Ghost Giant ist mehr als eine VR-Fabelwelt: Hinter der farbenfrohen Fassade schlummert ein Spiel, das von seelischer und materieller Not erzählt. Ob sich die Reise lohnt, erfahrt ihr in meinem Test.

In Ghost Giant schlüpft man in die Rolle eines Geists, der wie von Zauberhand aus den Tränen eines Bauernjungen entsteht. Louie heißt der Kleine und sitzt an einem Teich, allein und verzweifelt.

In den ersten Spielminuten freundet man sich zaghaft mit dem Jungen in Not an. Als man ihn mit seinem durchsichtigen Finger anstupst, erschrickt er und sucht das Weite. Erst nach einer Weile merkt das Kind, dass man trotz unheimlicher Erscheinung nichts Böses im Schilde führt. So beginnt eine wunderbare Freundschaft.

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Das ist Louies Bauernhof. BILD: Zoink

Wunderschöne Miniaturwelten

In den nächsten drei bis vier Stunden lernt man Louie, sein Umfeld und sein Leben genauer kennen, indem man ihn auf Schritt und Tritt begleitet.

Ghost Giant besteht aus dreizehn Szenen, in denen man von Schauplatz zu Schauplatz springt. Man thront dabei stets riesenhaft in der Mitte der Szene und hat die gesamte Umgebung im Blick. Mit den virtuellen Händen interagiert man mit dem Umfeld. Künstliche Fortbewegung gibt es nicht.

Betritt man die Welt von Ghost Giant zum ersten Mal, fällt einem sofort die mit viel Liebe gestaltete Umgebung ins Auge. Egal ob es sich um einen Bauernhof, ein Waldstück oder die Stadt Sancourt handelt: Die Miniaturwelten erinnern an Kulissen eines Puppentheaters und sind in ihrer farbenfrohen Pappmaché-Ästhetik wunderhübsch anzusehen.

Die Bewohner dieser Welt sind flüssig animiert und erscheinen als vermenschlichte Tierwesen, die dem Spiel einen Fabelcharakter verleihen. Hinzu kommen zahlreiche augenzwinkernde Anspielungen an die französische Kultur, von der das Spiel inspiriert ist.

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In viele der Häuser kann man hineinschauen und deren Bewohner beobachten. BILD: Zoink

Unglückliche Rätselei

Der Bauernjunge Louie weinte nicht ohne Grund: Mit seinem besten Freund Maurice hat er sich zerstritten, seine Mama scheint verschwunden und zu allem hinzu müssen auch noch die Sonnenblumenfelder bestellt werden. Da stellt Louie fest, dass die Sonnenblumensamen von Ratten aufgefressen wurden. Die Existenzgrundlage scheint zerstört. Selbst das Geld für neue Samen fehlt.

Hier kommt man als geisterhafter Freund und Helfer ins Spiel: Man hilft Louie, in die Stadt zu fahren, greift ihm bei seinen Besorgungen unter die Arme, ermuntert ihn und steht ihm in schwierigen Momenten zur Seite.

Bei diesen Aufgaben muss man Rätsel lösen, indem man die Umgebung erforscht, Gegenstände findet und kombiniert sowie diverse Schalter drückt und Hebel zieht. Hier zeigt sich das Spiel nicht von seiner besten Seite: Vieler dieser Rätsel sind entweder zu leicht oder zu schwer zu lösen.

Statt Heureka-Momenten erlebt man in solchen Augenblicken, wie der spielerische und erzählerische Fluss zum Erliegen kommt und rätselt, was das Spiel von einem verlangt.

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In der Stadt Sancourt trifft man Freunde der Familie. BILD: Zoink

Ernste Themen

Besonders nervig sind die Physik-Aufgaben. In einer Szene muss man auf einem Friedhof mit einem Kran nach Gegenständen fischen. Das gestaltet sich wegen der unberechbaren Physik-Simulation und einer unsichtbaren, den Bewegungsspielraum einschränkenden Wand sehr umständlich.

Eine immer wieder auftauchende technische Stolperfalle ist das begrenzte Sichtfeld der Playstation Kamera. So passiert es oft, dass man mit der Hand ins Leere greift, weil die Kamera den Move-Controller aus den Augen verliert. In diesem Fall hilft nur eine schnelle Rezentrierung der VR-Brille im virtuellen Raum. Generell empfehle ich das Spielen im Stehen. So ist man flexibler und kann besser auf Trackinglücken reagieren.

In der zweiten Hälfte des Spiels lernt man Louies Mutter und den Grund für ihre Zurückgezogenheit kennen: Sie leidet unter Depressionen und ist psychisch so geschwächt, dass sie ihren Sohn und den Bauernhof vernachlässigt. In der Folge unterstützt man Louie dabei, seiner Mutter zu helfen, indem man ihr ein besonderes Geschenk macht.

Fazit

Ghost Giant ist ein Spiel, das süß aussieht, aber schwierige Themen darstellt. An dieses führt es gefühlvoll durch die unschuldigen Augen eines betroffenen Kinds heran.

Leider wird die Geschichte von spielerischen und technischen Schwächen zurückgehalten: Die teils krampfhafte Suche nach Gegenständen und des Rätsels Lösung, die Physik-Geschicklichkeitsaufgaben und das mangelhafte Tracking reißen einen zu oft aus der Illusion, Teil dieser Welt zu sein. Daran können auch das großartige Grafik- und Setdesign nur bedingt etwas ändern.

Wer Ghost Giant spielt, sollte auf jeden Fall viel Geduld mitbringen. Belohnt wird man durch eine Reihe ergreifende Geschichte, liebevoll gestaltete Charaktere und poetische Szenen, die so nur in der Virtual Reality möglich sind und die man nicht so schnell wieder vergisst.

Ghost Giant ist im Playstation Store erhältlich und kostet 25 Euro. Die Move-Controller werden vorausgesetzt. Das Spiel liegt leider nicht in voller deutscher Synchronisation vor: Spieler müssen mit englischer Sprachausgabe und deutschen Untertiteln vorlieb nehmen.

Titelbild: Zoink

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