Ob 360-Grad-Filme VR sind oder nicht, ist eine müßige Diskussion. Außer Frage steht, dass die Rundumfilme eine Daseinsberechtigung als Kunstform und Zeitdokument haben – und ein Präsenzgefühl vermitteln können. Der neue 360-Grad-Film der renommierten Felix & Paul Studios beweist das.

In “Marshall from Detroit” fährt man in Eminems Gesellschaft durch das nächtliche Detroit und hört den Rapkünstler über seine Anfänge, die örtliche Hiphop-Szene und seine Heimatstadt sprechen. Ebenfalls anwesend ist der US-Journalist Sway Calloway, der direkt neben mir sitzt und Marshall Mathers aka Eminem interviewt. Auf der Rückbank des Wagens ist es eng, was die Plastizität und den intimen Charakter der Szene steigert.

Zugegeben: Ich bin kein Eminem-Fan und höre nur gelegentlich Rapmusik. Mein Interesse am Thema hielt sich in Grenzen.

Dennoch hat mich der 360-Grad-Film begeistert. Der Grund: Ich habe ihn eher als Porträt einer Stadt und weniger als das Porträt des Menschen hinter Eminem gesehen.

Marshall Mathers liebt die Stadt, in der er seine Jugend verbrachte und seine Karriere startete. Seine Gefühle sind echt, sie werden aber erst durch den Film nachvollziehbar, genauer: durch die Art und Weise, wie die Stadt gezeigt wird.

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Eminems Wagen fährt durch eine Seitengasse. BILD: Felix & Paul Studios

Der dokumentarische Charakter von 360-Grad-Filmen

Marshall from Detroit beeindruckt durch eine Reihe Szenen, die einem das VR-eigene Versprechen der Präsenz in Erinnerung rufen: wenn man im Schneegestöber die Straßen Detroits entlangfährt, sich in einer schummrigen Seitengasse wiederfindet oder vom Dach eines Wolkenkratzers auf die vor Leben pulsierende Stadt hinabblickt.

Dem computeranimierten VR-Film gehört die Zukunft, weil man sich in ihm aus eigener Kraft bewegen und mit der virtuellen Welt interagieren kann. Aber den Schmutz, den Detailreichtum und das Rauschen der realen Welt, die in der 360-Grad-Version Detroits eine exemplarische Gestalt gewinnt, wird ein VR-Animationsfilm niemals einfangen können.

Als Untergattung des Realfilms speichern 360-Grad-Filme den Raum und die Zeit, in der sie aufgenommen wurden, in einer Momentaufnahme. So erschaffen sie ein lebendiges Zeitdokument. Marshall from Detroit zeigt das von Armut und wirtschaftlichem Niedergang geprägte Detroit, aber auch eine neue, aufstrebende Version der Stadt.

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Der Film zeigt eindrucksvolle Orte Detroits. BILD: Felix & Paul Studios

Neue Ausdrucksformen

Virtual Reality ist ein Raummedium und kommt erst durch Bewegung voll zur Geltung. Bei Kamerafahrten ist Marshall from Detroit die bislang bewegungsfreudigste aller Felix-&-Paul-Produktionen.

So ist man die meiste Zeit mit einem Wagen unterwegs: Man sieht die Stadt von der Rückbank aus durchs Fensterglas vorbeiziehen oder beobachtet das nächtliche Treiben vom Dach des Wagens aus. In Bewegung wirkt die Stadt weitaus plastischer und realer.

Die Felix & Paul Studios sind für ihre Experimentierfreudigkeit bekannt. In Marshall from Detroit versuchen sie erneut, die Sprache des 360-Grad-Films weiterzuentwickeln: Sie spielen mit Vorhängen, hinter denen sich nach und nach der Raum öffnet und den Blick auf eindrucksvolle Schauplätze freigibt oder mit Szenen, in denen außer Schutt und kahlen Räumen nichts weiter zu sehen ist.

Damit lenken sie die Aufmerksamkeit vom Inhalt auf die Form: Da nichts Besonderes zu sehen ist, wird man sich als Zuschauer der eigenen Anwesenheit bewusst. Das Ergebnis: Das Gefühl der Präsenz wird verstärkt.

Marshall from Detroit ist kostenlos im Oculus Store für Oculus Rift sowie Oculus Go und Samsung Gear VR erhältlich.

Titelbild: Felix & Paul Studios

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