Neurowissenschaftler diskutieren bei Twitter die Ankündigungen von Elon Musks Hirnschnittstellen-Startup Neuralink. Wird die Technologie dem Hype gerecht?

Um die Antwort vorwegzunehmen: Ja und Nein. Zwar konnte Neuralink letzte Woche vielleicht keine bahnbrechende Technologie oder beeindruckende Demos zeigen. Aber Musk und Kollegen machten klar: Wir legen uns ins Zeug, träumen groß und schaffen zunächst die Grundlagen für die Zukunftstechnologie.

Passend zu dieser Haltung hallt es in der Neuroabteilung der Echokammer Twitter wider: Adam Marblestone zum Beispiel untersucht für Googles KI-Schwester Deepmind mögliche Verbindungen zwischen Neurowissenschaft und Künstlicher Intelligenz.

Ihm fehlt der ganz grundlegende Durchbruch, den er zum Beispiel bei der Übertragung via Infrarotlicht oder Ultraschall vermutet. Neuralink beschleunige zwar den Stand aktueller Technologie mit Ingenieurskunst. Aber es benötige grundlegende wissenschaftliche Durchbrüche.

Noch kritischer urteilt der Biomedizintechniker Kip Ludwig von der Universität Wisconsin: Neuralink zeige keine neuen Ansätze für grundlegende Probleme. Viele Technologien existierten bereits in der Industrie. Sie würden allerdings nicht angewandt, da die Geschäftsidee fehle.

Der Neurowissenschaftler David Sussillo aus Googles KI-Einheit Brain Team argumentiert, dass Neuralink für den kurzfristigen medizinischen Einsatz und die nächsten Schritte in der Forschung hervorragend aufgestellt sei.

Andrew Hires, Neurobiologe an der Universität Südkalifornien, verweist auf eine Forschungsarbeit aus 2017, die wie Neuralink die Implantation von dünnen, mit Elektroden versehenen Fasern ins Gehirn untersucht. Hires Fazit zu Neuralink fällt insgesamt positiv aus: Das Unternehmen habe die derzeit beste Labortechnologie in einiger Hinsicht verbessert und ein implantierbares Produkt entwickelt, das über den Stand der Technik hinausgeht.

So wie Marblestone sieht Hires offenbar langfristig mehr Potenzial bei neuen Übertragungstechnologien: Licht statt Elektroden.

Beeindruckt ist Hires vom Implantationsroboter, der die Elektrodendrähte eines Tages zackig und unfallfrei ins Gehirn treiben soll. Er besitzt unter anderem eine automatische Bewegungskontrolle analog zum Herzschlag und der Atmung des Implantatempfängers, damit er nicht verwackelt und so Blutungen verursacht.

In diesem Kontext meldet sich die US-Militärbehörde Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) zu Wort: Der Roboter sei von der Universität San Francisco entwickelt worden mit staatlicher Finanzierung.

Neuralinks Topwissenschaftler Philip Sabes bedankt sich derweil für die vielen Analysen und das große Interesse. Der Weg sei noch weit, aber es sei toll zu sehen, was möglich sei, wenn ein interdisziplinäres Weltklasseteam Hand in Hand arbeite. Sabes bestätigt außerdem, dass sich Neuralink nicht nur damit befasse, Signale aus dem Gehirn abzugreifen, sondern diese auch zu interpretieren.

Titelbild: National Governors Association (Screenshot bei YouTube)

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