Gähnen ist ansteckend – kennt man. Forscher untersuchten den Reflex in VR. Ihr Ergebnis: VR-Verhalten entspricht nicht realem Verhalten.

Einer gähnt vor, die anderen nach – jeder kennt diesen Reflex. Typischerweise gähnen Menschen in Gesellschaft jedoch nicht so ausgiebig, wie wenn sie allein im Raum sind. In sozialen Situationen unterdrücken sie den Reflex aus Höflichkeit – so gut es geht.

Forscher der Universität British Columbia (UBC) untersuchten, ob und wie sich der Gähnreflex in virtueller und bekannter Realität unterscheidet.

Testpersonen setzten sich die VR-Brille auf und schauten in der virtuellen Realität ein Video einer gähnenden Person an. Circa 38 Prozent der Probanden spiegelten das Gähnen, was einem recht normalen, eher unterdurchschnittlichen Wert entspricht verglichen mit demselben Stimulus in der Realität.

Realität überschreibt virtuelle Realität

Dann führten die Forscher eine Webcam sowie eine zweite Person in die VR-Umgebung ein. Die erwartete Reaktion war, dass der Proband soziale Präsenz spürt, sich beobachtet fühlt und daher weniger oder verhaltener gähnt.

Der Fall trat aber nicht ein: Die Gähnquote blieb unverändert. Im Unterschied zur Realität unterdrückten die Personen ihr Gähnen nicht, obwohl sie beobachtet wurden.

Die Präsenz einer zweiten Person im realen Testraum hingegen hatte den bekannten sozialen Effekt: Allein das Wissen, dass ein Forscher im Raum ist – ohne ihn zu sehen oder zu hören – reduzierte die Gähnquote auf null.

Rückschlüsse aus VR über reales Verhalten sollen nicht zulässig sein

Für die Forscher ist allein dieser Unterschied Anlass, davor zu warnen, mit Virtual Reality reales Verhalten zu simulieren und untersuchen zu wollen.

“Die Menschen erwarten, dass VR-Erfahrungen die tatsächliche Realität nachahmen und damit ähnliche Denk- und Verhaltensformen induzieren”, sagt Alan Kingstone, Professor für Psychologie der UBC und Autor der Studie. “Diese Studie zeigt, dass ein großer Unterschied zwischen dem Sein in der realen Welt und dem Sein in einer VR-Welt existiert.”

Würde man VR und Realität gleichsetzen, so Kingstone, könne das zu Schlussfolgerungen über Verhalten führen, die “grundsätzlich falsch sind”. Diese Erkenntnis habe tiefgreifende Auswirkungen für all jene Menschen, die durch VR zukünftiges Verhalten prognostizieren wollen, zum Beispiel die Vorhersage, wie sich Fußgänger verhalten, wenn sie zwischen fahrerlosen Autos laufen.

“Erfahrungen mit VR können ein schlechter Indikator für das wirkliche Leben sein”, sagt Kingstone. Die Forscher räumen allerdings auch ein, dass sich die Ergebnisse ihres Experiments beispielsweise durch realistischere Avatare verändern könnten.

Quellen: Science Daily, Paper Titelbild: Nicola Anderson / UBC

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