Kubrick VR: Fan macht Filmsets virtuell begehbar

Kubrick VR: Fan macht Filmsets virtuell begehbar

Tim Wildgoose blickt auf eine zwanzigjährige Karriere in der Filmindustrie zurück. In seiner Freizeit frönt er seiner zweiten Leidenschaft: Virtual Reality. Der Filmemacher macht Schauplätze aus Kubrick-Filmen in VR begehbar und bewirbt die Technologie als mächtiges Filmwerkzeug.

Tim Wildgoose arbeitet als Konzeptkünstler und Abteilungsleiter an verschiedenen Filmen und Fernsehserien, derzeit in den britischen Pinewood Studios. Darüber hinaus hat er eine Reihe erfolgreicher Kurzfilme gedreht.

Virtual Reality verfolgt er seit dem ersten Rift-Prototyp. Seine professionelle Beschäftigung mit der Technologie setzte vor sechs bis sieben Jahren ein.

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„Mir wurde bewusst, dass Virtual Reality Riesenpotenzial hat bei der Visualisierung von Filmsets in der frühen Filmproduktion“, erzählt Wildgoose gegenüber MIXED. „Heutzutage wird so ziemlich jedes Requisit, Set und anderes Element der Filmproduktion zuerst in 3D modelliert. Mit VR-Visualisierung kann man eine Menge Kosten sparen.“

Als Beispiel nennt er teure Filmsets, die schon zur Hälfte fertiggestellt wurden, bevor die Produzenten merkten, dass die Kulissen verändert oder gänzlich umgestaltet werden müssen. Mit Prävisualisierung per Virtual Reality könne dies verhindert werden, meint Wildgoose.

Frühe VR-Technik überzeugte die Studiobosse nicht

Wildgoose entwickelte ein mobiles VR-System samt 3D-Visualisierungsanwendung, in die man 3D-Scans von Filmsets importieren und diese anschließend mit digitalen Requisiten ausstatten kann. Die Licht- und Wetterbedingungen können ebenso eingestellt werden wie die Linsen virtueller Kameras.

Wildgoose führte die VR-Visualisierung intern vor, doch die damalige Technik war unterentwickelt und überzeugte die Produzenten nicht.

Das Gleiche galt für zwei VR-Spinoffs, die Wildgoose für Guy Ritchies Kinofilm „King Arthur“ sowie einen Harry Potter-Film entwickelte: VR-Brillen (Vergleich) waren zu wenig verbreitet, um wirklich relevant zu sein für die Studios. „VR-Technologie wurde in den letzten Jahren besser, sodass ich hoffe, dass sie bald größere Verbreitung findet“, sagt Wildgoose.

In VR drehten die Kameraleute den Computerfilm "König der Löwen" wie einen echten.

In US-Studios wird Virtual Reality bereits zu Visualisierungszwecken eingesetzt. Ein großer Befürworter der Technologie ist König der Löwen-Regisseur Jon Favreau (hier ganz links). | Bild: Disney

VR-Comeback in der Quarantäne

Für seine Visualisierungs-App gestaltete der Filmemacher eigens detailgetreue Nachbauten von Kubrick-Filmsets. „Ich wählte Kubrick, weil ich ein großer Fan seiner Filme bin. Sie bieten Schauplätze mit großem Wiedererkennungswert und bringen die VR-Filmseterfahrung gut hinüber“, sagt Wildgoose.

Er habe es schon immer geliebt, an Filmsets zu sein und einer der coolsten Aspekte von Virtual Reality sei, dass man sich komplett in eine vollimmersive Umgebung teleportieren könne, die man unter normalen Umständen niemals zu sehen bekäme.

Wegen der Corona-Pandemie wurden die Arbeiten in den Pinewood-Filmstudios für mehrere Monate gestoppt. Diese Auszeit nutzte Wildgoose für die Wiederbelebung und Erweiterung seiner auf Eis gelegten VR-Projekte. Er brachte sich das 3D-Programm Blender bei und frischte sein Unreal Engine-Wissen auf.

Kubrik-Magie in Virtual Reality

In einem Youtube-Video demonstrierte er kürzlich das Ergebnis seiner Bemühungen: eine Kubrick-VR-Erfahrung mit eindrucksvoll rekonstruierten Sets aus Filmen wie „Dr. Strangelove“, „2001: Space Odyssey“ und „The Shining“.

„Die VR-Erfahrung soll den Qualitätsstandard meiner Arbeit demonstrieren, sollte ich die rechtliche Erlaubnis erhalten, sie öffentlich zugänglich zu machen.“ Derzeit versucht Wildgoose, mit den Rechteinhabern in Kontakt zu treten.

Eine viele Jahre alte DK2-Demo kann man noch immer auf der Internetseite Spectacular Ocular herunterladen, über die Wildgoose seinen VR-Visualisierungsdienst kommerziell bewirbt. Sie enthält eine digitale Rekonstruktion der Einsatzzentrale aus „Dr. Strangelove“.

Corona-Krise als Chance für Virtual Reality

Fünf Monate nach der pandemiebedingten Auszeit arbeitet Wildgoose erneut in den Pinewood Studios. Dort seien die einzelnen Abteilungen streng voneinander getrennt, um das Risiko einer Verbreitung des Virus und erneuten Schließung zu minimieren. „Es scheint der perfekte Augenblick zu sein, um sich in VR zu treffen, Ideen auszutauschen und Sets und Requisiten vorzuführen“, meint Wildgoose.

Seine Begeisterung für Virtual Reality ist nach wie vor groß: Er hofft, eines Tages Vollzeit an VR-Visualisierungsprojekten und Spinoffs von Filmen arbeiten zu können. Selbst ein VR-Spiel ist angedacht.

Wildgoose ist übrigens nicht der Erste, der Kubrick-Filmsets in VR rekonstruierte. Ein ähnliches VR-Projekt samt Download findet ihr unter dem verlinkten Artikel.

Hollywood nutzt VR bereits

In Hollywood hat sich Virtual Reality übrigens bereits als Filmwerkzeug etabliert. Da Kinofilme immer häufiger am und im Computer entstehen, nutzen Regisseure wie James Cameron („Avatar“), Jon Favreau („König der Löwen“) und Steven Spielberg („Ready Player One“) die Technik, um virtuell in die Szenen einzutauchen. Schauspieler können sich so mitunter besser in Szenen hineinversetzen und Regisseure sowie Kameraleute mit ungewohnten Perspektiven experimentieren.

Laut Favreau fühlt sich der VR-Dreh fast schon real an: “Man hat eine richtige Crew, die mit dem Film interagiert, die Kameraentscheidungen wie an einem echten Drehort trifft, anstatt nur einen Typ, der vor einer Tastatur sitzt und Kamerabewegungen programmiert.”

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Quelle und Titelbild: Tim Wildgoose