Das Pariser Startup Nextmind arbeitet an einem handlichen Gehirn-Computer-Interface. Auf der CES 2020 wird das Entwicklerkit enthüllt, das in der zweiten Jahreshälfte ausgeliefert wird und lediglich 400 US-Dollar kosten soll. Die ersten Demos beeindrucken.

Das Gerät ist noninvasiv, 60 Gramm leicht und wird in Form einer kleinen Scheibe am Hinterkopf getragen, wo sich der visuelle Cortex befindet. Acht aus besonders sensiblem Material gefertigte Elektroden dringen wie ein Kamm durchs Haar an die Kopfoberfläche und messen die Hirnaktivität.

Der Nutzer muss sich zunächst auf ein markantes visuelles Objekt fokussieren, wodurch im Hirn ein maschinell dekodierbares Hirnwellenmuster entsteht. Die Neurosynchronität zwischen fokussiertem Objekt und den korrespondierenden Hirnströmen wird genutzt, um visuelle Aufmerksamkeit in Computerbefehle zu übersetzen.

Durch eine ständig hinzulernende KI geschieht das desto präziser, je häufiger man das Gerät einsetzt. Das folgende Video veranschaulicht dieses Prinzip.

Überzeugende Demos

Venturebeat konnte die Technologie anhand mehrerer Demos ausprobieren. In einem ersten Schritt wurde die Software kalibriert: Hierfür musste sich der Tester auf ein wiederkehrendes grünes Dreiecksmuster auf einem Bildschirm konzentrieren. Nach ein paar Minuten generierte das Gerät ein neuronales Profil.

In den darauffolgenden Demos konnte der Tester einen Fernseher bedienen, in dem er seine Aufmerksamkeit auf grüne Dreiecke lenkte. In der zweiten Demo steuerte er nach dem gleichen Prinzip ein simples Hüpfspiel. In der dritten Demo spielte er eine modifizierte Version des NES-Klassikers Duck Hunt und schoss die Enten allein durch visuelle Fokussierung ab. Die Demos seien zwar nicht perfekt, die Technologie funktioniere jedoch, resümiert der Tester.

Nach einem weiteren Training probierte der Redakteur eine VR-Spieledemo aus und brachte durch visuelle Fokussierung Alienhirne zum Platzen (siehe Werbevideo unten). Von der CES gab es zwei Auszeichnungen für die VR-Demonstration: “Beste VR/AR Innovation” und “Preisträger für Wearable-Technologie”.

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Ein Rendering des aktuellen Entwicklerkit-Produkts. BILD: Nextmind

Auf der Suche nach der Killer-App

Die derzeit größte Einschränkung bestünde aufseiten der Hardware, sagt CEO Sid Kouider gegenüber Venturebeat. Das Startup arbeitet jedoch an noch genaueren und kleineren Versionen.

Das Entwicklerkit wird schon diesen Monat an ausgewählte Entwickler und Partner verschickt. Nach einer Early-Access-Periode soll im zweiten Quartal 2020 eine zweite Tranche Hardware an Entwickler versandt werden. Sich auf die Warteliste setzen kann man hier.

Mit dem Entwicklerkit verfolgt Nextmind zwei Ziele: Zum einen werden mehr Daten gesammelt, wodurch die Hirnwellendeuter-KI verbessert wird, zum anderen werden neue Anwendungen erprobt. So wollen zum Beispiel Hersteller selbstfahrender Autos Elektroden in die Sitze einbauen, sodass man Komfortfunktionen des Fahrzeugs allein mit Hirnsignalen aktivieren kann.

Ein weiteres Anwendungsszenario wäre ein Hirn-Computer-Interface für AR-Brillen, das die Steuerung mittels Eyetracking, Gesten und Sprache ergänzen könnte. Zu diesem Zweck kaufte Facebook das Startup CTRL-Labs, das an einem ähnlichen Interface arbeitet, das in Form eines Armbands elektrische Steuersignale des Gehirns abfängt und mittels KI in Computerbefehle übersetzt.

Nextmind wurde 2017 vom Neurowissenschaftler Sid Koudier gegründet, der in Zeitschriften wie Science und Nature zum Thema publizierte. Das Startup beschäftigt derzeit 15 Angestellte in Bereichen wie Hard- und Software, Maschinenlernen und Spielentwicklung.

Titelbild: Nextmind, Quelle: Venturebeat

Weiterlesen über Hirn-Computer-Interfaces:

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