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Vive Flow im Test: Nope, HTC!

Vive Flow im Test: Nope, HTC!

HTC sieht die leichte, kleine Vive Flow für Meditation & Entspannung geeignet. Ich sage, sie taugt (fast) nichts.

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Ich teste nun schon seit vielen Jahren VR-Brillen aus der Konsumenten-Perspektive. Meine Tests sind keine Rechenschieber-Experimente mit marginalen Field of View-Zahlenklaubereien oder abgefahrener Pixelgleichungsarithmetik. Ich teste aus Sicht des Anwenders, denn das ist, was am Ende zählt: Nützlichkeit, Komfort, Usability, Anwendungen.

Warum der Disclaimer? Weil dieser Test der Vive Flow sich desillusioniert liest. Weil meine (private) Geduld mit HTC am Ende ist. Und das nicht, weil ich HTC nicht leiden kann oder so sehr auf Meta (Facebook) stehe. Ich liebe HTC für die originale Vive und den Deluxe Audio Strap (dafür bitte eine Schweigeminute, Amen!). Aber sie entfernen sich VR-Brille für VR-Brille von den VR-Nutzer:innen.

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Mag sein, dass es Zielgruppen gibt, die unausgegorene und überteuerte VR-Hardware bedenkenlos kaufen. Aber HTC-Geräte sind immer seltener eine Empfehlung wert. Vive Flow bekommt sogar eine Kaufwarnung von mir. Warum?

Vive Flow Test in aller Kürze

Hinweis: Die Vive Flow ist nicht ansatzweise eine Quest-Konkurrenz und darf maximal als Videobrille verstanden werden.

Die Vive Flow ist rein technisch betrachtet ein interessantes Gerät: Klein, leicht, geniale Sehschärfe-Einstellung, guter Sound.

Die Vive Flow ist rein aus Anwendungssicht ein Desaster: unzureichendes Bild, indiskutable 3DOF-Smartphone-Steuerung, Video-Streaming steht und fällt mit der WiFi-Qualität und zumindest in meinem Fall zweifelhafter Komfort der Brillenbügel.

Bestes Anwendungsszenario: 360°-Videos, Filme, Serien. Ein paar glorifizierte Mobile-Spielchen und halbherzig portierte Apps gibt es obendrauf – aber wer nutzt das bitte, vor allem mit dieser Controller-Lösung?

Den aufgerufenen Platin-Elite-Gold-Diamant-Premium-Preis ist Vive Flow nicht wert.

Die Vive Flow ist für euch geeignet, wenn …

  • Ihr unbedingt eine Formfaktor-Neuheit im VR-Bereich haben wollt,
  • Videos mit einer leichten VR-Brille über Bluetooth mit WiFi-Unterstützung schauen möchtet
  • und zu viel Geld habt (hier ein Tipp für eine sinnvollere Investition, gern geschehen)

Die Vive Flow ist für euch weniger geeignet, wenn …

  • ihr mehr damit machen wollt, als Videos und 360°-Erfahrungen zu schauen,
  • ein geeignetes Display erwartet,
  • die Vive Flow unabhängig von WiFi nutzen möchtet und
  • auf einen vernünftigen Preis hofft.

Wofür sich Vive Flow theoretisch eignet

Vergesst den Marketing-Unsinn, den sich HTC ausgedacht hat (darüber haben wir uns im MIXEDCAST #270 bereits ausführlich ausgelassen). Wer meditieren will, will ablenkungsfrei innere Ruhe finden. Dafür ist ein Gesichtscomputer nicht geeignet, auch nicht die leichte Vive Flow, deren Brillenbügel rechts und links am Kopf klemmen und dort signifikanten Druck ausüben.

Abseits von Marketingmärchen ist der einzige sinnvolle Zweck der VR-Brille Vive Flow der ortsunabhängige Konsum von 360-Grad-Erfahrungen, Videos, Serien und Filmen – wenn gutes WiFi vorhanden ist. Die Flow lässt sich gut transportieren und der Formfaktor ist klein und leicht genug, um längere Zeit damit zu schauen (wenn einen die Bügelklemmen am Kopf nicht stören).

VR-Brille Vive Flow zusammengeklappt und von oben

Der Formfaktor der Vive Flow ist für VR-Verhältnisse außgerewöhnlich schlank. | Bild: MIXED

Zwischendurch mal schnell ein 360-Grad-Video einer Sehenswürdigkeit anschauen, eigene 360-Grad-Aufnahmen aus dem Urlaub beim gemütlichen Beisammensein herumreichen oder andere kurze und immersive Virtual Reality-Inhalte ansehen – dafür ist die Flow ebenfalls gut geeignet.

Innovativ und richtig genial ist die Sehschärfe-Einstellung direkt an den Linsen: Ich stelle meine Dioptrien-Zahl ein (wenn ich sie nicht weiß, stelle ich über das grüne Sehstärken-Kreuz scharf) und kann mir die Brille sparen. Doof nur, wenn mein Pupillenabstand deutlich von der Durchschnittsnorm abweicht – es gibt keinen IPD-Regler.

Warum sich die Vive Flow für fast gar nichts sinnvoll eignet

Ein paar Billigspielchen gibt es ebenso wie halbherzig portierte Apps, etwa die Meditations-App Visitations, die sogar noch Oculus Go Controller-Hinweise zeigt. Das ist peinlich, vor allem, da ich mir unbedingt einen richtigen Controller wünschen würde – dazu gleich mehr. Doch am Ende läuft es darauf hinaus, dass der einzig sinnvolle Anwendungszweck Videos sind, zumindest unter richtigen Bedingungen.

Das USB-C-Kabel, mit dem die Vive Flow mit einem Smartphone (nur Android-Geräte, HDCP 2.2 für Streaming von Netflix & Co.) oder einer Powerbank verbunden wird, ist ausschließlich für Stromzufuhr gedacht. Die Datenübertragung erledigen hingegen Bluetooth 5.0 und WiFi – was die Mobilität der Brille je nach Umgebung einschränkt: Ist das WiFi nicht gut genug, ist die Vive Flow nicht zu gebrauchen. Zusätzlich ist fürs Videoschauen ein Screencast vom Smartphone über Miracast nötig.

Jetzt kann ich etwa Netflix, Prime Video oder Disney+ auf einen virtuellen Großbildschirm streamen. Kinoformat ist wegen Display-Qualität und Sichtfeld kaum sinnvoll möglich: Ich kann zwar reinzoomen, bis das Bild riesig ist, muss dann aber den Kopf bewegen, um alles zu sehen. Die Distanz zur unverändert großen "Leinwand" lässt sich ändern, indem ich meine physische Position nach hinten verändere, also so, als würde ich im Kino den Sitzplatz wechseln. Das ist aber selten praktikabel. Ich muss also die Bildschirmgröße so weit reduzieren, dass sie möglichst gut zum Sweetspot passt.

Ist die Bildgröße so eingestellt, dass sie das Sichtfeld seitlich voll ausfüllt, ist das Bild an allen Rändern unscharf, wenn ich mit den Augen nach oben, unten, rechts oder links schaue. Zudem liegt gerade in hellen Szenen ein wahrnehmbarer Schleier aufgrund von Linsenspiegelungen über dem Bild. Im Vive Flow-Menü sehe ich etwa das Menü-Bild im Hintergrund doppelt. Der Fliegengittereffekt ist trotz 1.600 × 1.600 Pixel Auflösung pro Auge deutlich sichtbar.

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Die Streaming-Erfahrung steht und fällt mit der WiFi-Verbindung

Wer häufiger Zug fährt weiß, dass direktes Streaming von Netflix-Filmen oder Disney+-Serien über WiFi selten eine gute Idee ist – in Regionalzügen gibt es in der Regel gar keins. Es empfiehlt sich immer, Videos oder Filme herunterzuladen. Für Vive Flow kann ich Serien oder Filme auf das Smartphone laden und dann via Bluetooth mit WiFi-Unterstützung streamen. Zu Hause funktioniert das sehr gut.

In meinem Test sorgten technische Probleme lange Zeit für eine schlechte Verbindung. WiFi wurde zeitweise offenbar nicht richtig genutzt, Updates und eine Neuverbindung brachten die Lösung. Ohne oder mit schlechter WiFi-Unterstützung kommt es zu heftigen Aussetzern: Immer wieder, manchmal mehrfach pro Minute stocken Bild und Ton. Zudem treten immer wieder Bildartefakte auf. Bluetooth schafft halt nur knapp 2 Mbit pro Sekunde. Doch die Empfehlungen für die Übertragungsrate bei einem 720p-Video liegen schon bei 1,2 bis 4 MB.

Was ich unbegreiflich finde, ist die Abhängigkeit von Bluetooth und WiFi. Eine Videobrille lebt von ihrer Mobilität und sollte nicht von der WiFi-Qualität abhängig sein. Eine Lösung wäre eine native App für Netflix, Prime Video und Co. direkt auf der Vive Flow. Dann könnte ich Filme auf den internen 64 GB Speicher laden, wie ich es auch mit eigenen Videos tun kann. Die Nreal Light (Test) ist als Videobrille die bessere Wahl, dort kommen die Daten nämlich direkt durchs Kabel.

Überraschung: Der Sound der eingebauten Speaker ist deutlich besser als der Sound der Oculus Quest 2 (Test). Im Zug oder Flugzeug muss ich auf Kopfhörer zurückgreifen, die über Bluetooth gekoppelt werden. Klinke gibt es nicht.

3DOF-Smartphone-Controller im Jahr 2021. Keine Pointe.

Der 3DOF-Controller (für ein 6DOF-Headset, wohlgemerkt!) per Smartphone ist maximal mäßig bedienbar und ich finde es schlechter als bei der Nreal Light. Das Tracking ist fehleranfällig, die Eingabe im besten Fall mühsam und der Laserpointer dreht sich immer wieder im Uhrzeigersinn. Entweder ich verrenke meine Hand unnatürlich, warte bis der Laser wieder vorne ankommt oder muss ständig resetten. Handtracking gibt es nicht, was vielleicht auch besser ist.

Noch Fragen?

Vive Flow aufgeklappt mit Blick auf die Linsen

Wirklich genial an der Vive Flow ist die Sehstärken-Einstellung, die Brillen überflüssig macht. | Bild: MIXED

Nein, keine Fragen mehr. Nur noch eine „Typisch HTC“-Anekdote: Bei 65 Prozent Akku-Kapazität des Smartphones drückt mir die Vive Flow erstmals die Nachricht ins Gesicht, ich solle fix eine Stromquelle anschließen. Bei 60 Prozent schaltet sich das Ding aus. Das Smartphone reicht als Stromquelle also gar nicht aus, eine Powerbank ist auch noch notwendig. Klar, dass HTC eine passende Powerbank als Zubehör anbieten will.

Vive Flow Review-Fazit: Finger weg!

Das Märchen von Premium-VR, das HTC gebetsmühlenartig predigt, wenn sie ihre hohen Preise verteidigen, fand ich immer schon grenzwertig. Nicht, weil VR-Brillen nun mal teuer sind und HTC nicht die Mittel hat, um Meta-mäßig zu subventionieren. Sondern, weil im Vergleich zu anderen VR-Brillen der Preis-Leistungs-Faktor bei HTC immer schlechter wird.

HTC will für die Flow rund 550 Euro. Für eine VR-Brille, die zwar mit dem Formfaktor punkten kann und ein wirklich geniales Sehschärfe-System hat, aber davon abgesehen nur eingeschränkt für Videos taugt.

Eine richtige VR-Videobrille ist eigentlich eine hervorragende Idee und sie würde – wenn sie richtig gedacht und gemacht wäre – sicher eine gar nicht mal so kleine Zielgruppe finden. Ich liebe etwa die Oculus Go nach wie vor für ihre Unkompliziertheit und ihren Komfort – wenn sie nur nicht so schnell überhitzen würde. HTC hatte jetzt die Chance, diese Nische zu übernehmen.

Aber daraus wird nichts. Bluetooth ist keine sinnvolle Verbindung für Videostreaming, schon gar nicht in eine VR-Brille. Wenn ich mobil sein will, bin ich abhängig von WiFi, was ich beispielsweise in der Deutschen Bahn häufig vergessen kann. Eine Datenverbindung über Kabel hätte die Flow tatsächlich unabhängig und mobil gemacht. Doch schon der unzureichende Sweetspot, die Randunschärfe und die Linsenspiegelungen des Displays sind meiner Meinung nach für gutes Nasenkino nicht zu gebrauchen.

Die Bedienung über den Smartphone-Laserpointer ist eine Zumutung. Sie hätten eine einfache Steuerungstaste am Brillenbügel integrieren können, nach Vorbild der Pico Neo 3 Pro (Test) und deren Vorgänger-Brillen. Sie hätten einfach einen kleinen Controller beilegen können. Oder sie hätten auf die teilweise in einigen Apps vorhandene Blicksteuerung setzen können.

Unter dem Strich wäre die Vive Flow in Anbetracht der sinnvoll möglichen Anwendungsbereiche auch für 250 Euro noch teuer. Sie kostet aber 300 Euro mehr.

Nope, HTC, wirklich nicht.

Vive Flow Datenblatt