Der Story-Puzzler “A Fisherman’s Tale” für HTC Vive, Oculus Rift, Windows Mixed Reality und Playstation VR überzeugt im Vorabtest mit cleveren Rätseln und viel Herzenswärme.

Die Geschichte des einsamen Fischers Bob im verwunschenen Leuchtturm startet mit einem Blick in den Spiegel. Der Fischer bin ich. Anstatt aus Fleisch und Blut bin ich komplett aus Holz geschnitzt. Eine Puppe.

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Was ist die Geschichte des geheimnisvollen Fischers?

Routinen, sagt mir eine Erzählerstimme, sind mir, dem hölzernen Bob, sehr wichtig. Ich folge also brav den Handlungen, die der Erzähler beschreibt.

Ich putze meine Zähne, staube eine Vase ab, öffne das Fenster und genieße den Blick aufs weite Meer. Dann startet die Arbeit. Mein Langzeitprojekt: Ich fertige mitten im Raum ein hölzernes Modell meines eigenen Leuchtturms, setze die letzten Bauteile zusammen. Ein guter Tag. Oder?

Am nächsten Morgen erwache ich in meinem Fischerkostüm, gehe meinen Routinen nach, doch – oh Schreck – das Fenster ist vernagelt. Wie ist das passiert?

Mit einem Feuerhaken breche ich die Holzbretter vor dem Fenster weg, stoße die Fensterläden auf. Was ich sehe, überrascht mich.

Das Zimmer im Zimmer im Zimmer

Denn das Fenster gibt nicht etwa wie gewohnt den Blick aufs weite Meer frei. Stattdessen sehe ich mich selbst. Oder besser gesagt: den Rücken eines gigantischen Maxi-Bobs, der in einer riesigen Version meines Zimmers steht und sich mit mir im Einklang bewegt.

Mir kommt eine Idee. Ich drehe mich herum, nehme das Dach meines Leuchtturmmodells ab und schaue in die Miniatur-Version meines Zimmers.

In der Tat: Mitten in dem Modellzimmer steht ein Mini-Bob. Wie meine Maxi-Version bewegt sich auch die Miniaturvariante mit mir im Einklang. Verblüffend.

Eine Welt in einer Welt in einer Welt: Die ersten Testberichte zeigen, was sich hinter dem einzigartigen Spielkonzept verbirgt.

Maxi-Bob, Bob, Mini-Bob (nicht im Bild). Sie helfen sich bei den Rätseln. Bild: Innerspace VR

Diese Größenunterschiede und der Wechsel zwischen den Welten ist der grundlegende Rätselmechanismus in der Fischers-Geschichte.

Ein Beispiel: Ein kleines Krustentier wohnt in meinem Regal. Es weiß, wo der Schlüssel zum nächsten Zimmer liegt. Doch aushändigen will das Scheusal den Schlüssel nur mit einer Kapitänsmütze auf dem Kopf.

Zwar finde ich die Mütze schnell in meinem Schrank. Doch sie ist natürlich für meinen Kopf gemacht. Für den kleinen Meeresbewohner ist sie viel zu groß.

Also lege ich die große Mütze auf den Tisch neben dem Regal. Anschließend trete ich an das Miniaturmodell meines Zimmers heran und inspiziere dort den Mini-Tisch neben dem Mini-Regal. Und tatsächlich: Dort liegt auch ein Mini-Kapitänshut. Ich greife den Hut und gebe sie dem Krustentier. Rätsel gelöst.

Dasselbe Prinzip funktioniert von klein nach groß: Der schwere Anker vor der Zimmertür versperrt mir den Weg nach draußen. In der Miniaturversion meines Zimmers kann ich ihn hingegen ganz leicht von der Wand pflücken.

Als ich dafür in das Puppenzimmer greife, reicht von oben die gigantische Hand des Maxi-Bobs in meinen Raum und beseitigt parallel die Anker-Barriere in meinem Zimmer.

Die Geschichte des Fischers

Schon in den beiden insgesamt rund 60 Minuten langen Anspiel-Rätseln wird klar, dass “A Fisherman’s Tale” nicht allein mit einem ausgefeilten Spielablauf punkten möchte. Die VR-Erfahrung will als erzählerisches Gesamtkunstwerk Eindruck machen.

Und das gelingt in der einen Stunde sehr gut: Bobs Geschichte ist spannend und mit viel Charme erzählt. Schnell wird klar, dass es um mehr geht als ein ausgefallenes Zimmerproblem.

Die Rätsel sind mit Bobs Schicksal verbunden, das wiederum eng mit dem Meer verknüpft ist. Kurze Zwischensequenzen deuten das an. Bob kämpft in einem kleinen Fischerkutter gegen riesige Wellen.

Irgendetwas stimmt hier nicht, das merkt man, und des Rätsels Lösung ist auf der Spitze des Leuchtturms, wo ein Feuer entzündet werden muss – denn ein Sturm zieht auf und ein einsames Boot ist in Gefahr.

Im Maul eines großen oder kleinen Fisches wechselt ihr zwischen den Welten. Bild: Innerspace VR

Im Maul eines großen – oder auch mal kleinen – Fisches wechselt ihr zwischen den Welten. Bild: Innerspace VR

Die Rätsel halten das Oberstübchen auf Trab, gerade so, dass es nicht eingeschnappt schmollt und man die VR-Brille immer noch einen Moment länger aufbehalten will, um zu sehen, was als Nächstes passiert. Schnell setzt der “Diese eine Sache probiere ich noch”-Faktor ein.

Der Entwickler verspricht ausreichend Abwechslung und Überraschung, sodass sich das Mini-Maxi-Prinzip in den voraussichtlich vier bis fünf Stunden Spielzeit nicht abnutzt. “A Fisherman’s Tale” dürfte eher in die Kategorie “kurz, aber oho” fallen.

Das Studio Innerspace VR zeichnet auch für die visuell beeindruckenden VR-Theaterinszenierungen “Firebird La Peri” und “The Unfinished” verantwortlich, die in die gleiche Kerbe schlagen. Im Vergleich bietet das neueste Werk des Studios jedoch deutlich mehr Interaktion bei einem ähnlich hohen Produktionsstandard und wesentlich mehr Umfang.

Erscheinen wird “A Fisherman’s Tale” im Januar 2019 für Oculus Rift, HTC Vive, Windows-Brillen und Playstation VR. Der Preis liegt bei 15 Euro. Es gibt eine deutsche Sprachausgabe und die ist sogar gut.


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