TikTok, Instagram, Snapchat – AR-Filter verändern Selbstwahrnehmung

TikTok, Instagram, Snapchat – AR-Filter verändern Selbstwahrnehmung

Forschende untersuchen, wie sich Beauty-AR-Filter auf die Selbstwahrnehmung auswirken. Das Ergebnis fällt zwiegespalten aus.

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Die Diskussionen über die Auswirkungen von Social-Apps wie Instagram, TikTok oder Snapchat speziell auf die Selbstwahrnehmung junger Menschen sind ungefähr so alt wie die Plattformen selbst.

Zuletzt nahmen sie bei Instagram wieder deutlich an Fahrt auf, nachdem das Wall Street Journal interne Forschungsergebnisse von Meta enthüllt hatte: Laut des Berichts ist sich Meta negativer Auswirkungen von Instagram speziell auf Psyche junger Mädchen bewusst – adressiert diese aber zugunsten des Profits nicht.

Laut Meta ist diese Darstellung falsch, interne Abstimmungsprozesse seien komplexer als in der Berichterstattung dargestellt.

Augmented-Reality-Filter: Realititätsverzerrung auf einem neuen Level

Mit AR-Filtern steht auf Plattformen wie Instagram, TikTok und Snapchat ein neues Werkzeug parat, das die bei vielen Accounts ohnehin schon verzerrte Realitätsdarstellung im Kontext eines Körperkults auf ein neues Level heben kann. Natürlich löst AR-Technik diese Problematik nicht grundsätzlich aus, kann aber als weiterer Katalysator dienen.

Diese Erkenntnis ist nicht neu, sie sorgte bereits für eine Debatte und eine Konsequenz: Im Frühjahr 2020 nahm Facebook Beauty-Filter von Instagram, die ein Gesicht per digitaler Schönheits-OP vermeintlich verschönern.

Entsprechende AR-Filter können etwa Augen vergrößern oder Lippen voller machen und das in Echtzeit in Videos. Eine Ende 2019 veröffentlichte Studie zeigt, dass solche Gesichtsfilter das Interesse an Schönheits-Operationen steigern können.

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Forschungsarbeit: Wie wirken sich AR-Filter auf das Selbstbild aus?

Marketing-Forschende von vier Universitäten haben jetzt in einer Studie die Wirkung von Make-up-Filtern untersucht, die weiter auf den Plattformen verfügbar sind.

„AR-Filter werden häufig verwendet, um das Aussehen eines Verbrauchers zu verändern. Dies mag harmlos erscheinen, aber das physische Erscheinungsbild ist eine Schlüsselkomponente der Identität und kann als solche erhebliche Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden haben“, begründen die Forschenden ihre Arbeit.

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Sie sprechen in diesem Kontext vom „augmentierten Selbst“ – ein Selbstbild beeinflusst durch AR-Technologie, das sowohl Bedrohung als auch Chance sei im Sinne der Selbstverbesserung. In einer Studienreihe untersuchten sie die Selbstwahrnehmung vor und nach der Nutzung eines Make-up AR-Filters im Vergleich zum herkömmlichen Spiegelbild.

Das Ergebnis: Das Ausgangsniveau des eigenen Selbstwertgefühls beeinflusst die Wirkung der AR-Filter maßgeblich – aber anders als vielleicht erwartet.

Proband:innen mit einem hohen Selbstwertgefühl erlebten nach der Filter-Nutzung eine um 44 Prozent größere Lücke zum Idealzustand als nach der Betrachtung ihres Spiegelbildes. Proband:innen mit einem geringen Selbstwertgefühl berichteten hingegen nach der Nutzung des AR-Filters eine um 16 Prozent geringe Lücke zum Idealzustand.

Wie passt das zusammen? Proband:innen mit geringem Selbstwertgefühl fühlten sich laut der Forschenden mit dem AR-Filter „schöner“, also näher an einem Ideal. Der Filter zeigte ihnen einen attraktiven, womöglich erreichbaren Alternativzustand des eigenen Selbst.

Selbstzufriedene Proband:innen fühlten sich hingegen durch den visuell realistischen Eingriff in ihr natürliches Aussehen eher verunsichert. „In einer Folgebefragung fanden wir heraus, dass der AR-Filter die Diskrepanz zwischen dem gewünschten und dem tatsächlichen Aussehen der Teilnehmer vergrößerte und damit ihr Selbstmitgefühl und ihre Toleranz für ihre eigenen körperlichen Mängel verringerte“, schreiben die Forschenden.

AR-Filter sollen unrealistische Schönheitsstandards nicht verstärken

Laut der Marketing-Forschenden haben AR-Filter „einen erheblichen Einfluss darauf, wie Menschen sich selbst sehen – im Guten wie im Schlechten“. Sie fordern klare Richtlinien und schlagen einen ersten Handlungsrahmen vor, den sie in ihrem Forschungspapier ausführlich beschreiben.

  1. Keine unrealistischen Schönheitsstandards fördern
  2. Selbst gewählte Anpassungen zulassen
  3. Positive Selbstbestätigung ermutigen
  4. Risiken für die psychische Gesundheit anerkennen und angehen
  5. Einen ethischen Kodex mitgestalten

Die Aufforderungen richten sich insbesondere an die Werbeindustrie. Unternehmen müssten sich „proaktiv mit den unvorhergesehenen Herausforderungen auseinandersetzen, die mit der digitalen Erweiterung der Selbstwahrnehmung einhergehen“ und stets im Auge behalten, wie sich AR-Technologie auf das psychische Wohlbefinden der Verbraucher:innen auswirken könnte.

Weiterlesen über AR-Filter:

Quelle: Harvard Business Review, Science Direct