Nreal Light im Vorabtest: AR-Brille für den Massenmarkt?

Nreal Light im Vorabtest: AR-Brille für den Massenmarkt?

Gemeinsam mit der Telekom will Nreal in Deutschland durchstarten. Ich konnte eine noch in Entwicklung befindliche Version der AR-Brille für einige Tage testen. Ist die AR-Brille so vielversprechend, wie es YouTube-Trailer vermuten lassen?

Direkt beim Auspacken fällt mir auf: Das chinesische Unternehmen Nreal hat mit der Light-Brille ein für AR-Verhältnisse schönes Gerät geschaffen. Wer AR-Helme und -Skibrillen wie Hololens 2 und Magic Leap 1 kennt, wird überrascht sein, wie schlank die Nreal-Brille ist. Wären da nicht das Kabel und die beiden gut sichtbaren Kameras, die oberhalb der Gläser in einem breiten schwarzen Balken eingelassen sind, würde man nicht vermuten, dass es sich um eine Tech-Brille handelt.

So nah am Sonnenbrillenformfaktor war noch kein anderer AR-Brillenhersteller: Die beiden Kameras in den Gläsern und das USB-C-Kabel sind der deutlichste Hinweis. | Bild: MIXED

So nah am Sonnenbrillenformfaktor war noch kein anderer AR-Brillenhersteller: Die beiden Kameras in den Gläsern und das USB-C-Kabel sind der deutlichste Hinweis auf Technologie. | Bild: MIXED

Mit rund 88 Gramm ist die Light-Brille angenehm leicht. Als Nicht-Brillenträger ist das erste Aufsetzen für mich dennoch gewöhnungsbedürftig: Die dicken seitlichen Bügel wollen nicht so recht hinter meine Ohren passen. Deshalb sitzt die Brille eher wackelig auf meiner Nase. Sie fällt zwar nicht herunter, aber bei einem Spaziergang würde ich sie nicht tragen.

Dass die Bügel der Light-Brille etwas breiter sind, liegt auch am darin verlegten USB-C-Kabel. Über dieses Kabel wird die Brille mit einem schnellen Smartphone verbunden, in meinem Fall ein OnePlus 8 mit Snapdragon 865 und 5G-Modem. Das Smartphone rendert die 3D-Bilder, die über die Brillenlinsen in die Umgebung projiziert werden.

AR-Apps: Die Frühphase des Holo-TVs

Ist das Smartphone über das Kabel mit der Brille verbunden, startet die Brille automatisch ihr Programm: Ein kurzer Ladescreen und ich stehe vor Nreals 3D-Betriebssystem Nebula.

Zwei App-Kategorien stehen zur Auswahl: In den Raum projizierte Augmented-Reality-Apps (Nreal nennt sie „Mixed-Reality-Apps“) mit 3D-Grafik und Raumtracking sowie einige typische Android-Apps wie Google Chrome, Google Maps oder YouTube. Letztere erscheinen mit Nebula-Nutzerinterface auf einem digitalen 2D-Screen. Alternativ bietet Nreal noch einen Spiegelmodus, bei dem das Smartphone-Bild 1:1 auf einem digitalen, im Raum schwebenden Screen angezeigt wird.

Starten wir mit den technisch anspruchsvolleren Augmented-Reality-Apps: Eine App lässt mich eine Drachenhöhle entdecken, die sich über rund zwei Quadratmeter über meinen Fußboden erstreckt und die ich, wie mit einer VR-Brille, umlaufen und meinen Kopf hineinstecken kann. Der Drache verlässt seine Höhle zwischendurch und schwingt sich in die Lüfte zu einem Rundflug durch meine Wohnung – eindrucksvoll.

Allerdings zeigt die Demonstration auch die größte Schwachstelle der Nreal-Brille: Die Sichtfeldweite von 52 Grad ist für eine AR-Brille zwar ordentlich, aber noch nicht weit genug, damit die Drachenhöhle mein natürliches Sichtfeld ansatzweise ausfüllt. Je näher ich an die Höhle herantrete, desto stärker werden die Bildränder beschnitten (das Video oben zeigt das nicht) und ich habe eher das Gefühl, einen Bildschirm vor den Augen zu betrachten als ein 3D-Hologramm im Raum.

Der Bildschirm-Effekt verschwindet, sobald der kleine Drache zum Rundflug ansetzt und sich dabei von mir entfernt: Sobald er komplett ins Brillensichtfeld passt, stellt sich das Hologramm-Gefühl ein, wie man es aus Sci-Fi-Filmen kennt.

Die Realität spielt (noch) keine Rolle

Schade ist, dass die Nreal-Brille bei der AR-Projektion die reale Umgebung nur ansatzweise berücksichtigt. Die Drachenhöhle sitzt war korrekt auf dem realen Zimmerboden, aber der Drache selbst gleitet ignorant durch Zimmerwände und Möbel hindurch.

Nreal will hier noch per Software-Update nachbessern: Die in der Brille integrierten Stereokameras sollten in der Lage sein, zumindest ein rudimentäres 3D-Modell der Umgebung zu erstellen, sodass der Drache realen Hindernissen ausweichen könnte. Die Herausforderung ist hier eher die Software.

Visuell aufwendig und eindrucksvoll ist die „Tagesschau 2025“ mit einer volumetrisch gefilmten Nachrichtensprecherin, die unter anderem ein vollständig animiertes Sonnensystem erklärt – inklusive Planeten, die durch meine Wohnung sausen. Das Projekt wurde ursprünglich als Tablet-AR-Demo für die IFA 2019 entwickelt und für die Nreal-Brille angepasst.

Ähnlich wie bei der Drachendemo lenkt auch hier das eingeschränkte Sichtfeld von der Holo-Illusion ab: Selbst wenn ich rund drei Meter von der Projektion entfernt bin, sehe ich nur einen Ausschnitt der Szene.

Das Video demonstriert den Inhalt und die grafische Qualität der App passend, aber nicht das tatsächliche Seherlebnis: Die AR-Projektion ist bei der Sehentfernung der Dame im Video nicht vollständig im Blickfeld. Sie dürfte ungefähr den Oberkörper der Nachrichtensprecherin und einen Teil der Animation sehen.

Trotz der Sichtfeldthematik verschaffen die AR-Demos einen ersten Eindruck davon, wie eine AR-Brille als eine Art Holo-TV eines Tages ganze Räume mit Bildern füllen könnte. Bis dahin braucht es in Sachen AR-Displaytechnologie allerdings noch grundlegende Fortschritte beim digitalen Sichtfeld. In unserem MIXED.de Podcast #223 sprechen wir ausführlich über den Stand der Dinge bei AR- und VR-Optik.

Das Potenzial digitaler Screens

Die vorinstallierten AR-Apps sind eher als visuelle Experimente zu verstehen, einen wirklichen Mehrwert bieten sie nicht. Die gezeigten Szenarien sind in VR besser aufgehoben.

Ein sinnvoller Produktiveinsatz rückt näher, als ich 2D-Android-Apps auf digitale Screens in den Raum projiziere: Ein YouTube-Video kann ich beispielsweise bequem in TV-Bildgröße an jeder Stelle meiner Wohnung schauen. Mit einem digitalen Laserpointer, den ich mit dem Smartphone lenke, positioniere ich die digitalen Screens frei im Raum und stelle die Größe ein.

Hinweis: Das folgende Video wurde mit der Aufnahmefunktion der Nreal-Software aufgezeichnet und dient ausschließlich der Veranschaulichung des Interface. Die Aufnahmefunktion läuft mit reduzierter Bildwiederholrate und – qualität. Tatsächlich ist das Bild hochauflösend und die Bildwiederholrate hoch, die Menüs laufen flüssig.

Auch hier achte ich darauf, dass der digitale Bildschirm weit genug weg ist, damit er in das Sichtfeld der Brille passt. Sonst müsste ich beim Video-Schauen den Kopf ständig drehen, um das Bild vollständig zu sehen.

Auf eine Distanz von knapp drei Metern passt im AR-Modus ein digitales YouTube-Display von geschätzt circa 40 Zoll noch gut in mein Sichtfeld. Nreal nennt eine digitale Display-Größe von bis zu 70 Zoll, allerdings ohne Angabe zur Sehdistanz.

Betreibe ich die Brille im Mirror-Mode, in dem die Brille wie ein TV für das Smartphone funktioniert, und schaue dann ein YouTube-Video im Vollbildmodus, ist eine Bilddiagonale zwischen 60 und 70 Zoll auf circa zwei bis drei Meter Abstand realistisch. Als reine Videobrille taugt Nreal Light also durchaus und ist im Unterschied zu einer VR-Brille vergleichsweise bequem und alltagstauglich für den Einsatz im Zug oder Flugzeug.

Multi-Screen-Erlebnis ohne Multi-Screens

Das 3D-Betriebssystem Nebula ermöglicht es, mehrere digitale Screens nebeneinander zu stellen. So  kann ich mir ein optimales Screen-Setup zusammenstellen und bin nicht auf physische Monitore angewiesen. Das spart Raum und Geld. Das folgende Video zeigt Nebula mit verschiedenen Nreal-Apps im Einsatz.

Beispielsweise könnte man eine Sportveranstaltung auf einem digitalen Hauptscreen schauen und auf einem zweiten Digitalscreen daneben Statistiken einblenden – auch in Kombination mit 3D-Visualisierungen. Das Zusatzscreen-Prinzip wäre auch mit dem klassischen TV-Bild kombinierbar: Die Übertragung läuft für alle sichtbar auf dem normalen Display, der Brillenträger sieht digitale Zusatzinformationen im Raum, die er ansonsten vielleicht auf dem Smartphone recherchieren würde.

Allerdings: Wer YouTube, Filme und Serien gerne in Gesellschaft schaut, wird mit dem Solo-Blick durch das Brillenglas derzeit nicht glücklich. Theoretisch ist es möglich, dass mehrere Brillenträger gemeinsam auf dasselbe Digitalbild schauen. Natürlich braucht es dafür mehrere Brillen.

AR-Brillen 2021: Das größte Potenzial liegt bei der Arbeit

Für mich sind Digital-Screens im Büro besonders interessant. Deshalb versuchte ich, neben meinem physischen Monitor einen zweiten Digital-Screen zu platzieren – das funktionierte schon ganz gut.

Die AR-Brille könnte die Screen-Fläche des herkömmlichen Monitors digital flexibel erweitern, indem man AR-Anzeigen hinter oder neben dem Bildschirm platziert. Auf dem Bild sieht man, wie ich mir den Nebula App-Drawer hinter meinen normalen Monitor projiziere. Ein digital erweitertes Büro mit Monitor und AR-Brille kann ich mir gut vorstellen.

Die AR-Brille könnte die Screen-Fläche des herkömmlichen Monitors digital flexibel erweitern, indem man AR-Anzeigen hinter oder neben dem Bildschirm platziert. Auf dem Bild sieht man, wie ich mir den Nebula App-Drawer hinter meinen normalen Monitor projiziere. Ein digital erweitertes Büro mit Monitor und AR-Brille kann ich mir zeitnah gut vorstellen. | Bild: MIXED

Durch die leicht abgedunkelten Brillengläser kann ich normal auf den Monitor schauen und arbeiten. Schaue ich ein wenig nach oben, sehe ich den Digital-Screen mit weiteren Informationen. Der Bedienkomfort ist noch nicht da, wo er für den Alltagseinsatz sein müsste, aber hier ist ein sinnvolles Einsatzszenario absehbar.

Hier habe ich mir ein digitales Browser-Fenster mit YT-Video neben meinen physischen Monitor mit geöffnetem Browser-Fenster platziert. Was Nreal derzeit noch fehlt, ist eine Multi-Monitor-App, die das Potenzial der digitalen Screens ausreizt. Das Bild wurde mit den Kameras in der Brille geschossen, die Auflösung durch die Gläser ist deutlich höher. | Bild: MIXED

Optik: Kräftige Farben, scharfe Schrift

Abseits der Sichtfeldeinschränkung überzeugt die Bildqualität der Nreal-Brille: Sitzt sie einmal korrekt auf der Nase – unterschiedliche Nasenbügel helfen bei der Ausrichtung – sind die Farben hell und kräftig und Schrift ist gut lesbar.

Speziell bei Filmen fällt nur in dunklen Szenen auf, dass die projizierten Digital-Screens technisch bedingt transparent sind. Bei hellen, farbenfrohen Bildern habe ich mitunter das Gefühl, auf einen echten Monitor zu schauen. Nreals eigene Demovideos geben die Bildqualität authentisch wieder.

Das Raumtracking über die beiden integrierten Kameras war bei meinem Test solide, teilweise sogar erstaunlich stabil. Digitale Screens blieben an Ort und Stelle, auch wenn ich mich schnell um 360-Grad drehte oder kurz den Raum verließ und zurückkehrte. Die Trackingqualität kann allerdings je nach Umgebung und Licht schwanken.

Mitunter kommt es zu leichtem Zittern bei digitalen Objekten, aber auch hier hat Nreal noch Gelegenheit, bis zum Deutschlandstart mit Software-Updates nachzubessern. Im Vergleich zum Tracking einer Hololens-Brille muss sich Nreal jedenfalls nicht verstecken, vor allem wenn man bedenkt, dass die Brille deutlich weniger Sensorik hat und viel günstiger ist.

Nreal Light ist solide verarbeitet und beim Design schlägt sie ohnehin alle derzeit verfügbaren Geräte in ihrer Klasse. Bei längerer Nutzung grafisch aufwendigerer 3D-Apps wird die AR-Brille ein wenig warm auf der Nase, das Smartphone in der Hand ebenso, was mich aber nicht weiter störte.

Die Qualität der 3D-Grafik ist auf gutem Smartphone-Niveau, wird aber von den vorhandenen Apps sicher noch nicht ausgereizt, schaut man sich beispielsweise an, was auf einer Oculus Quest 1 mit deutlich langsamerem Prozessor im Vergleich zum Snapdragon 865 technisch alles möglich ist.

Blick durch die LInse der Nreal-Brille: Sie dunkelt die Umgebung ähnlich wie eine Sonnenbrille leicht ab. Das fördert den Kontrast und damit die Bildqualität bei den projizierten Bildern. | Bild: MIXED

Blick durch die Linsen der Nreal-Brille: Sie dunkelt die Umgebung ähnlich wie eine Sonnenbrille etwas ab. Das fördert den Kontrast und damit die Bildqualität bei den projizierten Bildern. | Bild: MIXED

Zwischenfazit: AR-Brillen für jedermann – zuerst im Büro?

Nreal Light ist eine vielversprechende AR-Brille, aber noch immer eher experimentell. Dass der chinesische Hersteller bessere Technik als bei Hololens 1 für deutlich weniger Geld und in einem stylishen Formfaktor anbietet, ist beeindruckend. Microsofts erste AR-Brille kostete mehrere tausend Euro, Nreal Light dürfte sich bei circa 500 Euro einpendeln, benötigt allerdings zusätzlich ein Highend-Smartphone als Zuspieler.

Bei den von mir getesteten AR-Apps wird der Mehrwert noch nicht deutlich: Sie sind zwar technisch teilweise eindrucksvoll, letztlich wird das 3D-Erlebnis aber vom engen Sichtfeld der Brille beschränkt. Die gezeigten Apps würden in VR und mit größerem Sichtfeld sowie mehr Interaktionsmöglichkeiten besser funktionieren, auch wenn man dann visuell die eigene Umgebung verlässt.

Als Monitorersatz oder -erweiterung mit digitalen Screens finde ich Nreal Light deutlich interessanter, denn bei der PC-Arbeit ist zusätzliche Screen-Fläche immer nützlich: Die Skalierbarkeit und Flexibilität von AR-Displays bietet ein rein physischer Arbeitsplatz nicht.

Hier wünsche ich mir Verbesserungen beim Bedienkomfort und den Positionierungsmöglichkeiten der digitalen Screens: Näher dran am eigenen Auge, mit frei skalierbaren Größen und mit einer Schnittstelle, die die Arbeit am Desktop-PC fließend mit AR-Displays erweitert. Ein direkter PC-Anschluss der Light-Brille ist seitens Nreal vorgesehen, testen konnte ich ihn leider noch nicht.

Wenn all das technisch umgesetzt werden kann, könnte ich mir vorstellen, dass viele von uns in der Zukunft mit Zusatzbrille vor dem Monitor sitzen – oder dass der klassische Monitor eines Tages vielleicht sogar ganz ausgedient hat. Dass die Brille zusätzlich 3D-Elemente räumlich darstellen kann, würde das Internet um eine weitere Darstellungsform bereichern, zum Beispiel beim Produkt-Shopping in Online-Läden oder beim Design.

Update (April 2021): Die Telekom hat den Verkauf der Nreal-Light in Deutschland gestartet.

Zuletzt aktualisiert am 27. November: Information zur digitalen Display-Größe ergänzt, Screenshot hinzugefügt.


Hinweis: Die Nreal Light-Brille wurde uns von der Deutschen Telekom zur Verfügung gestellt. Die Telekom und Nreal sind eine Technologiepartnerschaft eingegangen, um Mixed Reality in den Massenmarkt zu bringen. Die Telekom arbeitet mit Partnern in einem Entwicklerprogramm an nützlichen AR-Apps für Nreal Light. Mehr über die Mixed-Reality-Strategie der Telekom erfahrt ihr im verlinkten Interview.