Mit jedem Erscheinen einer neuen VR-Brille verändert sich automatisch der Blick auf ältere Geräte. So auch bei Oculus Rift S. Beim Wechsel von Oculus Rift auf das Nachfolgermodell ging mir diesbezüglich so einiges durch den Kopf: Wie unpraktisch und doch schön die erste richtige Facebook-Brille war.

Drei Jahre lang war ich im Besitz einer Oculus Rift. Kratzer, Unreinheiten und Schweißflecken auf dem Gehäuse und der Kopfhalterung zeugen davon, dass sie während dieser Zeit intensiv genutzt wurde.

Vor kurzem kann nun auch bei mir der feierliche Moment, in dem ich meine Oculus Rift durch das Nachfolgermodell ersetzen und mich dabei meiner drei lästigen Rift-Sensoren entledigen durfte.

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Der Sensor der Original-Rift. BILD: Oculus

Da ich die Trackingkameras vor zwei Jahren auf hohen Regalen installiert habe und der Neigungsspielraum des Sensorkopfs eingeschränkt ist, musste ich kreativ werden, damit die Kameras im schrägen Winkel nach unten zeigen. Also schob ich eine Zündholzschachtel unter die Sensorständer. Besonders schön sieht das nicht aus.

Wie habe ich mich damals geärgert, dass den Oculus-Ingenieuren offenbar egal war, ob manche Nutzer die Sensoren woanders als auf ihrem Tisch stehen haben wollten!

Kabel, Kabel, Kabel

Die Deinstallation der Kameras dauerte länger als gedacht, schließlich hatte ich die Kabel vor geraumer Zeit sorgfältig verlegt und an der Wand fixiert. Erst als der ganze Haufen samt Verlängerungskabel vor mir lag, wurde mir wieder in vollem Umfang bewusst, wie viel Kabelage einem Oculus aufbürdete, wenn man mit Rift raumfüllende Virtual Reality erleben wollte. Von USB-Problemen ganz zu schweigen.

Oculus_Rift_S_Kabel

Oculus Rift S kommt dank integrierter Trackingkameras mit weitaus weniger Kabeln aus. BILD: u/Jackrabbit bei Reddit

Natürlich war ich in den vergangenen Jahren bereit, über diese und andere Mängel des Trackingsystems hinwegzusehen. Ich war sogar etwas wehmütig beim Abbau.

Doch wie so oft werden einem die unschönen Seiten und die Unannehmlichkeiten einer Beziehung  erst dann vollkommen bewusst, wenn man sich trennt. Es war schön mit dir, Oculus Rift. Doch ich werde dich nicht vermissen.

Hervorragende Verarbeitung

Nach dem Abbau der Sensoren legte ich die VR-Brille sorgfältig in den Koffer zurück, dessen Inneres beim Öffnen noch immer den Geruch eines fabrikneuen Produkts verströmte.

Hätte die VR-Geschichte einen anderen Verlauf genommen, wenn der Preis eher den geschürten Erwartungen entsprochen hätte?

Die Ausstattung der Original-Rift zum Marktstart. BILD: Oculus

Beim Verstauen des Zubehörs wurde mir wieder bewusst, dass Oculus Rift zum Marktstart mit nur einem Sensor auf den Markt kam und dass Oculus das USB-Verlängerungskabel eines anderen Herstellers beilegte, wenn man einen einzelnen Sensor bestellte: Beides Anzeichen dafür, wie undurchdacht und unflexibel das Trackingsystem der ersten Oculus Rift war.

Dass Oculus Rift zunächst mit einem Xbox-Controller statt Oculus Touch auf den Markt kam, davon brauche ich gar nicht erst zu sprechen.

Ein Lifestyle-Produkt

Doch ich will auch auf die im Rückblick positiven Seiten der Oculus Rift eingehen: Die drei Jahre alte VR-Brille ist allem in allem ein erstaunlich hochwertiges Produkt.

Das sieht man zum einen an der hervorragenden Verarbeitung der VR-Brille. Das Gerät ist mir in der Vergangenheit mehrere Male aus Hüfthöhe auf den Boden gefallen, ohne Schaden zu nehmen. Von der Schweißbelastung durch Beat Saber, die der Brille nicht schadete, ganz zu schweigen. Nach drei Jahre intensiver Nutzung stört mich lediglich ein etwas locker sitzendes Kabel.

Zum anderen ist das Design der VR-Brille rein äußerlich kaum gealtert in den letzten drei Jahren. Im Gegenteil: Oculus Rift ist meines Erachtens, wenn nicht die bequemste, so doch die schönste VR-Brille auf dem Markt. Man erkennt jedenfalls unschwer, dass Oculus mehr als nur einen Gebrauchsgegenstand bauen wollte. Oculus Rift sollte, sofern man das von einer VR-Brille behaupten kann, so etwas wie ein Lifestyle-Produkt sein.

Oculus Rift S kostet 400 US-Dollar und ersetzt die klassische Oculus-Rift-Brille. Erscheinen wird die neue VR-Brille im Frühling.

Oculus Rift S glänzt nicht durch seine Optik. BILD: Oculus

Mich verblüfft noch heute, mit welcher Aufmerksamkeit für Details die Oculus-Ingenieure gearbeitet haben. Man denke etwa an den Stoff, der sich wie ein zarter Vorhang über das Innere des Gehäuses spannt und die beim Drüberstreichen mit der Fingerspitze ein fast schon erotisches Prickeln auslöst.

Eine VR-Brille ist ja etwas ungeheuer Intimes. Was sonst lässt man so nahe an sein Gesicht, außer vielleicht den Freund oder die Freundin? In dieser Hinsicht sind solche Details sicher nicht zufällig.

Hohe Erwartungen

Dass das Aussehen des Nachfolgermodells Oculus Rift S nachrangig war für Facebook, ist offensichtlich: Adi Robertson beschrieb den Look der VR-Brille nicht von ungefähr als “trauriger Roboter mit gigantischer Stirn”.

Dass viele Kritiker und VR-Enthusiasten (einschließlich meiner selbst) vom Aussehen der Oculus Rift S erschrocken waren, beweist, mit welcher Erwartungshaltung man nach der Original-Rift an ein Produkt Marke Oculus heranging. Ein Produkt, dem nicht zuletzt Ex-Oculus-CEO und Perfektionist Brendan Iribe seinen Qualitätsstempel aufdrückte.

Oculus Rift S wirkt dagegen wie eher rein zweckmäßiges Plastikspielzeug, das durch seine pragmatischen statt äußeren Werte glänzen will. Ich hoffe, dass Facebook für Oculus Rift 2 einen besseren Kompromiss zwischen Nutzen und Optik findet.

Meine Oculus Rift bleibt derweil in meinem Besitz. Aus Nostalgie und um mir von Zeit zu Zeit in Erinnerung zu rufen, was 2016 schon möglich war.

Titelbild: Oculus

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