Wie es wohl ist, einen Körper mit einem anderen Menschen zu teilen? Diese Frage stellten sich japanische Forscher. Ihr VR-Experiment brachte ein verblüffendes Resultat.

Die Forscher der Toyohashi University of Technology erfassten die Bewegungen zweier Versuchsteilnehmer mittels Motion-Capturing-Anzügen. Mit einer VR-Brille wurden sie in den gleichen Avatar versetzt und mussten in der Simulation nach einem roten Würfel greifen.

Die Bewegungen des Avatars ergaben sich als Durchschnitt der Bewegungen der beiden Versuchsteilnehmer. Griff der erste nach rechts und der zweite nach linke, so griff der VR-Avatar nach vorne. Abbildung A illustriert das Prinzip.

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Zwei Menschen, ein virtueller Körper: So sieht der Versuchsaufbau aus. | Bild: Toyohashi University of Technology

Für das Experiment ließen die Forscher 20 Versuchsteilnehmer während fünf Minuten nach 35 bis 45 Würfeln greifen. Danach wurden die Bewegungen des Avatars mit denen des jeweiligen Teilnehmerpaars verglichen und letztere per Fragebogen zu ihrem VR-Körpergefühl befragt.

Besser zu zweit

Die Forscher schlussfolgern, dass die Bewegungen des Avatars den Bewegungen von Einzelpersonen überlegen sind: Der Avatar reagiere dank zweier Bewegungsinputs schneller, direkter und geschmeidiger.

Die Versuchsteilnehmer sollen gegenüber ihrem virtuellen Körper trotz geteilter Eigentümerschaft ein Gefühl von Handlungsfähigkeit und Zugehörigkeit gehabt haben. Daraus leiten die Forscher ab, dass Menschen Bewegungen eines geteilten Körpers unter Umständen eigenen Bewegungen vorziehen.

“Virtual Reality kann das Erscheinungsbild des eigenen Körpers durch verschiedene Avatare verändern. Unsere Studie zeigt, dass Menschen auch in Sachen Geist-Körper-Korrespondenz flexibel sind”, sagt Toyohashi-Professor Michiteru Kitazaki. “Der Versuchsteilnehmer schließt implizit auf die Kooperationsabsicht seines Partners und wählt eine geradlinigere Bewegung, um die Bewegung des Partners zu optimieren.”

VR-Roboter sind keine Science-Fiction

Das Experiment dient nicht nur wissenschaftlichen Neugier: Die Forscher sehen in VR-Avataren und ferngesteuerten Robotern ein wichtiges Kommunikationsmittel und Arbeitswerkzeug der Zukunft und wollen die Grenzen der Avatarverkörperung ausloten. Dazu gehört auch das kollaborative Arbeiten in ein- und demselben virtuellen Körper. Das Ergebnis ihrer Studie stimmt die Forscher zuversichtlich.

Als Nächstes wollen die Wissenschaftler herausfinden, ob Avatarbewegungen durch Gewichte am Körper der Versuchsteilnehmer optimiert werden können, um Abweichungen auszugleichen und inwiefern sich geteilte VR-Körper auf das Bewusstsein des Einzelnen sowie soziale Verhältnisse auswirken.

Die Forschung könnte helfen, Roboter zu entwickeln, die von einem oder mehreren Operateuren durch eine VR-Brille ferngesteuert werden. Das ist kein Science-Fiction-Szenario mehr: Die japanische Supermarktkette Familymart arbeitet mit dem in Tokio ansässigen Robotikunternehmen Telexistence an ferngesteuerten VR-Robotern und will bis 2022 20 VR-Roboter in Filialen arbeiten lassen.

Welche Chancen in VR-Telepräsenzrobotern stecken könnten und wo die Technologie ihre Schwächen hat, diskutieren wir im MIXED.de Podcast Folge #204.

Quelle und Titelbild: Toyohashi University of Technology

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