KOMMENTAR

Marketingmasche Metaverse: Keine Chance auf echtes Metaverse

Marketingmasche Metaverse: Keine Chance auf echtes Metaverse

Meta proklamiert das Metaverse-Zeitalter. Doch für ein echtes Metaverse ist der Mensch nicht bereit.

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Da haben wir unser neues Buzzword: Metaverse. Dank Meta, Ex-Facebook, kommt dieser Begriff im öffentlichen Diskurs an, noch lange bevor weniger Tech-affine Menschen überhaupt eine VR-, geschweige denn AR-Brille auf der eigenen Nase hatten. Natürlich springt bei einem neuen, möglicherweise lukrativen Marketingbegriff jedes Unternehmen mit Finger am Internet-Puls direkt drauf an.

Dazu kommt eine Meinungsflut von Autor:innen aller möglichen großen und kleinen Zeitungen, Magazine, Fernsehstationen, natürlich YouTube, ja, und endlich auch von MIXED! Darunter sind viele, deren Vorstellungen vom Metaverse – so kommt es mir vor – aus dem Konsum von Ready Player One resultieren.

Unverständnis beim Metaverse: Das ist keine alternative Realität

Dabei kann und darf die Oasis keinesfalls als Vision eines Metaverse herhalten. Die Definition des Metaverse als alternative Realität halte ich für falsch. Meta bedeutet „in Bildungen mit Substantiven, dass sich etwas auf einer höheren Stufe, Ebene befindet, darüber eingeordnet ist oder hinter etwas steht.“ (Duden) Das bedeutet, dass eine Verbindung zu etwas Bestehendem da sein muss. Das Metaversum kann ohne die Realität, das reale Universum, nicht existieren. Es ist keine alternative Realität, in die ich hinein- oder hinaustrete. Das Metaverse muss stattdessen als Erweiterung der Realität verstanden werden.

In Marketingabteilungen fehlt die Vision, um ein Metaversum so zu denken, dass es die Menschheit voranbringt – und nicht nur ein einzelnes Unternehmen. Diese Vision fehlt auch bei Tech-Nerds großflächig. Stattdessen werden wir verschiedene Metaversen bekommen, ganz nach Vorbild des heutigen Internets: Google beherrscht die Suche und die Werbung, Facebook ist King in Social Media, Microsoft ist Gott über Produktiv-Apps und PCs, Apple hat sein eigenes Smartphone-Weltreich.

Das proklamierte Metaverse wird ein ebenso fragmentiertes Gebilde aus unterschiedlichen Konzern-Netzwerken, nur halt mit neuen Technologien: Virtual Reality und Augmented Reality, ein bisschen Smart Tech und vielfach als Künstliche Intelligenz glorifizierte Software, die kaum mehr ist als ein paar IF-THEN-Codezeilen.

Wem gehört das Metaverse?

Das zugrundeliegende Problem dieser stetigen Kurzsichtigkeit ist seit Anbeginn der Menschheit gleich: Die Gier des Homo Sapiens verhindert, dass Technologie nachhaltig und in der Breite zum Wohle des Menschen eingesetzt wird. Diese Gier ist es, die aus Tech-Unternehmen geldgeile Kleingeister macht. Daten sind das neue Gold und wer mehr Daten hat, macht mehr Geld. Unter diesen Aspekt wird absolut jeder echte Fortschritt komprimiert, zerdrückt und bis zum Stillstand verschandelt.

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Metas Jason Rubin ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie schnödes Konkurrenzdenken und finanzielles Machtstreben das wahre Potenzial eines echten Metaverse im Keim ersticken. Laut Rubin sollen Menschen das Meta-Metaverse nur noch für Grundbedürfnisse verlassen müssen, ansonsten aber ihr gesamtes Arbeiten und Leben darin verbringen, bis hin zum Heiraten. „Das erste Metaversum, das sich wirklich durchsetzt, wird wahrscheinlich auch das letzte sein“, schrieb Rubin. „Wir müssen zuerst handeln und groß rauskommen, oder wir riskieren, einer dieser Möchtegerns zu sein.“ Eine solche Welt ist eine Dystopie, in der sich keiner mehr um die Realität sorgen muss: Draußen kann alles in Trümmern liegen, solange ich nur in der alternativen Realität nichts davon merke.

Die Vorstellungskraft beschränkt sich auf den eigenen Vorteils-Horizont

Meta handelt jetzt zuerst und obwohl ich die Vision, die Zuckerberg auf der Facebook Connect 2021 vorstellte, grundsätzlich großartig finde, bin ich immer wieder erstaunt, wie wenig progressiv das Ganze im gesellschaftlichen Sinne ist. Klar, es bezieht irgendwie den Klimaschutz ein, es hat soziale Vorteile, die Welt rückt noch näher zusammen und es eröffnet theoretisch neue Möglichkeiten für Menschen, die in der Realität kaum Optionen haben – etwa Künstler:innen.

Doch ist das alles, was wir fähig sind, uns vorzustellen? Sitzen wir der neuen Marketingmasche Metaverse auf und akzeptieren die Umfirmierung von 3D-Spielwelten oder Teams-Meetings zum Metaverse? Ist unser Horizont so begrenzt, dass sich die Vorstellung einer digitalen Zukunft auf Gaming-Mutationen beschränkt?

Die Antwort lautet leider: Ja. Selbst Tech-Nerds, die sich leidenschaftlich mit VR, AR und KI auseinandersetzen, kommen immer wieder mit Ready Player One, wenn vom ultimativen Ziel, vom Metaverse geredet wird. Diese Unfähigkeit, über Pop-Kultur-Hits hinauszudenken und den Menschen in seiner Realität in den Mittelpunkt zu stellen – nicht nur für konzernzentriertes Marketing –, verhindert ein echtes Metaverse. Wie sähe das überhaupt aus, ein human-zentriertes Metaverse?

Echtes Metaverse: Eine neue Dimension der Realität

Das echte Metaverse ist kein Ersatz für die Realität, wie sie Rubin skizziert. Ready Player One-Welten sind möglicherweise ein Teil dessen, aber das Ziel kann es nur sein, Digitales mit der Realität auf möglichst nahtlose und hilfreiche Weise zu verschmelzen. Digitales muss in die Realität integriert werden und unser echtes, physisches Leben um eine Dimension erweitern – nicht anders.

Im echten Metaverse ist das Netz nicht mehr in einen Smartphone- oder PC-Bildschirm eingesperrt, sondern um uns herum und wird alltäglich über AR-Geräte wahrgenommen und mittels VR-Geräten bereist. Information, Kunst und Kultur werden interaktiv in unsere Umgebung eingebunden, sodass wir intuitiv und natürlich damit umgehen können.

Wir arbeiten nicht mehr nur im Home Office, sondern können jederzeit innerhalb von Sekunden von Zuhause aus als Avatar ins Büro gehen, wo wir genauso gesehen werden, als wären wir real – nur mit anderen, virtuellen Klamotten, Frisuren, Accessoires. Wir nehmen als Avatare an Kongressen, Messen, Konzerten und Demonstrationen teil, die wir sonst nicht besucht hätten oder diskutieren mit Politiker:innen bei Bürgersprechstunden – von zu Hause aus, wenn wir nicht vor Ort sind.

Wir gehen mit Freund:innen in New York gemeinsam in eine Bar und lernen neue Leute kennen. In Städten fahren keine Privatautos mehr, sondern autonome und klimafreundliche Taxis sorgen für reibungslosen Verkehr, verfügbar für jeden innerhalb von wenigen Minuten von nahezu jeder Position – dank einer voll auf (Energie-) Effizienz ausgelegten KI-Steuerung der Smart City.

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Gründe für das Scheitern #1: Die (A)Sozial-Gesellschaft

Einiges davon klingt, wie von Mark Zuckerberg vorgestellt. Aber denkt der Meta-Chef wirklich an eine andere XR-Zukunft, als die von Rubin postulierte, abgeschottete One-Facebook-World? Ist der Typ, der für den Hass-fördernden Algorithmus bei Facebook verantwortlich zeichnet, auch der Tech-Messias, der unsere Welt zugänglicher, einfacher, größer und besser macht? Oder wird es am Ende doch wieder darauf hinauslaufen, dass wir zwischen fragmentierten Konzern-Metaversen und ihren Eigeninteressen hin und her hüpfen?

Wir sind trotz exponentiell zunehmender Krisen nicht in der Lage, erneuerbare Energien in einem Maße zu fördern, dass eine stabile Zukunft wahrscheinlich wäre. Wir lassen 2021 weiter Wälder roden, um Kohle zu fördern. Wir parken unsere Städte mit immer größeren Autos zu und unsere Politiker fliegen 20-Minuten-Strecken mit dem Flugzeug. Wir sehen in unserem Nachbarn einen Feind, behandeln Frauen wie Dreck, bescheißen Partner und den Staat, bezweifeln offen die Wissenschaft und verhalten uns auf jede erdenkliche Weise asozial: vom Kippen auf den Gehweg schnippen bis hin zur Verweigerung von Impfungen, die uns und unsere Mitmenschen schützen. Und wir haben es bis heute nicht geschafft, Gewalt in der Gesellschaft zu ächten.

Das echte Metaverse wird es aber schon allein deshalb nicht geben, weil es offen sein müsste, wie es die Idee des Internets mal war, bevor das Silicon Valley es unter sich aufteilte. Es müsste progressiv sein. Es müsste dazu angelegt sein, jeden Menschen nahtlos partizipieren zu lassen. Es müsste die reale Welt in der digitalen Welt verfügbar machen, was einen anderen Umgang mit dem öffentlichen Raum erfordern würde: Abermillionen Kameras oder regelmäßige 3D-Vermessung der Welt, damit ich unter der VR-Brille am Buckingham Palace vorbeiflanieren könnte, in Echtzeit, neben all jenen, die physisch dort sind.

Wer kann das wollen, wenn immer mehr Rassismus, Hass, Korruption in unseren Regierungen an der Tagesordnung ist, Faschisten in Land- und Bundestagen sitzen, die Menschen sich immer mehr radikalisieren und unverhohlen totalitäre Regimes oder Desinformationskampagnen sogar innerhalb von ursprünglich mal weltoffenen Projekten wie der Europäischen Union für Destabilisierung sorgen? Gruß an die Brexiter: Wie ist euch das Leben außerhalb bisher bekommen?

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Gründe für das Scheitern #2: Digitalisierung, lol

Dabei reiße ich bislang nur soziale Aspekte oberflächlich an. Aufseiten der Technologie sieht es ebenfalls zappenduster aus. Wir schaffen es kaum oder nur nach endlos vielen Jahren, uns auf Standards zu eignen, etwa Ladebuchsen für Smartphones, Elektroauto-Ladestationen, VR-Standards, einen digitalen Personalausweis und vieles mehr. Wir schaffen es nicht, innerhalb von zwei Jahren die Verbreitung einer Pandemie sinnvoll zu tracken und einzudämmen.

Unsere Behörden arbeiten 2021 immer noch mit Papierformularen, drucken Vorgänge aus, verschicken Briefe, nutzen Faxgeräte und übertragen digitale Informationen in Papierakten. Unser ÖPNV wird immer teurer bei sinkendem Service – manch ein Beförderungsunternehmen bietet heute Ticket-Apps an, die kaum bedienbar sind. Breitband-Internet ist für viele Menschen ein kaum erreichbarer Traum. Verlage und Redaktionen kleben an ihren Print-Traditionen wie der Unrat am Stiefel.

Unsere Bildung ist immer noch analog: In der Schule meiner Kids bricht das WLAN zusammen, sobald sich fünf Leute gleichzeitig einloggen. Dort gibt es einmal in der Woche Computerstunde in einem Computerraum. 1995, als ich noch zur Schule ging, hatte ich das schon: Einen Computerraum, in dem Textverarbeitung gelehrt wurde. Der einzige Unterschied: Heute sind die PCs etwas leistungsfähiger, die in dem selten zugänglichen Raum herumstehen.

Medienkompetenz? Wird nicht gelehrt, weil Politik, Schulen und Institutionen der Digitalisierung Jahrzehnte hinterherhinken. Wenn sich ausnahmsweise einmal Deepfakes in eine politische Diskussion verirren, sind bereits tausende Frauen jahrelang mit Deepfake-Pornos geschädigt worden.

Das Digitalisierungsversagen nur auf Institutionen oder den Staat zu schieben ist allerdings zu kurz, zu reaktionär und zu einfach gedacht. Denn in der Breite ist der Unwille, etwas Neues zuzulassen, sich zu verändern, vorherrschend. „Das haben wir immer schon gemacht, wenn wir das ändern, OhGottogott“, schallt es durch Büros und Chefetagen, durch Bundestag und Landtag, über den Stammtisch und von der heimischen Couch.

Die Metaverse-Idee heute: Marketing-Bullshit par excellence

Nein, das Metaverse von Meta, Microsoft & Co. ist ein reines Marketing-Märchen. Natürlich werden wir verschiedene sogenannte Metaversen erleben: eingeschränkte Varianten, Prototypen, teure Premium-Experiences. Der fragmentierte Markt wird bleiben, das gewohnt fette Konglomerat aus undurchsichtigen Zielen und Eigeninteressen wird exakt so beibehalten wie wir es gelernt haben: Wachstum über alles und wer hat, dem wird gegeben.

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Ein echtes Metaverse, eine flächendeckend nahtlose Verschmelzung von Digitalität und Realität wird es nicht geben, denn der Mensch ist nicht in der Lage, über seinen eigenen kleinen Vorteils-Horizont hinauszuschauen. Es würde Umdenken erfordern, Zusammenarbeit, Hintanstellen von Profitdenken und ein gemeinsames Ziel: jedes einzelne menschliche Leben lebenswerter zu machen. Das schaffen wir nicht mal angesichts einer Pandemie oder zunehmenden Klimaproblemen, die sich heute schon direkt und schweineteuer auf uns auswirken. Wartet nur mal die nächste Heizkostenrechnung ab.

So bleibt die Zuckerberg-Vision nicht mehr als das: eine nette Idee zwar, in jedem Fall aber nur der nächste große Marketing-Clou. Jedes einzelne Unternehmen wird künftig das Metaverse auf ihre Webseiten und Verpackungen kleben – und sei es nur, weil die neue Smartphone-App den neuesten KI-Filter mit lustigen Hüten und Bärten für Selfies bietet oder eine Videofunktion dabei ist.

Es ist lupenreines Marketing: Es sieht genauso aus wie immer. Es riecht wie immer. Es profitieren die gleichen Leute wie immer. Es heißt nur anders.