Ein Psychologie-Professor zeigt, wie VR gegen Einsamkeit und Isolation während des Lockdowns helfen kann. Wie sieht seine VR-Therapie aus?

Psychologie-Professor Giuseppe Riva von der Mailänder Universität veröffentlichte schon im Mai dieses Jahres einen Artikel zu seinen Forschungen in der Cyberpsychologie. Angesichts der derzeitigen Situation ist seine Arbeit aktueller denn je.

Er beschreibt darin, wie Virtual Reality (Guide) helfen kann, die psychische Belastung eines Lockdowns abzufangen.

Die drei psychologischen Dilemmas während eines Lockdowns

Riva nennt drei psychologische Dilemmas, mit denen wir in einer Quarantäne kämpfen müssen: Stress durch die bedrohliche Krankheit, das “Verschwinden” von Orten, die wir aufgrund von Restriktionen nicht mehr aufsuchen können und ein verblassendes Gemeinschaftsgefühl.

Der Stress durch die Krankheit kommt mit der Angst vor ihren Risiken. Einer Bedrohung wie dieser würden Menschen normalerweise mit Angriff oder Verteidigung begegnen. Weder das eine noch das andere ist im Falle der Pandemie eine Option. Also verfallen wir zunehmend in einen Wartezustand für eine Lösung, die nicht kommt.

Angst und Hilflosigkeit werden von einem kontinuierlichen Fluss aus widersprüchlichen Information aus den (sozialen) Medien zusätzlich angeheizt. Dazu kommt, dass während einer Quarantäne Orte aus unserem Leben verschwinden, die wir vorher regelmäßig aufgesucht haben.

Der Mensch definiert sich selbst unter anderem durch Erinnerungen an andere Menschen und Ereignisse. Studierende besuchen die Uni, Berufstätige gehen zur Firma, Fans jubeln im Stadion. Alle diese Plätze verschwinden auf einen Schlag aus unserem Leben.

Eine direkte Konsequenz daraus ist die Krise, die durch ein entzogenes Gemeinschaftsgefühl entsteht. Gemeinschaften wachsen an bestimmten Orten. Verschwinden diese Orte, geht der Gemeinschaftssinn verloren. Es wird schwieriger, Kontakt zu den Menschen aufzunehmen, die wir sonst in Kneipen, Büros oder Schulen treffen würden. Beziehungen schlafen ein oder gehen kaputt.

So soll Virtual Reality gegen die Isolation helfen

In Virtual Reality sieht Riva eine positive Technologie, die dabei helfen kann, mit den drei genannten Dilemmas zurechtzukommen. Er beschreibt sie als fortgeschrittene Form einer Realitätssimulation, die Ähnlichkeiten mit der Funktionsweise des Gehirns aufweise.

Laut des Paradigmas der prädektiven Kodierung erstellt das menschliche Gehirn aktiv ein internes Modell des Körpers und des Raums um ihn herum. Dieses Modell verwendet es, um den zu erwartenden sensorischen Input vorherzusagen und Überraschungen zu minimieren.

Von diesem Modell ausgehend, versuche eine VR-Erfahrung laut Riva das Modell des Gehirns nachzuahmen. Je ähnlicher sich beide Modelle werden, desto präsenter fühlt sich der Nutzer in der virtuellen Welt. Deshalb sieht Riva in VR das perfekte Werkzeug für Erfahrungslernen.

Riva bezieht hier auch 360-Grad-Videos ein: Sie könnten Zuschauer virtuell transportieren. Sie tauchen förmlich in den Inhalt ein und erkunden das Video aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Die Immersion löst verschiedene Emotionen und Erregungen aus. Riva beschreibt den Effekt als „dynamisches Wechselspiel zwischen Gedächtnis und Wahrnehmung, das zur Verbesserung der Merkmale dieser kognitiven Prozesse und zur Aktualisierung ihrer Inhalte genutzt werden kann“. Anders gesagt: Es fühlt sich gut an.

Das Wohlfühlpotenzial von VR in Lockdown & Quarantäne erschließen

Wer den wohltuenden Effekt von VR spüren will, dem gibt Riva eine Anleitung an die Hand. Die “VR-Therapie” beginnt mit dem kostenlosen 360-Grad-Video “The Secret Garden“, das Teil seines kostenlosen VR-Kümmer-Programms ist.

Das Video wurde laut Riva speziell konzipiert, um Stress zu bekämpfen, der durch das “Verschwinden” von Orten und Gemeinschaften aus dem leben von Personen durch Quarantäne und Lockdown hervorgerufen wird.

Riva empfiehlt die Nutzung für eine Woche. Täglich zwei (morgens und abends) oder mehr Sitzungen würden helfen, die eigenen Emotionen zu regulieren. Je nach Bedarf sollen weitere Sitzungen über den Tag verteilt den emotionalen Stress abbauen können.

Das Teilen der Erfahrung mit anderen, auch wenn diese nicht am gleichen physikalischen Ort sind, solle helfen, den Gemeinschaftssinn wiederherzustellen. Zudem sollten die Sitzungen genutzt werden, um die eigene Identität zu reflektieren und über Ziele und Chancen nachzudenken, die sich trotz aller Risiken aus der Situation ergeben könnten.

Nach der täglichen Secret-Garden-Erfahrung sollt ihr dem folgenden Protokoll folgen (Kurzfassung):

Tag 1: Blickwinkel ändern

Versetzt euch in die Lage einer anderen Person und überlegt, wie diese mit der Pandemie umgeht.

Tag 2: Selbstwertgefühl erwecken

Schreibt fünf Dinge auf, die ihr an euch selbst schätzt.

Tag 3: Autobiographisches Gedächtnis erwecken

Schreibt fünf Momente oder Ereignisse auf, die euch definiert haben.

Tag 4: Gemeinschaftssinn wecken

Schreibt die fünf wichtigsten Personen in eurem Leben auf.

Tag 5: Träume und Ziele wecken

Formuliert drei konkrete Ziele und zwei Träume, die ihr nach der Quarantäne realisieren wollt.

Tag 6: Einfühlungsvermögen steigern

Erinnert euch an die letzte Interaktion mit jeder der Personen aus Tag 4 und beschreibt die Emotionen, die sie damals bei diesem Treffen jeweils empfunden haben könnten.

Tag 7: Veränderungen planen

Schreibt drei Aspekte eures Lebens auf, mit denen ihr unzufrieden seid. Erarbeitet mögliche Lösungen und skizziert deren potenzielle Auswirkungen. Stellen sich dabei Probleme heraus, stellt fest, womit ihr die lösen könntet.

Eine ausführliche Beschreibung des Protokolls findet ihr am Ende von Rivas Artikel.

Quelle: Mary Ann Liebert, Titelbild: Covid Feel Good

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