Facebook will aus Science-Fiction Realität machen: Hirnsignale sollen die Nutzerschnittstelle zu einer futuristischen Augmented-Reality-Brille werden.

AR-Brille auf, Mixed Reality an: Visuell soweit super, wenn es mal funktioniert. Aber wie bedient man diese Mixed Reality elegant? Maus und Tastatur bleiben auf dem Schreibtisch, das Smartphone in der Tasche. Gesten wären da noch und Sprache. In der Öffentlichkeit ist beides nicht so schick.

Viel netter wäre es doch, man müsste nur an eine Aktion denken, und schon passiert sie. In der Straßenbahn betrachtet man den Turnschuh vom Gegenüber, denkt “identifizieren” und schon sieht man, welches Modell es ist und was es kostet. Auch durch Menüs könnte man per Gedankensteuerung navigieren, die Königsdisziplin wäre das Gedankentippen.

Dass so eine Gehirnsteuerung keine reine Science-Fiction ist, beweisen Forschungsprojekte aus der Medizin. Sie sind nur einerseits weit davon entfernt, ausgereift zu sein, und andererseits benötigen sie einen chirurgischen Eingriff für das Implantat, das die elektrischen Signale im Gehirn aufnimmt.

Mark Chevillet ist bei Facebooks Realitätslabor verantwortlich für die Hirnschnittstellenforschung. Sein großes Ziel: Tippen per Gedankenanalyse – ohne Implantat. Bild: Facebook

Gehirnsteuerung ohne Eingriff

Eben das will Facebook ändern, wohl wissend, dass sich niemand begeistert in die Zuckerberg-Klinik für Hirnchirurgie legen würde.

Facebook forscht daher gemeinsam mit den Universitäten Washington und Johns Hopkins an Infrarotlicht als mögliche Übertragungsalternative zu Elektroden.

Das Licht durchdringt die Schädeldecke und misst so von außen, wie sich bei neuronalen Aktivitäten Sauerstofflevel im Gehirn verändern. Ergeben sich dabei fixe Muster, zum Beispiel für bestimmte Wörter, könnten diese algorithmisch identifiziert und interpretiert werden.

Besonders gut funktioniert das laut Facebook-Forscher Mark Chevillet noch nicht: Der aktuelle Prototyp sei “klobig, langsam und unzuverlässig”. Ein Durchbruch wäre es schon, wenn bestimmte Befehle wie “Auswählen” oder “Löschen” zukünftig verlässlich erkannt werden könnten. Vom Gedankentippen ist die Infrarotlichtsteuerung also noch weit entfernt

Der aktuelle Gedankenleseprototyp per Infrarotlicht sieht doof aus und funktioniert nicht gut. Aber das soll sich in den nächsten zehn Jahren ändern. Bild: Facebook

Der aktuelle Gedankenleseprototyp per Infrarotlicht sieht doof aus und funktioniert nicht gut. Aber das soll sich in den nächsten zehn Jahren ändern. Bild: Facebook

Laserradar als Alternative

Eine mögliche Alternative zu Infrarotlicht seien Radar-ähnliche Verfahren wie Lidar, mit denen genauere Messungen ähnlich wie bei aktuellen Elektrodensystemen denkbar seien. Die Aktivitäten von Adern und Neuronen sollen so direkt beobachtet werden. Die Kommerzialisierung dieser Technologien fürs Smartphone soll dabei helfen, kompakte und bezahlbare Gehirnwellenlesegeräte zu bauen.

“Es könnte eine Dekade dauern, aber wir glauben, dass wir die Lücke schließen können”, schreibt der Facebook-Forscher Mark Chevillet.

Er äußert sich auch zu ethischen Bedenken: “Wir können nicht alle ethischen Probleme, die mit dieser Technologie verbunden sind, alleine antizipieren oder lösen”, sagt Chevillet. Oberstes Gebot sei daher Transparenz, “damit die Menschen uns ihre Bedenken über diese Technologie mitteilen können.”

“Die Zukunft ist noch weit entfernt”

Michael Abrash, der frühere Oculus-Chefforscher und jetzt Leiter der Facebook Reality Labs, liefert die Vision, an der sich die Hirnforscher orientieren: Der ganze Inhalt, der im Smartphone steckt, soll jederzeit und freihändig verfügbar sein – in Form einer “stylischen AR-Brille”.

Das Versprechen von AR sei es, schreibt Chevillet, Menschen nahtlos mit der Welt und anderen Personen zu verbinden, anstatt auf einen Screen schauen zu müssen und so die Umgebung auszublenden. Diese Vorstellung sei “verlockend”, benötige aber unternehmerischen Geist, enorm viel Entschlossenheit und eine offene Einstellung: “Die Zukunft ist noch weit entfernt.”

Gehirnsteuerung sei ein möglicher Pfad für die Bedienung von AR-Technologie, der plausibel scheine, so Chevillet: “In zehn Jahren könnte es ganz normal sein, dass man direkt aus dem Gehirn Texte schreibt.”

Allerdings: Auch die AR-Technologie, für die die Gehirnsteuerung entworfen werden soll, existiert noch nicht. Facebook baut zwar offiziell an einem Gerät, öffentlich gezeigt wurde bislang noch nichts.

Womöglich ändert sich das im Herbst auf der nächsten Oculus-Entwicklerkonferenz Connect, für die Facebook ein “neues Kapitel in VR und AR” verspricht.

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