In einem breit angelegten Vergleich bewerten Marktforscher die besten Anbieter für autonome Fahrsysteme. Wie schlägt sich Tesla gegen Waymo, Nvidia, Baidu und Co? 

Autonomes Fahren ist eine Milliardenindustrie. Beinahe jeder große Tech-Konzern investiert in Robo-Autos und Start-ups, die Systeme für selbstfahrende Vehikel entwickeln.

Das weltweit agierende Marktforschungsunternehmen Guidehouse Insights hat die wichtigsten Player der Branche untersucht: Das Unternehmen veröffentlichte kürzlich einen Report, in dem es die besten Hersteller autonomer Fahrsysteme einem umfassenden Vergleich unterzieht. Insgesamt wurden 15 Unternehmen bewertet, darunter Waymo, Baidu, Cruise, Nvidia und Tesla.

Was die Rangliste zum autonomen Fahren aussagen will

In das Ranking wurden nur Unternehmen aufgenommen, die autonome Fahrsysteme für leichte bis mittlere Nutzfahrzeuge entwickeln. Guidehouse will mit der Bewertung herausstellen, welche Firmen am besten für die Führung des noch jungen Marktes gerüstet sind. In die Punktevergabe flossen neben der Technologie auch die Unternehmensstrategie und deren tatsächliche Ausführung mit ein.

Die Marktforscher unterteilen die bewerteten Organisationen in vier Gruppen: die „Anführer“ an der Spitze, gefolgt von den „Anwärtern“, den „Herausfordern“ und zuletzt die „Verfolger“. In der Gruppe der Verfolger befindet sich genau ein Unternehmen: Tesla. Der Guidhouse Insights Report richtet sich vorrangig an Investoren und Unternehmen, die autonome Fahrsysteme kommerziell nutzen möchten.

Ranking für autonomes Fahren: Darum ist Tesla mit dabei

Warum der E-Auto-Hersteller das Schlusslicht dieses Rankings markiert, erläutert Sam Abuelsamid von Guidehouse Insights in einem Interview: „Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher, ob sie überhaupt in diese Gruppe gehören“, sagt Abuelsamid.

Der Autobauer Tesla arbeitet laut Tech-Milliardär Elon Musk an einer auf Künstliche Intelligenz spezialisierten Hardware.

Für die Marktforscher von Guidehouse Insight verspricht Tesla-CEO Elon Musk zu viel.

Tesla und CEO Elon Musk bestünden durch ihr aggressives Marketing allerdings immer wieder darauf, dass sie „Full Self-Driving“-Technologien entwickeln würden. Zudem bekämen sie die meiste Aufmerksamkeit von Medien und Finanzmärkten. Deshalb habe man sich entschlossen, Tesla in das Ranking mit aufzunehmen, um zu zeigen, wo das Unternehmen tatsächlich stehe.

Guidehouse lastet Tesla in seinem Bericht vor allem Defizite bei der Strategie und deren Ausführung an. Die Art, wie man das eigene System teste, stehe in grundlegendem Widerspruch zu praktisch jedem anderen Unternehmen in dieser Branche. Zudem nutze man ein Schlupfloch: Die „hands-on, eyes-on“-Anforderung mache Teslas Full Self-Driving technisch gesehen zu einem Fahrassistenzsystem.

Fragwürdiges Marketing überschattet Teslas Potenzial

Dadurch falle es nicht unter das US-Regelwerk für autonomes Fahren, was Tesla erlaube, sein System größer zu vermarkten, als es ist. Tesla müsse laut Guidehouse seinen Ansatz zur Entwicklung autonomer Fahrsysteme gründlich überdenken.

Das Unternehmen habe mit seinem Marketing fast fünf Jahre lang zu viel versprochen und zu wenig geliefert. Solange Tesla nicht transparenter agiere, sei es unwahrscheinlich, dass es sich in diesem Ranking verbessere.

Tesla wird immer wieder vorgeworfen, seine Systeme für autonomes Fahren im öffentlichen Verkehr zu testen und damit hohe Risiken einzugehen. Zudem suggeriere die Namensgebung „Autopilot“ und „Full Self-Driving“ Nutzern ein ausgewachsenes selbstfahrendes System, das auch komplexe Verkehrssituationen meistern kann.

Dazu ist es aber nicht in der Lage: Tesla kombiniert verschiedene Fahrassistenzsysteme wie Spurhalteassistenten und adaptive Abstandshalter. Somit ist der Autopilot auf Stufe 2 der SAE J3016-Norm für autonomes Fahren einzuordnen. Der Mensch muss stets auf den Verkehr achten, sofort eingreifen können und darf die Hände nicht vom Lenkrad nehmen.

Darauf weist Tesla zwar immer wieder hin, dennoch kommt es zu missbräuchlichem Verhalten, bei dem Fahrer die Kontrolle ganz an das System abgeben.

Baidu und die smarte Infrastruktur

Deutlich besser als Tesla schneiden die KI-Experten unter den Herstellern ab. Auf dem vierten Platz des Rankings landet der chinesische Internet- und KI-Gigant Baidu. Das Apollo-System ist laut Guidehouse umfassend und nutze Lidar-, Radar- und Kamerasensoren gemeinsam mit zellularer „vehicle-to-everything (C-V2X)“-Kommunikation. All das laufe auf einer speziell entwickelten Rechenplattform zusammen.

Ein autonom fahrendes Taxi von Baidu in Peking.

Diese autonom fahrenden Taxis schickt Baidu ohne Sicherheitsfahrer durch Peking. | Bild: Baidu

Baidu biete schon jetzt eine Reihe von Kommunikations-, Mapping- und Streaming-Diensten für Automobilhersteller auf dem chinesischen Markt an. Man habe ein starkes Partnernetzwerk, das unter anderem Volkswagen, Ford, BMW und die größten chinesischen Autobauer umfasse.

Baidu startete Anfang des Jahres einen großen Testlauf für autonomes Fahren in der chinesischen Metropole Guangzhou. Bestimmte Bereiche der Stadt wurden mit einer KI-Straßeninfrastruktur ausgestattet. Dadurch konnten smarte Verkehrsschilder und Ampeln mit Robo-Taxis aus der Baidu-Flotte kommunizieren und Informationen zur Verkehrslage austauschen.

Argo AI: Autonomes Fahren in Autobahngeschwindigkeit

Argo AI wird zu großen Teilen von Volkswagen und Ford finanziert. Nach einer Investition von über zwei Milliarden Euro durch VW eröffnete Argo AI eine Europazentrale in München. Für nächstes Jahr plant das amerikanische Start-up zudem, eine eigene Teststrecke am Münchner Flughafen zu beziehen.

Das Concept Car ID. BUZZ von Volkswagen wird mit einem KI-System für autonomes Fahren von Argo AI ausgerüstet.

Das Concept Car ID. BUZZ von Volkswagen wird mit einem KI-System für autonomes Fahren von Argo AI ausgerüstet. | Flughafen München / Volkswagen

Argo AI konnte bereits erfolgreiche Tests in Autobahngeschwindigkeiten durchführen. Das gelang nicht zuletzt wegen eines Durchbruchs in der Lidar-Forschung: Argo AI stellte kürzlich den „Argo Lidar“ vor, der auf Reichweiten bis 400 Meter genaueste Ergebnisse liefert. Guidehouse sieht besonders großes Potenzial in der Fähigkeit, sichere Highway-Fahrten bei hohen Geschwindigkeiten absolvieren zu können.

Nvidias KI-Chips dominieren die Branche

Nvidia ist vielen vor allem wegen seiner leistungsstarken PC-Grafikkarten ein Begriff. Die stecken aber längst nicht mehr nur in Gaming-PCs: Nvidia ist eines der führenden KI-Unternehmen weltweit und stellt KI-Chips her, die in autonomen Fahrsystemen und Fahrassistenzsystemen renommierter Autobauer verbaut werden. So setzt beispielsweise Daimler für die nächste Generation an Elektrofahrzeugen auf Nvidias System-on-a-Chip „Orin“.

Im Guidehouse-Bericht heißt es: „Zusätzlich zur Hardware hat Nvidia einen relativ kompletten ADS-Software-Stack entwickelt, der alles umfasst, was benötigt wird, einschließlich Signalverarbeitung, Wahrnehmung, Fahrpolitik und Steuerelemente.“ Nvidias Drive Hardware-Plattform sei in der Branche ziemlich dominant.

Googles Waymo fährt allen davon

Waymo wird von vielen Experten als führend angesehen beim autonomen Fahren. Googles Schwester-Unternehmen übernahm die Entwicklung des „Google Driverless Cars“ 2014 und konzentrierte sich schon bald auf KI-basierte autonome Fahrsysteme.

Den „Waymo Driver“ gibt es mittlerweile in der fünften Generation. Besonders in der Sensorik und deren Herstellung konnte Waymo in der jüngsten Vergangenheit große Fortschritte erzielen.

In Chandler, Arizona, bietet Waymo einen selbstfahrenden Robo-Taxi-Service an, der ohne Sicherheitsfahrer auskommt. Sowohl Volvo als auch der Autokonzern Stellantis, zu dem unter anderem Fiat Chrysler und PSA gehören, setzen auf den Waymo Driver. Das System soll als Plattform für künftige selbstfahrende Level-4-Vehikel der Autobauer dienen.

Neben der Ausweitung des Waymo One-Taxi-Dienstes in Arizona plant das Unternehmen dort auch einen autonomen Lieferservice. Dabei sollen Nutzfahrzeuge von Stellantis zum Einsatz kommen. Anfang letzten Jahres startete Waymo erstmals eine Finanzierungsrunde für externe Investoren. Bislang flossen Gelder ausschließlich vom Mutterkonzern Alphabet.

Guidehouse nimmt an, dass der Öffnung für Investoren die Erkenntnis zugrundeliegt, dass ein breiter Einsatz autonomer Fahrsystemen nicht unmittelbar bevorsteht. Durch neue Investitionsmittel habe Waymo gute Möglichkeiten, Umsatz und Profitabilität zu steigern und die Ausgaben von Alphabet zu reduzieren.

Das Verfolger-Feld und die komplette Rangliste

Neben den top vier der Branche und Tesla als Schlusslicht mit Nachholbedarf listet Guidehouse noch viele weitere Start-ups mit großem Marktpotenzial.

Im Kreis der Verfolger siedeln die Marktforscher unter anderem Mobileyeye an: Das Unternehmen fertigt seit zwanzig Jahren Fahrassistenzsysteme für die Automobilindustrie und wurde unlängst vom Chip-Hersteller Intel übernommen.

Ford mit autonomem Fahrsystem von Intel und Mobileye steht auf einem Platz in München

Mobileye und Intel testen auf den Straßen und Autobahnen rund um München selbstfahrende Autos. | Bild: Intel / Mobileye

Das von ehemaligen Google- und Tesla-Ingenieuren gegründete Aurora schafft es ebenfalls in die Riege der „Anwärter“. Aurora stattet künftig Volvos Robo-Trucks aus.

Auch Amazons australischer Robo-Taxi-Hersteller Zoox findet sich in der Liste, ebenso wie Cruise. Die General Motors-Tochter wird von Microsoft mitfinanziert und stellt zusammen mit Walmart einen autonom fahrenden Lieferservice auf die Beine.

Nicht in die Liste geschafft haben es hingegen viele der aufstrebenden chinesischen Start-ups und E-Auto-Hersteller wie Pony.ai und Xpeng. Das vom Internet-Giganten Alibaba finanzierte AutoX reihte sich lediglich auf Platz zwölf ein.

Eine Rundfahrt ums autonome Fahren unternehmen wir im MIXED.de Podcast #242.

Die komplette Rangliste des Guidehouse Insights Reports:

Anführer:

  • Platz 1: Waymo
  • Platz 2: Nvidia
  • Platz 3: Argo AI
  • Platz 4: Baidu

Anwärter:

  • Platz 5: Cruise
  • Platz 6: Motional
  • Platz 7: Mobileye
  • Platz 8 Aurora
  • Platz 9: Zoox
  • Platz 10: Nuro
  • Platz 11: Yandex
  • Platz 12: AutoX

Herausforderer:

  • Platz 13: Gatik
  • Platz 14: May Mobility

Verfolger:

  • Platz 15: Tesla

Titelbild: Zoox, Quelle: Guidehouse Insights

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