Im April 2018 schrieb ich begeistert über den VR-Kunstfilm “Viens!” (Deutsch: “Komm!”). In einem Online-Artikel gibt der Regisseur Michel Reilhac Einblick in den Entstehungsprozess dieses außergewöhnlichen 360-Grad-Films.

In Viens! kommt der Zuschauer in einem weißen Raum zu sich, in der sich sieben Menschen berühren, küssen und miteinander schlafen. Die Darsteller suchen dabei immer wieder den Augenkontakt, sodass man unweigerlich Teil des sinnlichen Liebesreigens wird.

“Ich wollte ausprobieren, wie die Zuschauer auf diese Art von Verbindung reagieren. Ob sie Scham auslöst oder Unbehagen oder Anziehung”, schreibt Reilhac in einem Artikel bei VRRoom.

Dank der 360-Grad-Perspektive haben die Zuschauer die Wahl, sich auf eine Person oder Paar zu konzentrieren. Wirklich pornografisch wird der Film nicht: Es geht eher um die Darstellung von Sinnlichkeit als den reinen Geschlechtsakt.

Reilhac selbst nennt Viens! ein “tantrisches Gedicht”, das die Grenzen zwischen Geschlechtern und sexuellen Vorlieben verwischt. In dem VR-Film kann jeder mit jedem: die ethnische Herkunft, das Geschlecht und die sexuellen Orientierung spielt keine Rolle.

Waghalsige Experimente in 360-Grad

Dass die Darsteller wie Leute von der Strasse aussehen, ist beabsichtigt. “Es sind nicht Models, sie sind nicht perfekt. Es war sehr wichtig für mich, dass die Zuschauer eine Verbindung herstellen können”, schreibt Reilhac.

Die Darsteller hatten vorher noch nie einen Film gedreht. “Es waren Liebespartner, Freunde oder Freunde von Freunden”, schreibt Reilhac. Proben gab es nicht, dafür konnten sich die Darsteller vorab kennenlernen, indem sie viel Zeit miteinander verbrachten. Ein Drehbuch gab es nicht: “Wir gaben ihnen grobe Richtlinien und dann improvisierten sie und folgten ihren persönlichen Instinkten.”

Um Übelkeit vorzubeugen, achtete der Regisseur darauf, dass sich die Kamera nicht bewegt. In einer Szene macht Reilhac eine Ausnahme: Hier rotiert die Kamera zunächst unmerklich um die eigene Achse – mit einem erstaunlichen perzeptiven Effekt, der Zuschauer um Luft schnappen lässt und sich so in keinem anderen Medium umsetzen ließe.

Eine neue Kunstform

In der visuell beeindruckendsten Szene findet sich der Zuschauer in einem Meer ineinander verschlungener Körper wieder. Sie entstand per Nachbearbeitung im Computer.

Für diese Szene wurde eine Gruppe Körper so lange vervielfältigt, bis sie die gesamte sichtbare Sphäre auskleideten. Die Herausforderung war, visuelle Wiederholungen zu vermeiden. Dies gelang Reilhac zufolge dadurch, dass die Bewegungen der Gruppen unterschiedlich schnell dargestellt wurden.

Virtual Reality ist das sinnlichste aller Medien. Das beweist ein fulminanter 360-Grad-Kunstfilm, der VR-Nutzer zum Mittelpunkt eines tantrischen Liebesspiels macht.

Körper und nichts als Körper. BILD: Michel Reilhac

“Das sind nur einige der Herausforderungen beim Drehen eines VR-Films. Wir sind in einer Frühphase der Kunstform und erforschen die Möglichkeiten des Mediums”, sagt der VR-Filmpionier.

Die Zukunft der Kunstform sieht Reilhac in digitalen Mischrealitäten, bei der die reale Umgebung unter Verwendung digitaler Technik transformiert wird. “Nimm dein Wohnzimmer als Beispiel. Das Gerät scannt und analysiert die Umgebung und macht etwas vollkommen Neues daraus. Wie kann man so eine Erfahrung gestalten? Wie kann man eine Geschichte entwerfen, die sich der Umgebung, in der sie stattfindet, anpasst?”

Der Film ist kostenpflichtig in der App “VRRoom” erhältlich. Die gibt es für Oculus RiftGoGear VR, bei Viveport, im Apple App Storeund im Play Store für Android.

Titelbild: Michel Reilhac

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