Was erlebt ein Mensch mit Hör- und Sehschäden wirklich? Wie fühlt sich ein Leben mit Alzheimer an? Ein Start-up will diese Fragen mit Virtual Reality beantworten. 

Herausforderungen wie Gedächtnisverlust, vermindertes Sehvermögen oder Gehörverlust sind Themen, mit denen man sich üblicherweise nur theoretisch auseinandersetzten kann, wenn man nicht unmittelbar betroffen ist.

Carrie Shaw gründete deshalb mit ihrer Schwester Erin Washington das Start-up Embodied Labs VR. Es will Krankheiten für Personen im Umfeld der Patienten nachvollziehbarer zu machen. Ihre Vision: Mit Hilfe von VR-Training werden Pfleger oder Angehörige virtuell in die Rolle des Patienten versetzt.

Medizinische VR-Schulungen

Shaw und Washington kümmerten sich selbst viele Jahre um ihre an Demenz erkrankte Mutter. Trotzdem konnten sich die Schwestern nie völlig in ihre Mutter einfühlen oder ihre Alltagsprobleme richtig nachvollziehen.

Mit Embodied Labs stellen die Schwestern virtuelle Schulungsprogramme zu einzelnen Krankheitsbildern zur Verfügung, die die Krankheiten und ihre Verläufe theoretisch vermitteln und direkt nachvollziehbar machen.

Hände eines virtuellen Parkinson-Patienten auf einem Blatt Papier, daneben ein Stift

Wie fühlt sich Parkinson an? Embodied Labs will Personen im Umfeld von Patienten durch eine VR-Erfahrung besseres Verständnis für den Betroffenen vermitteln. | Bild: Embodied Labs

Die Programme sind primär für pflegende Angehörige zu Hause, medizinisches Personal in Krankenhäusern oder Altenheimen, Studierende an medizinischen Fakultäten und Schulungen von Unternehmen gedacht, deren Zielgruppe Senioren oder kranke Menschen sind.

Mit VR den Patienten besser verstehen

Die Vermittlung von grundlegenden Fakten eines Krankheitsbildes geschieht beispielsweise über 360-Grad-Bilder des geschädigten Gehirns und dessen verbliebene Aktivität oder virtuelle Rundgänge durch erkrankte Organe, etwa der Netzhaut eines Patienten.

Neben der theoretischen Wissensvermittlung steht aber vor allem das Erleben der Krankheit im Mittelpunkt der rund 20-minütigen Simulationsprogramme von Embodied Labs (offizielle Webseite). Angehörige können so in die Rolle ihrer erkrankten Familienmitglieder schlüpfen und verstehen besser, wie diese die Welt erleben.

Simuliertes Sichtfeld eines Menschen mit degenerierter Netzhaut, gezeigt in VR von Embodied Labs

Wie fühlt sich ein Mensch mit einer degenerativen Netzhauterkrankung? Wie nimmt er seine Umgebung wahr, wie kommuniziert er? Embodied Labs will das mittels VR nachvollziehbar machen. | Bild: Embodied Labs

Beispielsweise erleben VR-Nutzer die Welt aus der Sicht des 74-jährigen Alfred, der an Hör- und Sehverlust leidet. Ein Tag in Alfreds Leben wird simuliert, einschließlich seiner Interaktionen mit Familienangehörigen und dem Arzt.

Über die VR-Brille (Vergleich) wird die Makuladegeneration durch einen dunklen Fleck in der Mitte des Sichtfelds dargestellt. Typisches Verhalten des Menschen, etwa Augenkontakt und dazugehörige Kommunikation wird deutlich erschwert. Für einen Außenstehenden kann das daraus resultierende Verhalten wie eine kognitive Beeinträchtigung aussehen, was aber gar nicht der Fall sein muss.

Effektiver kommunizieren lernen durch VR

Dadurch entwickeln die VR-Nutzer ein Verständnis für Bedürfnisse oder Verhaltensweisen von Patienten und können besser auf diese eingehen. Im besten Fall werden so effektive Kommunikationsmöglichkeiten gefunden, die den Alltag des Patienten erleichtern und eine direkte Nachvollziehbarkeit seiner Situation schaffen.

“Was ich mit Embodied Labs versuche,” erklärt Shaw, “ist, eine Verständnislücke zu schließen […]. Es ist die Konvergenz von Alter, neuen Technologien und der Notwendigkeit, unsere Ausbildungsmethoden für Arbeitskräfte in der Gesundheits- und Altersfürsorge zu verändern.”

Embodied Labs verkauft in den USA ein Hardware-Kit und eine Software-Lizenz an Abonnenten, darunter Seniorengemeinschaften wie das Benedictine Health System oder Unternehmen wie GreatCall, das Mobiltelefone für Senioren, medizinische Warnsysteme und mobile medizinische Alarmsysteme verkauft.

Außerdem wird das Programm von über 40 Universitäten und medizinischen Fakultäten sowie staatlichen Einrichtungen genutzt. Carrie Shaw schätzt die Einnahmen aus Abonnements in diesem Jahr auf rund eine Million US-Dollar. Das bisherige Feedback von Kunden ist positiv, sowohl von größeren Unternehmen als auch Privatpersonen.

Lynn Herrick von Great Call erklärt, was die Nutzung der VR-Trainingsmodule für sein Unternehmen gebracht hat: “Wir haben bedeutende Veränderungen festgestellt – größeres Einfühlungsvermögen gegenüber den Kunden und größeres Vertrauen in die Fähigkeit, den Kunden zu unterstützen, der in der Regel ein Senior ist, der eines unserer Produkte verwendet.”

Quellen: New York Times, Embodied Labs

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