders vom weiteren Sichtfeld profitiere.

Die Lautsprecher könnten so laut werden, dass man die Person neben einem nicht mehr verstehe, und den Nutzer “vollkommen einhüllen”. Auf niedriger Lautstärke könne man Umgebungsgeräusche gut hören. Die Fingererfassung der Index-Controller funktionierte nach einer Kalibrierung “ziemlich gut”.

Index sei eine Premium-Brille mit einem Premium-Preis, biete das beste Raumtracking und die innovativsten Controller. Der hohe Preis und die externen Sensoren dürften jedoch einige Nutzer abschrecken, glaubt der Redakteur. Am Ende sei die Software entscheidend.

Bieten die Index-Controller Mehrwert?

Valve Index sei etwas schwerer als andere PC-VR-Brillen, findet der Tester von Ars Technica. In der kurzen Ausprobierphase sei Valve Index weder besonders unbequem noch bequem gewesen. Etwas Wärme habe sich unter der Brille angesammelt.

Der Redakteur zeigte sich beeindruckt vom vergrößerten Sichtfeld. In einem virtuellen Kino sitzend, konnte er ohne den Kopf zu drehen allein mit Augenbewegungen die gesamte Großleinwand bewundern. Die Schärfe und Lesbarkeit von Texten sei bei Valve Index etwas besser als die Vive Pro.

Der Tester empfand das Bild als noch immer etwas unscharf bei schnellen Kopfdrehungen – trotz der schnellen Pixel-Schaltzeiten.

Die Index-Controller seien insgesamt gut, mit 300 Euro aber recht teuer. Die Handcontroller werden zwar an die Hand geschnallt, man muss sie also nicht aktiv halten, aber völlig ausblenden könne man sie deshalb nicht.

Auch er hatte Probleme mit dem Fingertracking, die nach einer Konfiguration und circa 15 Minuten Training behoben waren. Offenbar müssen die Controller nach jedem Nutzerwechsel neu eingestellt werden.

Insgesamt sei ihm noch nicht klar, welche Vorteile die Index-Controller gegenüber Oculus Touch hätten. Das müsse eigens dafür entwickelte Software zeigen.

Ein großer Qualitätssprung

UploadVR lobt zuallererst, dass man den Augenabstand (IPD) per Regler anpassen kann – anders als bei Oculus Rift S. Der Qualitätssprung bei Bild und Ton sei “gewaltig” im Vergleich zu HTC Vive und Vive Pro.

Die Linsen hätten keinen Fresnel-Schliff und zeigten deshalb keine Lichtblitzer – diese Aussage steht im Widerspruch zu den Beobachtungen von Road to VR (siehe oben). Besonders gefiel dem Tester der große Schärfebereich der Linsen sowie das weitere Sichtfeld. Die zahlreichen Verbesserungen machten das VR-Erlebnis in Summe deutlich besser.

Das Fazit des Testers: Der qualitative Sprung von Vive Pro auf Valve Index sei ähnlich groß wie jener von HTC Vive auf Vive Pro. Valves VR-Brille sei in Sachen Komfort und Qualität beiden Geräten in jeder Hinsicht überlegen.

Hyperbewusst dank 144 Hz

Die höhere Bildwiederholrate und die geringere Pixel-Reaktionszeit von Valve Index verändere die Wahrnehmung der VR-Welt komplett, meint Norman Chan von Tested (siehe Video unten).

Der Redakteur wagt einen interessanten Vergleich: Mit anderen VR-Brillen wirke das VR-Erlebnis, als sei man schläfrig. Mit Index hingegen, als habe man gerade einen Kaffee getrunken.

Chan bezeichnet diesen Zustand als “hyperbewusst”: Die Immersion in der VR-Welt soll von der flüssigen Darstellung deutlich profitieren. Es sei schwierig, zu älterer Technik zurückzukehren.

Die Valve Index biete insgesamt ein schärferes Bild als Vive Pro mit einem minimalen Fliegengittereffekt, komme jedoch in Sachen Auflösung nicht an HP Reverb heran. Unschärfe bei Bewegungen konnte Chan nicht ausmachen.

Die Soundqualität der Lautsprecher sei fantastisch und nicht mit herkömmlichen Kopfhörern vergleichbar: Man habe das Gefühl, man sei von Klang umgeben und stehe in einem Raum. Die Lautstärke sei fast schon zu laut, dennoch könne man die Umgebung noch verstehen.

Verhaltener fällt die Reaktion bei den Index-Controllern aus: Chan ist noch nicht sicher, ob sie Oculus Touch überlegen sind.

Sowohl die VR-Brille als auch die Controller seien noch nicht die nächste VR-Generation, aber ein solides Upgrade auf VR 1.5. Valve Index erfülle die Erwartungen, die Vive Pro vor einem Jahr enttäuscht habe.

Titelbild: Valve, Quellen: Road to VR, Tom’s Hardware, Ars Technica, UploadVR, Tested

Mehr erfahren über Valve Index und andere kommende VR-Brillen:


MIXED-Podcast #150: Valve Index und Apples AR-Augen | Alle Folgen


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